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Analyse / 10.08.2026

Uncle Sam wants Critical Minerals: Die neue US-Rohstoffpolitik unter Trump II – Strategisches Vorbild für Deutschland?

Die Chuquicamata-Kupfermine in Chile ist einer der größten der Welt. Foto: Reinhard Jahn via WikiCommons
Die Chuquicamata-Kupfermine in Chile ist einer der größten der Welt. Foto: Reinhard Jahn via WikiCommons

Mit der zweiten Amtszeit von Präsident Donald Trump steigen die USA wieder groß ins Bergbau- und Rohstoffgeschäft ein. Das Ziel: Die Reduzierung ihrer gefährlich hohen Abhängigkeit von China bei kritischen Mineralien und Metallen, allen voran Seltenen Erden. Ist diese strategische Wende in der Industriepolitik ein Vorbild für Deutschlands Rohstoffpolitik?

Eine Analyse von Jakob Kullik

Seit etwa 15 Jahren bewegt sich auf den internationalen Märkten für kritische (nicht-fossile) Rohstoffe wenig: China dominiert einen Großteil der Märkte und Lieferketten für Seltene Erden, Germanium, Gallium und zahlreiche weitere industrie- und verteidigungskritische[1] Mineralien und Metalle. Seit den 2000er Jahren hat sich die Volksrepublik Schritt für Schritt zu einem Rohstoff-Giganten entwickelt, der von der Mine und der Weiterverarbeitung bis zu den Komponenten und Endprodukten zahlreiche Wertschöpfungsstufen dominiert und teilweise quasimonopolistisch kontrolliert. Während etwa der internationale Öl- und Gasmarkt durch eine relativ große Konkurrenz zwischen Öl-Multis und Staatskonzernen gekennzeichnet ist, sind die Märkte für kritische und strategische Rohstoffe hochgradig auf nur wenige Länder und Produzenten konzentriert. Darunter versteht man jene Rohstoffe samt deren Zwischenprodukte und Komponenten, die sich durch eine (sehr) hohe wirtschaftliche Bedeutung und (sehr) hohe ökonomische und geopolitische Versorgungsrisiken auszeichnen.[i]

Einige der Märkte für diese Rohstoffe, wie zum Beispiel jener für Lithium, ähneln einem Oligopolmarkt. Andere Märkte, wie beispielsweise jene für Seltene Erden, Gallium und Germanium, bestehen nur noch aus zwei Parteien: China und dem Rest der Welt. Tatsächlich konzentrieren sich zahlreiche Verarbeitungsschritte, allen voran die Rohstoff-Raffinierung und die Herstellung von Schlüsselkomponenten wie den unentbehrlichen Hochleistungsmagneten, in China. Aus diesem Grund kann die Volksrepublik als Rom der Rohstoffmärkte bezeichnet werden – alle Lieferströme und -wege führen dorthin.

China – Das Rom der globalen Rohstoffbeziehungen

Die anhaltende Marktdominanz kam nicht über Nacht, sondern ist das Ergebnis eines Zusammenspiels aus vier Faktoren. Erstens ist China in geologischer Hinsicht mit relativ gut erschließbaren Vorkommen an Eisenerz und Seltenen Erden im Norden und Süden des Landes „gesegnet“. Schon unter Mao war Eisenerz für die Stahlerzeugung und den Rüstungssektor zentral. Dass die Eisenerzvorkommen in Nordchina in der Provinz der Inneren Mongolei auch (leichte) Seltene Erden enthielten, war zunächst nebensächlich. Erst nach und nach entdeckten chinesische Geologen die Eigenschaften und das Potenzial dieser Rohstoffgruppe aus 17 Elementen. Ihre Eigenschaften qualifizieren sie hervorragend als Beimischungen für hochleistungsstarke Magnete, die heutzutage in sämtlicher Konsumelektronik verbaut sind. Seltenerdenhaltige Permanentmagnete aus Neodym-Eisen-Bor-Verbindungen sind mittlerweile in Anlagen zur Erneuerbaren Energiegewinnung (Windkraft) und in zahlreichen Digitaltechnologien wie Smartphones unentbehrlich. Ein zweiter Magnettyp aus dem Seltenerden-Element Samarium und dem kritischen Rohstoff Kobalt steckt in zahlreichen Militärsystemen. Ohne diesen speziellen hochbelastbaren Seltenerd-Magnet würde kein modernes Kampfflugzeug fliegen und kein vernetztes Luft-, Raumfahrt- oder weltraumbasiertes Verteidigungssystem funktionieren. China erkannte, dass die Kontrolle über diese kritischen Rohstoffe für die nächste Industrie- und Technologierevolution strategisch bedeutsam ist.[ii]

Der zweite Faktor für Chinas Rohstoff-Dominanz ist die erfolgreiche langfristige Verzahnung der Forschungs- mit der Industrie- und Rohstoffpolitik. Die chinesische Staats- und Parteiführung verstand früh, dass die Kontrolle und der Handel mit kritischen Rohstoffen allein nicht ausreichen, um die angestrebte wirtschaftliche Entwicklung und technologische Spitzenstellung der Volksrepublik zu erreichen. China sollte nicht wie Afrika als billiger Rohstoffexporteur ohne Mitsprache enden. Ebenso wenig wollte sich die Chinesische Kommunistische Partei wie die Golfstaaten auf dem Rohstoffreichtum ausruhen und den Lebensstandard der Bevölkerung dauerhaft subventionieren. China dachte gleichermaßen entwicklungsökonomisch und geostrategisch. Die Kontrolle über die nationalen Bodenschätze sollte langfristig zum Hebel für das Vordringen der eigenen Unternehmen in Verarbeitungsbereiche mit höherer Wertschöpfung werden. Nur wenn die geförderten Erze in China separiert und raffiniert werden könnten, würde das technologische Know-how erworben, um erheblich mehr zu verdienen und neue Kundensegmente in den westlichen Industriestaaten zu bedienen. Hierfür kam China entgegen, dass das Land nach der Öffnung für den Weltmarkt ab den 1980/90er Jahren über ein enormes Potenzial billiger und gut ausgebildeter Arbeitskräfte verfügte. Während Chinas Geologen die begehrten Rohstoffvorkommen erkundeten, entwickelten seine Bergbauingenieure, Chemiker und Prozesstechniker die Anlagen zur Verarbeitung der komplexen Erzgemische zu Oxiden und weiteren Zwischenprodukten. Der damit einhergehende Raubbau an der Natur spielte lange Zeit keine Rolle. Bergbaubedingte Umweltsünden und die Vergiftung ganzer Landstriche werden bis heute verschwiegen. Der Staat nahm die sozioökologischen Folgelasten in Kauf und investierte enorme Summen in den Aufbau eines nationalen rohstoff-industriellen Forschungs- und Fertigungssystems, das ohne ausländische Unterstützung konkurrenzfähig und nach einigen Jahrzehnten sogar Innovationstreiber war. Ausländische Unternehmen wurden nicht Teil dieses staatlich kontrollierten chinesischen Rohstoff-Ökosystems für strategische Rohstoffe. Was aus chinesischer Sicht entwicklungsökonomische Protektion ist, gilt im Westen als Diskriminierung von Wettbewerbern.

Der dritte Faktor für Chinas Erfolg ist die globale Ausrichtung der Rohstoffinvestitionen. Chinas Staatsführung wusste, dass die nationalen Vorkommen an Seltenen Erden und kritischen Rohstoffen nicht ausreichen würden, um die Industrie langfristig zu versorgen. Und so wurde ab den 2000er Jahren die „Going-out“-Strategie für chinesische Unternehmen und Banken angeordnet. Weltweit wurden wirtschaftlich lukrative und strategische Rohstoffvorkommen und Lagerstätten identifiziert und Teilhaberschaften abgeschlossen.[iii] Die rohstoffhungrige chinesische Wirtschaft interessiert sich für alle Industrierohstoffe. Große Investitionen wurden für die Rohstoffe Kupfer, Gold, Eisenerz, Bauxit, Zink und Nickel getätigt. Schätzungen zufolge befinden sich aktuell weltweit über 180 Bergbauanlagen in über 160 Ländern in chinesischem Besitz oder stehen mit chinesischen Unternehmen und Banken in Verbindung. Mindestens 60 Milliarden US-Dollar investierte China im Zeitraum von 2000 bis 2021 in sein weltweites Netzwerk aus Minen, Gruben und Anlagen, die zwar allesamt wirtschaftlich arbeiten (müssen), aber zugleich als geoökonomisches Instrument der chinesischen Staats- und Parteiführung fungieren.[iv] Chinas globale Investitionsoffensive wird bis heute diplomatisch von Initiativen wie etwa der „Neuen Seidenstraße“ flankiert. Kein anderes Land, auch nicht die USA, übt eine solche Kontrolle über Rohstoffströme und strategische Infrastruktur aus. Die USA mögen das mächtigste und technologisch modernste Militär haben. Die dahinterstehende weltweite Wertschöpfung und Logistik enden dennoch irgendwann in einer chinesischen Mine oder Fabrik.

Der vierte Faktor ist auf westliche Versäumnisse und Fehlentscheidungen zurückzuführen. China hätte nie eine solch präzedenzlose Markt- und Machtposition aufbauen und erhalten können, wenn der Westen hierfür nicht erheblichen Vorschub geleistet hätte. Die meisten westlichen Industriestaaten verabschiedeten sich ab den 1990er Jahren vom eigenen schmutzigen Bergbaugeschäft und kauften fortan ihre Rohstoffe auf den Weltmärkten ein. Das war konsequent, denn nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Integration Chinas in die Welthandelsorganisation schien das Zeitalter der geopolitikfreien Globalisierung anzubrechen, die – so glaubte man zumindest in Washington, London und Berlin – alle Güter just in time breitstellen könne. Wozu sollten Regierungen sich noch unnötig Gedanken über die Kontrolle von Bodenschätzen und Lieferketten machen, wenn fortan der Weltmarkt den Takt angab und politische Konflikte auf wirtschaftliche Weise gelöst werden könnten? Diese marktliberale Sichtweise, in der geoökonomische und geopolitische Denkkategorien keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielten, dominierte lange Zeit das außenwirtschaftliche Denken in den westlichen Hauptstädten. Die USA sorgten sich zwar nach wie vor um ihre Abhängigkeit vom Erdöl, dass Seltene Erden, Gallium und weitere exotisch klingende Rohstoffe einmal zum diplomatischen Konfliktgegenstand werden könnten, galt aber als undenkbar und die Sorge davor als marktfeindlich. Doch der Markt regelte eben nicht alles. Russland und China betrachteten Handel nie nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Für beide Großmächte waren die nationalen Rohstoffe stets ein Machtinstrument in der potenziellen Auseinandersetzung mit dem Westen und zur Disziplinierung kleinerer Staaten in ihrer Nachbarschaft.

In der Rückschau waren es diese vier Faktoren, die Chinas geoökonomischen Aufstieg zum Rom der globalen Rohstoffbeziehungen begründeten: vorteilhafte Geologie, strategische Politikfeldverzahnung, frühzeitige und weltweite Rohstoffinvestitionen und das Ausnutzen der Fehler und Versäumnisse des Westens. Drei der vier Faktoren lagen vollständig in der Hand Chinas. Der letzte Faktor – die Marktgläubigkeit und die daraus folgende Abwendung des Westens vom Bergbau- und Rohstoffgeschäft – war dem Zeitgeist der 1990er und frühen 2000er Jahre geschuldet. Doch der sprichwörtliche Weltgeist der grenzenlosen Globalisierung hat sich mittlerweile erneut gewandelt: Seit einigen Jahren wird von Washington bis Berlin anders auf die Welt(rohstoff-)märkte geblickt – zu viele Krisen haben die Illusion der konfliktfreien Welt als Marktplatz erschüttert. Um internationale Schlüsselmärkte, Lieferketten und Zukunftstechnologien ist ein neuer Wettbewerb der Großmächte ausgebrochen.[v]       

Die industriepolitische Rohstoff-Wende unter Präsident Trump  

Die strukturell verfestigte Abhängigkeit vom strategischen Rivalen China hat die USA dazu bewogen, nach Jahrzehnten des halbherzigen Laissez-faire nicht mehr allein auf die Marktkräfte zu vertrauen, sondern dem Staat eine größere Rolle bei der Rohstoffbeschaffung, Produktion und Lagerung zuzuweisen. Schon unter Präsident Joe Biden, aber in besonderem Maße seit der zweiten Amtszeit von Präsident Donald Trump erleben wir einen – zumindest für den Rohstoffsektor – auffälligen Paradigmenwechsel von der klassisch liberalen Marktorientierung hin zu einer staatlich flankierten Industriepolitik, die von einigen bereits als Staatskapitalismus made in the USA bezeichnet wird.[vi] Lange Zeit galt die uramerikanische liberale Devise, dass Amerika das Land des freien Unternehmertums sei, in dem der Staat sich weitgehend zurückzuhalten habe. Doch was für viele Marktsektoren plausibel und gerechtfertigt erscheint, stößt im Bergbau- und Rohstoffsektor an Grenzen. Zum einen sind die globalen Rohstoffmärkte bereits derart durch Chinas Staatskapitalismus verzerrt, dass längst keine gleichen Wettbewerbsbedingungen (level-playing field) mehr herrschen. Zum anderen erfordern Investitionen in Rohstoffprojekte enorme Summen und dauern nicht selten 15 bis 20 Jahre von der ersten Erkundung bis zur Produktion. Solche Zeiträume sind für westliche Demokratien und konjunkturgetriebene Unternehmen enorm lang – fast zu lang, um im strategischen Wettbewerb mithalten zu können. Und so reifte in Washington die Einsicht, dass auch die US-Regierung stärker aktiv werden müsse, um sich von Chinas Marktdominanz zu befreien. Schließlich liegt die Importabhängigkeit der US-Wirtschaft bei den meisten kritischen Rohstoffen zwischen 50 und 100 Prozent, wovon ein Großteil aus China stammt. Solch hohe Abhängigkeiten kann und will sich die Weltmacht USA im strategischen Ringen mit China nicht mehr leisten. So schätzt die die Internationale Energieagentur, dass noch restriktivere Exportrestriktionen durch China allein bei den Seltenen Erden zu einem Wirtschaftsschaden von jeweils 1,5 Billionen US-Dollar für die USA und die EU führen könnten.[vii] Und das wären nur die Schadensschätzungen für eine kritische Rohstoffgruppe in Friedenszeiten. Im Konfliktfall wäre das volkswirtschaftliche und rüstungslogistische Erpressungsrisiko noch größer.[viii] Schon jetzt gehen Fachleute davon aus, dass die USA einen langen industriellen Abnutzungskrieg gegen China, bei dem es auf die schiere Masse an Produktionskapazitäten und die gesicherte Verfügbarkeit von Rohstoffen ankommt, nicht durchhalten könnten.

Um dieses Szenario zu verhindern, hat die US-Regierung beschlossen, selbst aktiv zu werden und sich in die Rohstoffbeschaffung einzumischen. Diese neue rohstoffbasierte Industriepolitik zeigt sich beispielsweise darin, dass das US-Kriegsministerium zum Anteilseigener amerikanischer Rohstoffunternehmen für die Förderung und Verarbeitung Seltener Erden geworden ist und diesen mehrjährige Abnahmegarantien für Rohstoffmengen und Preiskorridore zusichert. Ab dem Jahr 2027 sollen zudem Rohstoffe und Komponenten für das US-Militär, die aus China stammen, für militärische Verwendungszwecke verboten werden. Die Trump-Regierung agiert bei vielen internationalen Themen erratisch und widersprüchlich, doch bei der Rohstoffpolitik handelt sie bislang strategisch und konsequent. Hier strebt sie mittelfristig eine strategische Versorgungslage an, die so frei wie möglich von Zulieferungen aus China ist, um weniger verletzlich zu sein. Daher wurden im letzten Jahr mit zahlreichen rohstoffreichen Staaten und sicherheitspolitischen Partnerländern, wie beispielsweise Kasachstan, Japan und Australien, Abmachungen vereinbart, um bei der Rohstoffexploration und Projektfinanzierung enger zusammenzuarbeiten. Für den Krisennotfall soll in den USA eine wirtschaftliche Reserve an strategischen Rohstoffen aufgebaut werden, die größer ist als der kleine Vorrat an kritischen Elementen, den die US-Armee bereits verwaltet. Auch der Privatsektor beteiligt sich an der amerikanischen Investitionsoffensive. Die US-Bank JPMorgan Chase kündigte im Herbst 2025 eine Investitionsoffensive im Umfang von 1,5 Billionen US-Dollar für kritische Wirtschaftssektoren an, zu denen auch kritische Rohstoffe zählen. Fast zeitgleich wurde die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA veröffentlicht, in der wieder von der Kontrolle von Hemisphären und der Großmächtekonkurrenz um Rohstoffe die Rede ist. Derzeit ist in den USA in dieser Hinsicht viel in Bewegung. Ob die eingeleitete industriepolitische Rohstoff-Wende nur der erste Schritt für einen langfristigen geopolitischen Wettstreit um Rohstoffmärkte ist und den globalen Handel zusätzlich schwächt, wird sich zeigen.  

Amerikas geostrategische Rohstoffpolitik – Vorbild für Deutschland?

Ein derart verzahnte Rohstoff-, Industrie- und Verteidigungspolitik bedarf einer effizienten institutionellen Koordinierung, enormer Finanzsummen und eines politischen Durchhaltewillens über viele Jahre. Der Erfolg ist ungewiss. Dennoch stellt sich die Frage, ob die US-Strategie als Vorbild für die Bundesrepublik taugt, die bei der Rohstoffversorgung vor identischen Problemen steht. Deutschland und die EU streben ebenfalls eine Reduzierung ihrer massiven China-Abhängigkeit auf allen Wertschöpfungsstufen an. Mit dem im Jahr 2024 auf den Weg gebrachten EU Critical Raw Materials Act hat sich die EU ehrgeizige Ziele gesetzt. So sollen bis zum Jahr 2030 zehn Prozent der strategischen Rohstoffe in Europa gefördert, 40 Prozent dieser Rohstoffe in eigenen Anlagen verarbeitet und 25 Prozent des Jahresverbrauchs recycelt werden. Die Abhängigkeit von einem Lieferanten außerhalb Europas soll künftig maximal 65 Prozent betragen. Diese strategischen Zielsetzungen bedeuten in der Praxis mehr Bergbaubau und Industriewertschöpfung in der EU. Hinzu kommt der parallele Aufbau einer funktionierenden europäischen Kreislaufwirtschaft, durch die mehr Rohstoffe beispielsweise aus Elektroschrott wiedergewonnen werden sollen, was die Abhängigkeit vom Bergbau reduzieren würde.

Aus investitions- und militärstrategischer Sicht ergibt eine stärkere Beteiligung des Staates beziehungsweise der EU als strategischem Ankerinvestor für hochrisikoreiche Rohstoffprojekte grundsätzlich Sinn. Nur die öffentliche Hand verfügt über ausreichend Finanzmittel, um langfristige Unterstützung und Protektion für solche Projekte zu gewährleisten. Aus ordnungspolitischer Sicht stellen sich im deutschen und EU-Kontext jedoch zahlreiche finanzielle, rechtliche und politische Fragen – so etwa, welches Ressort für solche zivil-militärischen Hybridinvestitionen zuständig wäre, welche deutschen (oder europäischen) Unternehmen besonders förderwürdig wären und ob dadurch das EU-Beihilferecht für Subventionen verletzt werden würde. Auch könnte die politisch gewollte Renaissance des Bergbaus in Europa auf Kosten der Klima- und Nachhaltigkeitsziele gehen. Schließlich beansprucht Bergbau die langfristige Inanspruchnahme von Naturräumen und mitunter geschützten Ökosystemen. Die Studienlage ist bei der Frage Bergbau versus Recycling allerdings eindeutig. Um den steigenden Rohstoffbedarf für die nächsten Jahrzehnte zu decken, gibt es derzeit keine realistische Alternative zu mehr Bergbau. Klar ist, dass dieser möglichst minimalinvasiv und nachhaltig vonstattengehen muss. Allein mit mehr Recycling und weniger Materialverbrauch wird die große Energiesystemtransformation nicht gelingen und könnten zahlreiche Bedarfe nicht gedeckt werden.[ix]

Vorerst bleibt festzuhalten: Die neue US-amerikanische Rohstoffpolitik ist ein komplexes geoökonomisches Live-Experiment mit klarer Zielsetzung, aber ungewissem Ausgang. Die deutsche Bundesregierung sollte es genau beobachten und frühzeitig ihre Lehren ziehen. Nur abzuwarten und zu hoffen, dass sich auf den hochverzerrten Rohstoffmärkten etwas ändert, ist fahrlässig. Die Zeit für mögliche strategische Weichenstellungen ist jetzt. Die Bundesregierung sollte ihre strategischen Rohstoffziele priorisieren und knappe Mittel bestmöglich einsetzen. Der bisherige Politikansatz einer breiten, aber passiven Flankierung der deutschen Industrie bei der Rohstoffsicherung funktioniert nicht mehr. China denkt in ganzen Lieferketten und Industrieökosystemen. In dieser quasiimperialen Logik bedeutet Marktmacht auch geopolitische Macht. Die Bundesregierung agiert dagegen weiterhin nur punktuell und fördert wenige ausgewählte Rohstoffprojekte, ohne dabei hinreichend auf die gesamte Lieferkette und Deutschlands multiple Abhängigkeiten zu achten. Doch einige wenige Rohstoffprojekte werden auf den Märkten kaum etwas ändern. Im schlimmsten Fall erreichen die Projekte nie die betriebswirtschaftliche Reife oder werden im Frühstadium von Konkurrenten aufgekauft.

Das bisherige Kleinklein der bundesdeutschen Förderpraxis benötigt daher ein geostrategisches Update. Die Bundesregierung muss möglichst groß denken und sollte unnötiges Schwarz-Weiß-Denken in der Förderpolitik unbedingt vermeiden. Es geht nicht um Bergbau versus Recycling beziehungsweise Geoökonomie versus Nachhaltigkeit. Alle diese Aspekte sind relevant und potenziell förderwürdig. Allerdings: In einer zunehmend geoökonomisch geprägten Weltordnung kann strukturellen Machtbeziehungen und marktbeherrschenden Positionen nicht vordergründig mit ethischen Nachhaltigkeitsstandards und strengen Lieferkettenregularien begegnet werden. Die Voraussetzung, um den eigenen Einfluss überhaupt geltend zu machen, ist nämlich eine Rohstoffpolitik der machtbasierten Gestaltungsfähigkeit. Nur dadurch erhalten deutsche und europäische Unternehmen die Chance, strategische Marktsegmente zu behaupten oder zurückzuerobern. Ohne eine starke wirtschaftliche Position auf diesen Schlüsselmärkten wird Europa geoökonomisch abgehängt (bleiben) und alle sozialen und ökologischen Ziele würden schlussendlich von der Gnade Chinas, Amerikas und anderer Groß- und Regionalmächte abhängen. Vorerst kann also konzediert werden, dass auch von den USA unter Trump etwas gelernt werden kann, allen voran beim konsequenten Zusammendenken und Zusammenführen der (rohstoff-)ökonomischen mit der sicherheitspolitischen Sphäre.

Die politische Kunst liegt folglich darin, bestimmte Aspekte der amerikanischen – und chinesischen – Rohstoffstrategie an deutsche Bedürfnisse anzupassen, ohne dabei die eigenen Werte und Standards gänzlich aus den Augen zu verlieren oder beide Großmächte schlicht zu kopieren. Diese strategisch-transformative Abwägungsleistung in der Rohstoffpolitik wird nicht einfach zu erreichen und durchzuhalten sein, da sie den Boden bekannter Gewissheiten verlässt und Neuland betritt. Strategisches Denken auszubilden, ist keine Aufgabe, die auf die Erfordernisse der deutschen Rohstoffpolitik begrenzt ist. Im Gegenteil: Strategisches Denken und Handeln betrifft heutzutage zahlreiche Politikfelder und ist mittlerweile eine Grundvoraussetzung für die geoökonomische Selbstbehauptungsfähigkeit in einer Welt im Umbruch geworden.[x]   


Autor: Dr. Jakob Kullik ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Internationale Politik der TU Chemnitz. Im Juni 2026 erschien sein neues Buch „Seltene Erden. Der globale Kampf um die Rohstoffe der Zukunft“ im Verlag Quadriga.


Literatur:

[i] Vgl. European Commission (2023): Study on the Critical Raw Materials for the EU – Final Report, online unter: https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/57318397-fdd4-11ed-a05c-01aa75ed71a1  (letzter Zugriff: 22.07.2026), S. 18 f.

[ii] Vgl. Kullik, Jakob (2026): Seltene Erden. Der globale Kampf um die Rohstoffe der Zukunft, Köln: Quadriga, S. 18 f.

[iii] Vgl. Biedermann, Reinhard Peter (2014): China’s rare earth sector – between domestic consolidation and global hegemony, in: International Journal of Emerging Markets 9: 2, S. 276-293.

[iv] Vgl. Landry, David (2025): Chinese mining investment globally: Who, where, and how?, in: Resources Policy 111: 12, online unter: https://doi.org/10.1016/j.resourpol.2025.105780 (letzter Zugriff: 21.07.2026); Escobar, Brooke / Malik, Ammar A. / Zhang, Sheng / Walsh, Katherine / Joosse, Alexandra / Parks, Bradley C. / Zimmerman, Jacqueline / Fedorochko, Rory (2025): Power Playbook. Beijing’s Bid to Secure Overseas Transition Minerals, online unter: https://docs.aiddata.org/reports/china-transition-minerals-2025/FULL_REPORT_Power_Playbook.pdf (letzter Zugriff: 21.07.2026).

[v] Vgl. Kullik (2026), S. 129 f.

[vi] Vgl. Morozov, Evgeny (2026): Der neue Staatskapitalismus, in: Le Monde diplomatique 32: 6, S. 1.

[vii]   Vgl. International Energy Agency (2026): Rare Earth Elements. Pathways to secure and diversified supply chains, April 2026, online unter: https://iea.blob.core.windows.net/assets/88d2b060-4c5b-46cc-8727-c60576cb937d/RareearthelementsPathwaystosecureanddiversifiedsupplychains.pdf  (letzter Zugriff: 21.07.2026), S. 38 f.

[viii]   Vgl. O’Brien, Phillips Payson (2025): Das ist nicht Sparta!!! Warum die USA einen Krieg mit China verlieren würden, IPG Journal, 17.11.2025, online unter: https://www.ipg-journal.de/rubriken/aussen-und-sicherheitspolitik/artikel/das-ist-nicht-sparta-8675/  (letzter Zugriff: 21.07.2026).

[ix] Vgl. Angerer, Gerhard / Buchholz, Peter / Gutzmer, Jens / Hagelüken, Christian / Herzig, Peter / Littke, Ralf / Thauer, Rudolf K. / Wellmer, Friedrich-Wilhelm (2016): Rohstoffe für die Energieversorgung der Zukunft. Geologie – Märkte – Umwelteinflüsse, online unter: https://www.acatech.de/publikation/rohstoffe-fuer-die-energieversorgung-der-zukunft-geologie-maerkte-umwelteinfluesse/ (letzter Zugriff: 22.07.2026); Energy Transitions Commission (2023): Material and Resource Requirements for the Energy Transition, online unter: https://www.energy-transitions.org/wp-content/uploads/2023/07/ETC-Material-and-Resource-Requirements_vF_Updated.pdf (letzter Zugriff: 22.07.2026); alle Berichte der IEA zu Critical Minerals seit 2021.

[x] Vgl. Rieck, Christian E. / Kullik, Jakob (2026): Wo die deutsche Außenpolitik hinter der Zeit zurückbleibt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, online unter: https://www.faz.net/premium/weltwirtschaft/weltwissen/deutschland-strategiefaehigkeit-und-neue-ziele-accg-200843506.html (letzter Zugriff: 22.07.2026).



DOI: 10.36206/AN26.5
CC-BY-NC-SA