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/ 21.06.2013

Die Gegenwart der Lager

Tobias Pieper

Die Gegenwart der Lager. Zur Mikrophysik der Herrschaft in der deutschen Flüchtlingspolitik

Münster: Westfälisches Dampfboot 2008; 425 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-89691-741-6
Politikwiss. Diss. FU Berlin; Gutachter: W.-D. Narr. – Seit 1982 werden Asylsuchende und aufgrund ihres De-Facto-Flüchtlingsstatus geduldete Migrantinnen und Migranten in lagerähnlichen Unterkünften untergebracht. Flächendeckend wurde ein dezentrales Lagersystem aufgebaut, das zu Beginn der 90er-Jahre eine Kapazität für 1,5 Millionen Menschen erreichte. Heute leben immer noch 100.000 Menschen in diesen Unterkünften, die der Autor als eine Form staatlicher Entrechtung betrachtet. Dieses dez...
Tobias Pieper

Die Gegenwart der Lager. Zur Mikrophysik der Herrschaft in der deutschen Flüchtlingspolitik

Münster: Westfälisches Dampfboot 2008; 425 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-89691-741-6
Politikwiss. Diss. FU Berlin; Gutachter: W.-D. Narr. – Seit 1982 werden Asylsuchende und aufgrund ihres De-Facto-Flüchtlingsstatus geduldete Migrantinnen und Migranten in lagerähnlichen Unterkünften untergebracht. Flächendeckend wurde ein dezentrales Lagersystem aufgebaut, das zu Beginn der 90er-Jahre eine Kapazität für 1,5 Millionen Menschen erreichte. Heute leben immer noch 100.000 Menschen in diesen Unterkünften, die der Autor als eine Form staatlicher Entrechtung betrachtet. Dieses dezentrale Lagersystem, zu dem die sogenannten Auffanglager, die für eine langfristige Unterbringung konzipierten halboffenen Sammellager sowie die neuerdings als Zwischenstation eingerichteten Abschiebelager zählen, in seiner Gesamtheit zu erfassen und gesellschaftstheoretisch einzuordnen, ist das Ziel des Autors. Er fragt nach der Genese sowie den politischen Funktionen dieser Lagerunterbringung und untersucht die Bedingungen in den Lagern. Die Arbeit ist als vergleichende Untersuchung von drei unterschiedlichen Lagern konzipiert: Sammellager in der Metropole Berlin und im Flächenland Brandenburg sowie die Ausreiseeinrichtung Bramsche in Niedersachsen. Pieper nimmt die Perspektive der Betroffenen ein. Auf der Grundlage zahlreicher Interviews mit Bewohnern und Mitarbeitern der Unterkünfte gelingt ihm eine eindrückliche Beschreibung sowohl der Innenansicht des „Sozialraums“ (13) Lager, die sich in der Regel einer breiteren Öffentlichkeit verschließt als auch der von den Betroffenen wahrgenommenen Außenwelt, gekennzeichnet durch Alltagsrassismus und Ausschluss aus der Gesellschaft. Trotz lokaler Besonderheiten der einzelnen Unterkünfte lassen sich allgemeingültige Strukturprinzipien sowie Ausschluss- und „staatlich betriebene ‚Illegalisierungsmechanismen’“ (261) festmachen, wobei, aus raumtheoretischer Perspektive betrachtet, die „Dezentralität des Lagersystems [...] als eine zentrale administrative Kontrollstrategie“ (21) erkennbar wird. In weiteren theoretischen Überlegungen gelangt Pieper u. a. zu dem Befund eines „institutionalisierten Rassismus“ (335).
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3432.322.3252.3422.352.3132.315 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Tobias Pieper: Die Gegenwart der Lager. Münster: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29247-die-gegenwart-der-lager_34584, veröffentlicht am 16.12.2008. Buch-Nr.: 34584 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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