Das Gespenst der Geopolitik
Das geopolitische Denken feiert Renaissance. Doch steckt hinter dem Begriff mehr als bloß zynische Machtstaatspolitik, die ins intellektuelle und politische Elend führt? Oder ist Geopolitik im Gegenteil ein unverzichtbares Instrument zum wissenschaftlichen Verständnis und zur politischen Gestaltung einer Welt im Umbruch, in der Regeln keine Rolle mehr spielen? Jakob Kullik bespricht zwei Bücher, die sich aus ganz unterschiedlichen Stoßrichtungen, dem „Gespenst der Geopolitik“ annehmen.
Ein Gespenst geht um in deutschen Politikdebatten – das Gespenst der Geopolitik. Bei diesem Begriff, der noch vor einem Jahrzehnt nur sparsam in öffentlicher und analytischer Absicht verwendet wurde, ist Achtung geboten. Denn immer wieder muss aufs Neue gefragt werden, was genau unter Geopolitik zu verstehen ist und wie – und mit welcher Absicht – geopolitisches Denken funktioniert und legitimiert wird. Ist Geopolitik ein schauererzeugender Gespensterbegriff für selbsternannte Militärstrategen oder eine publizistische Schimäre, um Spracharmut angesichts komplexer Weltentwicklungen zu kaschieren? Oder ist sie womöglich ein, wenngleich altes, so doch brauchbares praktisches Analysekonzept der gegenwärtigen Weltordnung im Umbruch? Die Antwort ist nicht so eindeutig, wie man vermutlich gemeinhin glaubt. Je nach analytischer Perspektive und persönlicher Einstellung wird der Begriff auf verschiedene Weise gebraucht, (de)legitimiert und verteidigt. Die beiden besprochenen Bücher von Mark Leonard und Klaus Schlichte zeigen diese teils sehr unterschiedlichen Deutungs- und Verwendungsansätze geopolitischer Konzeptionen.
Geopolitik als Geophilosophie
Mark Leonard, Gründer und Direktor des Think-Tanks European Council on Foreign Relations legt mit Surving Chaos. Geopolitics When the Rules Fail, ein Buch vor, das dem Titel nach für stürmische Zeiten steht. Sein Hauptargument ist dreigeteilt: Er geht davon aus, dass die vom Westen erschaffene liberale Weltordnung am Zerfallen ist und eine multipolare Ordnung aufzieht. Doch die Hauptkonfliktlinie innerhalb dieser Ordnung ist nicht so sehr Amerika (und der Rest-Westen) gegen China, auch nicht Demokratien gegen Autokratien. Vielmehr sieht er zwei geopolitische Einstellungen miteinander ringen. Diese beiden Einstellungen verdichten sich in zwei Figuren – den Handwerkern („artisans“) und den Architekten („architects“) (9). Als Handwerker gelten jene Nationen, die sich auf das Reparieren, Neukombinieren und kleinteilige Neuerschaffen konzentrieren. Architekten hingegen entwerfen große politische Ordnungsvisionen und setzen alles daran, diese zu realisieren und zu beschützen.
Nach Leonard sind in der neuen Welt, die er auch als „Un-Order“ bezeichnet, die Handwerker besser aufgestellt, weil diese sich an die wechselnden, teilchaotischen Zustände anpassen, während die Architekten von der Realität überrumpelt und ihre Großvisionen von dieser über den Haufen geworfen würden. Handwerker sind ideal für eine Welt im Wandel positioniert, Architekten dagegen präferieren berechenbare Zustände. Anhand dieser Metapher teilt er die Großmächte, die um Einfluss und Mitgestaltung ringen, ein. China sieht er klar in der Rolle des Handwerkers, weil das Reich der Mitte Veränderung willkommen heißt, historisch mit Chaos und großen Umbrüchen vertraut ist und die postwestliche Ordnung umkrempeln will. Als Gewährsmann zitiert er Chinas allmächtigen Staats- und Parteichef Xi Jinping, der in der momentanen Übergangsphase große Veränderungen erkennt, wie man sie seit einem Jahrhundert nicht mehr gesehen hat.
Intuitiv würde man China wohl mit der Rolle des Herausforderer-Hegemons zu den USA versehen, der einen großen Alternativentwurf zur liberalen Ordnung verfolgt. Doch dem ist nach Leonard nicht so – zumindest noch nicht. China zeichne sich eher durch ein Zusammenspiel aus groß(machtpolitisch)em Veränderungs- und Gestaltungswillen und der Fähigkeit zur widersprüchlichen Anpassung aus. Der figurative Gegenpart ist Europa, das wie kein anderer Akteur an der hergebrachten Ordnung hängt und diese um jeden Preis bewahren will. Dieses geopolitische Mindset der Status-quo-Wahrung versperrt, so Leonard, die Einsicht, dass eine Zeit großer internationaler Veränderungen womöglich auch die eigene Rolle betrifft.
Das Buch ist daher nur in erster Linie eine Zustandsbeschreibung der heraufziehenden Un-Order, als vielmehr ein Appell an Europa, eigene Denkräume kritisch zu reflektieren und neue Handlungsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen: „My goal ist to help inspire political imagination from European leaders at a time when many of the patterns of thinking they embraced after the end of the Cold War are struggling to explain the world. The aim of this book is to counterpose the European approach of trying to preserve the post-Cold War order with an idealized Chinese model of embracing and preparing for change“ (11). Leonard geht es vordergründig also nicht um geostrategische Linien und Frontverläufe auf Weltkarten, sondern um Denklinien und Denkblockaden in den Regierungszentralen europäischer Hauptstädte, wo noch immer über die europäische Außenpolitik entschieden wird.
Europas drohendes ‚Jahrhundert der Demütigung‘
Der Autor (be)greift die Problematik des geopolitischen Überlebens in einer chaotischen Welt eher als psychopolitisches denn als rein politisch-diplomatisches Problem. Seiner Auffassung nach kann, ja muss Europa von China lernen, ohne es zu kopieren, um nicht unterzugehen. Die Großmacht China könne nämlich in positiver wie negativer Hinsicht als Vorbild für das Europa der Gegenwart dienen. In positiver Hinsicht zeige China, dass sich Mut, Risikofreude und Veränderungsbereitschaft auszahlen, wenn man die eigene Agenda beharrlich verfolgt. Europas Agenda bestehe jedoch überwiegend in der Bewahrung einer Ordnung im Zerfall und dem Schaffen neuer Regeln, die es lähmten und im geopolitischen Wettbewerb zurückwürfen. Das, was China ab Mitte des 19. Jahrhunderts durchmachen musste, drohe auch Europa – ein Jahrhundert der Demütigung (13). Dieser Vergleich mag auf den ersten Blick weit hergeholt sein, lohnt aber bei näherer Betrachtung: „In the nineteenth century, China was so burdened by internal challenges that it was unable to respond to the world around it. It cleaved to a rigid set of rules, protocols and customs about how the world should be ordered, and struggled to see how these were being overtaken by events. It thought it had all the answers and was not very curious about how foreigners conceived the world […]. On the current trajectory, Xi may well be proved right, and this could be the beginning of […] ‚Europe’s century of humiliation‘“ (12 f.).
Die Parallelen zur Gegenwart sind in der Tat frappierend: ein Europa, das an selbst geschaffenen Regeln und Ritualen erstickt und wenig Lust auf Veränderung zeigt – und wenn, dann meist in Gestalt neuer Regeln und Standards. Ein heraufziehendes Jahrhundert der Demütigung für Europa mag eine überzogene geopolitische Dystopie sein, zumal beim historischen Vergleich mit China noch Fremdbesatzung dazukäme. Und dennoch sind eine Reihe von Facetten schwer von der Hand zu weisen. Chinesische Denker und Analysten sehen Europa – und teils auch Amerika – schon länger als im Abstieg begriffen. Nun ist die Abstiegsgeschichte des Westens keine neue Erzählung. Zieht man die Linie bis zu Autoren wie Oswald Spengler oder Nikolaj Danilewski, steigt der Westen seit knapp 150 Jahren ab, um schlussendlich den jungen Völkern des Ostens weichen zu müssen. Ob es im 21. Jahrhundert wieder nicht oder nun doch so kommt, ist eine offene Frage.
Unzweifelhaft ist unterdessen Leonards Beobachtung, dass die Wende im (geo-)politischen Denken einfacher gefordert als vollzogen ist. Er beobachtet eine Art Sperre im Denken über das Gewohnte hinaus. Mit den Worten des bulgarischen Politologen Ivan Krastev bezeichnet er dieses Phänomen als „Maginot-Linie“ des Geistes – „‚Maginot line of the mind‘“ (38). Bekanntlich war die Maginot-Linie die von Frankreich errichtete Grenzbefestigung, um einen Angriff Deutschlands abzuwehren. Auf die Gegenwart übertragen folgt und leidet Europa an dieser selbsterdachten Grenze des Geistes, es befindet sich demnach in einer permanenten Abwehrhaltung und eingeschränkten Denk- und Handlungsmöglichkeiten. Sicher, dieser Vergleich hinkt, dennoch ist er in illustrativer Hinsicht bedenkenswert und erfrischend. Nur was kommt hinter der gedanklichen Maginot-Linie? Worauf kann und sollte Europa sich besinnen, wenn es in der neuen Weltordnung einen ihm gemäßen Platz einnehmen und nicht untergehen will?
Von China lernen?!
Hierzu unternimmt das Buch in den folgenden Kapiteln einen West-Ost-Streifzug durch unterschiedliche philosophische und politisch-strategische Konzepte. China nimmt dabei eine besondere Stellung ein, weil es immer wieder als Referenz für eine geopolitisch-adaptive Nation (artisan) herangezogen wird. Leserinnen und Leser erfahren etwa, dass die Fünf-Jahres-Pläne des chinesischen Politbüros kein Neuaufguss sozialistischer Wirtschaftsplanung sind, sondern eher ein grober Rahmenplan, der Raum für Umsetzung lasse und Wettbewerb stimuliere. Freilich kommt es auch auf die Sichtweise und Systemlogik an: „By many conventional standards, these five-year plans have been disastrous. Few of the targets were met as intended. Evaluations of the funds have been quite negative. And the Chinese government absorbed a huge amount of waste, failure and graft. But, on the other side, this process produced a number of world-beating companies, and the Chinese economy moved up the value chain into areas that had been seen as being beyond its grasp“ (52 f.).
Wer intuitiv einwirft, dass so etwas nur in China funktioniere, hat sich nach Leonard in der eigenen gedanklichen Maginot-Linie verfangen. An keiner Stelle sagt er, dass Europa China exakt nachahmen müsse und dass die Volksrepublik ein Ideal ohne Systempathologien sei. Gleichwohl ist sein Argument überzeugend, dass Europa in gewisser Weise polit- und systemstrategisch denkträge geworden sei und von mehr Verständnis der chinesischen Denkweise profitieren könnte. Anzusetzen wäre etwa bei Chinas holistischem Konzept von innerer und äußerer Sicherheit. Im Grunde meint dieser Ansatz, dass ein Land nur stark nach außen auftreten könne, wenn es im Innern stark und einig sei. Das Vertrauen in internationale Institutionen sei in China schwächer ausgeprägt als jenes in die eigenen militärischen Fähigkeiten. Und verschiedene Politikfelder müssten stärker gemeinsam unter dem Aspekt der Sicherheit betrachtet werden: „Just as the Chinese are thinking holistically, so do Europeans need to understand that twenty-first-century security is as much about migration, industrial policy and media regulation as it is about producing armaments” (111).
Doch Vorsicht: Von China zu lernen, bedeute nicht, wie China zu werden: „The goal should not be to adopt the paranoid style of Xi Jinping or to develop a Western variant of totalitarianism, but to see that security is now something that begins with individual citizens rather than from planetary systems. If Europe wants to join the artisans, it will have to embrace adaption, rewiring itself to protect against economic coercion in a world of gated globalization and weaponized interdependence“ (ebd.).
Diese recht breit gefassten Gedanken präzisiert er im Schlusskapitel mit der Bezeichnung „Europe’s Artisan Playbook“. Die Handlungsempfehlungen folgen dem geophilosophischen Anspruch des gesamten Buchs und zielen weniger auf konkrete Politikmaßnahmen als auf die Änderung des politischen Denkens. So müsse Europa sich auf die Seite des Wandels stellen, über Interdependenz ganz neu nachdenken, die eigenen universalen Moralansprüche zurückschrauben und Sicherheit von innen her begreifen. Letztlich, so Leonard, gingen große Veränderungen vom Denken aus: „The big challenge for Europeans is to rediscover their own political imagination“ (151). Für das Buch eines Think-Tankers ist das ein passender Abschluss, wenngleich wissbegierige Leserinnen und Leser an der einen oder anderen Stelle womöglich berechtigte Nachfragen haben; insbesondere was Europa von China lernen könne und weshalb das gerade ein Vorteil sei; ganz zu schweigen von der realistischen Umsetzung.
In der Gesamtschau hat Leonards Buch eine große Stärke und eine große Schwäche. Die Stärke ist der Fokus auf die geistig-psychopolitische Verfasstheit des alten Kontinents und dessen veränderungsaverse Grundhaltung, die tatsächlich zu einem Nachteil im internationalen Wirtschafts- und Technologiewettbewerb geworden ist. Die Grundthese, dass Europa mehr Handwerker und weniger Architekt sein müsse, ist plausibel. Doch hierbei zeigt sich zugleich die Schwäche des Buchs. Denn so sehr der Rezensent von den großen Theorieargumenten angetan ist, so sehr vermisst er die klaren konkreten Empfehlungen für Politik und Gesellschaft. Schließlich sind es doch die zahlreichen Stellschrauben, die der Handwerker dreht, um sich die Welt zurechtzubiegen.
Elend, Eckpunkte und Fehleinschätzungen der Geopolitik
Ganz ohne Handwerker- und Architekten-Metaphern kommt Klaus Schlichte in seinem Büchlein Das Elend der Geopolitik aus. Der Titel suggeriert, dass geopolitisches Denken zu Unheil führe. Der Autor geht mit dem Konzept der Geopolitik scharf ins Gericht, stellenweise sehr scharf. Aus zwei Gründen erachtet Schlichte geopolitisches Denken als Elend: „Zum einen ist eine Auffassung internationaler Politik entlang der Kategorien und Denkweisen der ‚Geopolitik‘ ein intellektuelles Elend. Es wird den Strukturen und Herausforderungen internationaler Politik der Gegenwart ebenso wenig gerecht, wie es in der Lage wäre, die Geschichte der internationalen Politik verständlich zu machen. Zum anderen führt die ‚Geopolitik‘ ins gesellschaftliche Elend: Denn hinter dem Begriff, wie er gegenwärtig genutzt wird, verbirgt sich bloßes Machtstaatsdenken. […] Beide Einwände gelten ebenfalls für die Variante der ‚Geopolitik‘, nämlich die ‚Geoökonomie‘“ (15).
Das konsequente Setzen von Geopolitik in Anführungsstrichen, zeigt, dass Klaus Schlichte den Begriff nicht so recht ernst nehmen und sprachlich legitimieren will. Der scharfe Ton impliziert, dass es der Autor weniger auf eine ausgewogene Darstellung als auf eine anklagende Kampfschrift angelegt hat. Aus seiner Parteilichkeit – in sozialwissenschaftlicher Manier als Positionalität bezeichnet – macht er keinen Hehl. Das Büchlein sei aus einer links-liberal orientierten Sichtweise verfasst, welche sich aus dem Engagement des Autors im christlich-protestantischen Teil der westdeutschen Friedensbewegeng speise (128). Diese Transparenz der argumentativen Standortgebundenheit ist begrüßenswert, wenngleich damit sachlich-argumentative Schwächen einhergehen.
Doch zurück zum Konzept und dessen Schwächen aus Sicht von Schlichte. Im zweiten Kapitel, das denselben Titel trägt wie das Buch, werden Eckpunkte geopolitischen Denkens aufgezeigt, die mit Gewinn zu lesen sind. Hier werden all jene wiederkehrenden Bezugspunkte geopolitischen Denkens, die sich in fast allen Denkströmungen wiederfinden, knapp zusammengefasst und kritisch kommentiert. Zu diesen Eckpunkten zählt er die Reduktion auf Großmächte, ein Zweiklassensystem von Staaten, das Primat der Außenpolitik, soziologische Blindheit, Naturalisierung[1], Kulturalisierung der Politik und machtstaatliches Einflusssphärendenken (61 ff.). Schlichte bemängelt, dass es der Geopolitik an einer überzeugenden theoretischen Untermauerung fehle und das Konzept ein überzeitliches und konjunkturelles Amalgam von Begriffen und Denkweisen sei, in dessen Zentrum alles um Geografie und Machtstaatsdenken kreise. Weiterhin attestiert Schlichte den geopolitischen Denkern des 20. und frühen 21. Jahrhunderts ein schlechtes Zeugnis hinsichtlich ihr Erklär- und Voraussagekraft in Konflikten.
In einer sehr komprimierten Tour d'Horizon bilanziert er: „Der größte Fehler der Geopolitik ist auch der offensichtlichste: Von Haushofer bis Brzeziński zieht sich eine lange Reihe fataler Fehleinschätzungen, die das Elend des Krieges nur befördert haben. Das Denken in Großmachtpolitik hat sich so oft blamiert, dass das geopolitische Denken in seiner Willkür und oft fantastischen Welterklärung als politisch ernstzunehmender Ansatz der ‚Politikberatung‘ auch bei Wohlmeinenden inzwischen vollständig desavouiert sein müsste. Haushofers Vertrauen in die Kräfte germanischer Völker, Mackinders Irrtum, dass die größte Bedrohung Großbritanniens von der Sowjetunion ausgehen würde, Kissingers Festhalten am Krieg der USA in Vietnam, Brzezińskis Fehleinschätzungen zu den Dynamiken in Iran und Afghanistan, sein Rat, den Beitritt der Ukraine zur EU und NATO voranzutreiben – die Liste der fatalen Fehleinschätzungen ist erstaunlich lang“ (78). Hier hat der Autor einige gute Punkte, wenngleich der komprimierte Ritt durch die Geschichte geopolitischen Denkens und dessen Implikationen für reales Handeln stellenweise verzerrt sind. Man gewinnt den Eindruck, als ob die genannten Regierungen und Staatsmänner blind diesen Konzepten gefolgt seien und keine anderen Überlegungen eine Rolle gespielt hätten. Überhaupt bleibt unklar, was an den Fehleinschätzungen mit-, teil- und hauptursächlich war: das jeweilige geopolitische Konzept, das, was die Realpolitik daraus gemacht hat oder taktische Umsetzungsfehler? Dessen ungeachtet ist der Überblick lesenswert, informativ und im besten Sinne diskussionsanregend.
Beharrlichkeit des geopolitischen Denkens
Folgt man den Ausführungen von Schlichte, wäre die naheliegendste Schlussfolgerung, dass das Denken in geopolitischen Kategorien bald der Vergangenheit angehören müsse. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wie der Autor schreibt, erleben wir, auch in Deutschland, eine – mindestens diskursive – Renaissance: „Die neue wie die alte Redeweise der Geopolitik ist letztlich im kriegerischen Denken steckengeblieben“ (30). Dieser Punkt ist jedoch widersprüchlich: Unklar bleibt, warum gerade in der friedensverwöhnten und kriegserinnerungserfahrenen bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft eine neue Konjunktur der Geopolitik einsetzt, wenn doch das Denken stets ins Elend führe. Auch macht es sich der Autor analytisch etwas zu leicht. Seine 150 Seiten umfassende Abrechnung mit der Geopolitik vermag nur schwerlich zu erklären, warum in vielen Staaten nach wie vor in geopolitischen Kategorien gedacht wird – und das in Autokratien und Demokratien.
Zugespitzt: Könnte es sein, dass die normative, bisweilen einseitige Sicht des Autors den Blick auf die nüchterne Empirie verstellt, in der geopolitisches Denken schlicht weiterhin existiert, aber nicht allein handlungsbestimmend für Staatenverhalten ist und auch nicht automatisch in Krieg und Elend endet? Wäre es möglich, in geopolitischen Kategorien zu denken, ohne direkt den nächsten Krieg vom Zaun zu brechen? Zumindest kann man schlicht festhalten, dass die Koordinaten des geopolitischen Denkens – Geographie, Grenzen, Rohstoffe, Raumkontrolle – nach wie vor handlungsbestimmend für Regierungen sind beziehungsweise sein können. Diese Tatsache aufgrund der Ablehnung des dahinterstehenden Denkens nicht hinreichend zu beleuchten, ist eine Schwäche des Buchs. Die gezeichnete Dichotomie gegenwärtiger internationaler Beziehungen – auf der einen Seite die „böse“ Geopolitik, auf der anderen der friedfertige Kosmopolitismus – ist ebenfalls empirisch unterkomplex.
Aus dieser Mischung aus Analyse und Forderung speisen sich die abschließenden Handlungsempfehlungen. Bei diesen orientiert sich Schlichte am Philosophen Immanuel Kant: „[W]enn wir den Frieden wollen, dann müssen wir auf einen Rechtszustand innerhalb von Staaten und auf eine Institutionalisierung des gewaltfreien Umgangs zwischen Staaten hinwirken. Als Vernunftbegabte sind wir, nach Kant, dazu verpflichtet, und das bedeutet ein Abrüstungsgebot und die Verpflichtung zur Einhaltung völkerrechtlicher Standards“ (150). Diese Forderung ist aus ethischer Sicht so alt wie richtig und die Bundesregierung ist ihr bis zu Putins Angriffskrieg auf die Ukraine im Jahr 2022 in vielfältiger Hinsicht nachgekommen. Wenn es einen Staat gab – und noch gibt –, der dem Ideal der internationalen Kooperation und Verrechtlichung stark verpflichtet ist, dann ist es Deutschland.
Nur, und das ist der große blinde Fleck im Buch: Was machen wir, wenn sich andere Staaten nicht an diese Friedensvision halten? Zu diesem Dilemma – einerseits eine friedliche Weltordnung anzustreben, andererseits auf Regelbrecher und Konflikte vorbereitet zu sein – hat das Buch keine Antwort. Das ist schade, denn eine vertiefte konzeptionell-theoretische, empirische und politikpraktische Auseinandersetzung mit dieser dilemmatischen Situation in einer zunehmend geopolitisierten Weltordnung – gegebenenfalls neue – konflikteinhegende Institutionen und Verfahrensweisen zu schaffen, wäre fruchtbringender gewesen als eine Fundamentalabrechnung mit einem Begriff, der längst wieder etabliert ist.
Fazit
Beide Bücher gehören in den Kanon aus klassischen und neueren Abhandlungen zum Gespenst der Geopolitik. Mark Leonards Buch eignet sich für aktuelle und große Fragen im Kontext EU und China. Klaus Schlichte verweist überzeugend auf die dunkle Seite geopolitischen Weltdenkens. Wo Leonard stellenweise zu stark philosophiert, polemisiert Schlichte und schwächt dadurch sein Hauptargument. Überdies zeigt er zu viel Haltung und lässt kaum Raum für alternative Erklärungsansätze, die die aktuelle Prominenz und Relevanz der Geopolitik erklären. Dadurch untergräbt er die Standards guten sozialwissenschaftlichen Arbeitens, die er berechtigterweise in einem Debattenbeitrag auf dem Portal für Politikwissenschaft eingefordert hat.[2] Beide Bücher arbeiten mit starken Sprachbildern: Vom ‚Überleben im Chaos‘ (Leonard) bis zum ‚Elend‘ geopolitischer Denkkategorien (Schlichte) ist es gedanklich nur ein kurzer Sprung – und dennoch liegen zwischen beiden Büchern Welten. Diese kennenzulernen und abzuwägen, welche Ansichten und Argumente überzeugender sind, sollte nicht nur die Aufgabe für Universitätsseminare sein, sondern auch die informierte Bürgerschaft angehen. Und so wird das Gespenst der Geopolitik weiter seine Kreise ziehen – zum Schrecken der einen, zur Faszination der anderen.
Anmerkungen:
[1] Darunter ist die essentialistische Aufwertung einfacher naturgeografischer Gegebenheiten zu militär-strategischen Raumeigenschaften gemeint; demnach sind Flüsse, Gebirge und andere Naturgegebenheiten per se strategisch und machtpolitisch relevant.
[2] Vgl. Klaus Schlichte: Die Politikwissenschaft und der Krieg. Debattenbeitrag, in: Portal für Politikwissenschaft, online unter: https://www.pw-portal.de/das-fach-politikwissenschaft/die-politikwissenschaft-und-der-krieg [letzter Abruf: 09.07.2026].
