/ 21.06.2013
Das ganz normale Leben
Mary Fulbrook
Das ganz normale Leben. Alltag und Gesellschaft in der DDR. Aus dem Englischen von Karl Nicolai
Darmstadt: Primus Verlag 2008; 364 S.; geb., 29,90 €; ISBN 978-3-89678-643-2Das Leben „in einer eingezäunten Diktatur“ (7) lasse sich mit einer totalitären Betrachtungsweise nicht adäquat erfassen, schreibt Fulbrook, Professorin für Deutsche Geschichte am University College London. Zwar habe es sogar für die Millionen von Ostdeutschen, die nie gegen die politische Norm verstießen, genug Anlass gegeben, sich unterdrückt zu fühlen. Allein aus dieser Perspektive aber sei nicht zu erklären, warum es nach Meinung vieler Ostdeutscher möglich gewesen sei, „in...
Mary Fulbrook
Das ganz normale Leben. Alltag und Gesellschaft in der DDR. Aus dem Englischen von Karl Nicolai
Darmstadt: Primus Verlag 2008; 364 S.; geb., 29,90 €; ISBN 978-3-89678-643-2Das Leben „in einer eingezäunten Diktatur“ (7) lasse sich mit einer totalitären Betrachtungsweise nicht adäquat erfassen, schreibt Fulbrook, Professorin für Deutsche Geschichte am University College London. Zwar habe es sogar für die Millionen von Ostdeutschen, die nie gegen die politische Norm verstießen, genug Anlass gegeben, sich unterdrückt zu fühlen. Allein aus dieser Perspektive aber sei nicht zu erklären, warum es nach Meinung vieler Ostdeutscher möglich gewesen sei, „in der DDR ein ganz ‚normales Leben’ zu führen“ (10). Fulbrook geht deshalb den Strukturen und Lebenserfahrungen der DDR-Bürger nach mit dem erklärten Ziel, empirisch begründete neue Denkweisen über die Sozialgeschichte der DDR zu entwickeln. Es gelingt ihr, die (meist) bekannten Fakten so zu verknüpfen, dass sich das erhellende Bild einer Diktatur ergibt, die den Menschen zwar aufgezwungen war, dann aber von ihnen aktiv mitgetragen wurde. Dies geschah nach Erkenntnis der Autorin im Kern allerdings keineswegs so, wie es sich die SED gedacht hatte. Von der propagierten sozialistischen Persönlichkeit, zu der die Bürger gemacht werden sollten, war auch nach vierzig Jahren wenig zu sehen. Gleichwohl nutzte ein großer Teil der Bevölkerung die von der SED gewährten Möglichkeiten der gesellschaftlichen und politischen Teilnahme, bis hin zur Institution der Eingaben, mit denen sich die Bürger direkt an die Herrschenden richten konnten und dies auch in großer Zahl taten. Kehrseite dieser öffentlichen aktiven Teilnahme am System war allerdings die hohe Zahl der offiziellen und inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit – Fulbrook verliert die Schattenseiten der Diktatur trotz der Konzentration auf die Erfahrungen der Mehrheit niemals aus dem Blick. Bemerkenswert ist ferner, wie unbefangen sie auf Kontinuitäten bzw. analoge Entwicklungen zum Nationalsozialismus hinweist – und damit die Wahrnehmung dafür schärft, dass das SED-System unter anderem auch deshalb von den Menschen angenommen wurde, weil sie zumindest partiell schon über ähnliche gesellschaftliche Erfahrungen verfügten.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Mary Fulbrook: Das ganz normale Leben. Darmstadt: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29712-das-ganz-normale-leben_35187, veröffentlicht am 25.11.2008.
Buch-Nr.: 35187
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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