Skip to main content
/ 21.06.2013

Linke und Nation

Stefan Bollinger (Hrsg.)

Linke und Nation. Klassische Texte zu einer brisanten Frage

Wien: Promedia 2009 (Edition Linke Klassiker); 192 S.; 12,90 €; ISBN 978-3-85371-302-0
Das Buch hat den Charakter eines Readers, da es jeweils kurze, prägnante Auszüge aus den ausgewählten „klassischen Texten“ vereint, die vom Herausgeber unter Verzicht auf einen kritischen Apparat werksbiografisch eingeleitet werden. Der früheste Text stammt aus dem Kommunistischen Manifest (1848), der späteste ist genau hundert Jahre jünger. Diese Zeitbegrenzung ist inhaltlich nicht ganz nachvollziehbar, zumal der Schwerpunkt der knappen Einführung auf der Zeit seit 1949 liegt. Die T...
Stefan Bollinger (Hrsg.)

Linke und Nation. Klassische Texte zu einer brisanten Frage

Wien: Promedia 2009 (Edition Linke Klassiker); 192 S.; 12,90 €; ISBN 978-3-85371-302-0
Das Buch hat den Charakter eines Readers, da es jeweils kurze, prägnante Auszüge aus den ausgewählten „klassischen Texten“ vereint, die vom Herausgeber unter Verzicht auf einen kritischen Apparat werksbiografisch eingeleitet werden. Der früheste Text stammt aus dem Kommunistischen Manifest (1848), der späteste ist genau hundert Jahre jünger. Diese Zeitbegrenzung ist inhaltlich nicht ganz nachvollziehbar, zumal der Schwerpunkt der knappen Einführung auf der Zeit seit 1949 liegt. Die Texte werden fünf Kapiteln zugeordnet: (I) Internationalisten (Marx/Engels, Bebel, Kautsky, Luxemburg), (II) Verfechter der Selbstbestimmung (Lenin, Stalin, Trotzki, Gramsci), (III) das Konzept kultureller Autonomie (der Austromarxisten O. Bauer und Renner), (IV) linke Nationalisten (Connolly, Ho Chi Minh, Mao, Haywood) und (V) der „Sonderfall Linke und deutscher Faschismus“ (Radek, Abusch, Ackermann sowie die KPD-Proklamation „zur nationalen und sozialen Befreiung“ von 1930, die im Inhaltsverzeichnis fälschlich unter dem Namen Radeks, im Quellenregister ebenfalls irreführend unter Thälmann genannt wird). Stalins wirkungsgeschichtlich bedeutsamer Aufsatz „Marxismus und nationale Frage“ von 1913 findet sich zu Recht in der Auswahl, wobei Bollinger den problematischen Entstehungskontext – „gegen die […] polnischen und jüdischen Genossen“ – ebenso wenig verschweigt wie die noch problematischere Rezeptionsgeschichte: „Generationen von Marxisten lernten von Stalin vermeintlich marxistische Politik in der nationalen Frage mit all ihren Einschränkungen. Verhängnisvoller war aber seine politische Praxis“ (87). Frappierend ist die exklusive, ja vereinnahmende Verwendung des Begriffs „die Linke“ durch Bollinger: Die Auswahl enthält ausschließlich Texte von Marxisten, mehrheitlich Leninisten. Humanistische, pazifistische, feministische, anarchistische, reformistische, zionistische, christliche und andere Linke, die sich zur Frage der Nation äußerten, sucht man vergebens. So vermittelt der Band nicht mehr als einen ersten Eindruck vom Verhältnis „der Linken“ zur Nation, kann aber zur Orientierung über diese „brisante Frage“ wenig beitragen.
Gideon Botsch (GB)
Dr., Dipl. Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam (http://www.mmz-potsdam.de).
Rubrizierung: 2.232.222.255.335.432.312.42.612.622.642.68 Empfohlene Zitierweise: Gideon Botsch, Rezension zu: Stefan Bollinger (Hrsg.): Linke und Nation. Wien: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31240-linke-und-nation_37163, veröffentlicht am 15.12.2009. Buch-Nr.: 37163 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA