/ 18.06.2013
Christian Schwaabe
Antiamerikanismus. Wandlungen eines Feindbildes
München: Wilhelm Fink Verlag 2003; 228 S.; kart., 19,90 €; ISBN 3-7705-3926-5Genau wie antiamerikanische Pamphlete von großer Irrationalität und einem zumeist polemischen Stil gekennzeichnet sind, leiden auch diejenigen Brandschriften, die mit den Spielarten des Antiamerikanismus in der Bundesrepublik abzurechnen suchen, häufig darunter, dass nicht das kühle Herz des Analytikers die Feder führte, sondern die heisse Wut des politischen Feuilletons. Nicht so dieses Buch: In sachlicher, knapp gefasster Form zeichnet der Autor die großen Entwicklungslinien und Wendepunkte des deutschen Antiamerikanismus nach. Dieser hat im modernen Deutschland eine lange, wenn auch keineswegs bruchlose Tradition. Das durchaus ambivalente Verhältnis zu Amerika erfüllte in sehr unterschiedlicher Weise eine wichtige Funktion bei der Frage nach der eigenen deutschen Identität. Schwaabe verknüpft diese beiden Dimensionen als zwei Seiten derselben Medaille: Die deutschen Amerikabilder sind für ihn Spiegelungen des eigenen Selbstbildes. Dabei markiere das Jahr 1945 eine fundamentale Wende. Der Antiamerikanismus vor 1945, zumal in Weimar, war ein rechter, radikal antiwestlicher. Nach 1945, mit dem apokalyptischen Scheitern des deutschen Gegenentwurfs eines martialischen Heldentums, wurde Amerika in vielerlei Hinsicht zum Katalysator der bundesdeutschen Verwestlichung. Neben der lebensweltlichen „Amerikanisierung" kommt es spätestens mit den Ereignissen 1968 und dem Vietnamkrieg zu einem neuen, nun „linken" Antiamerikanismus. Jetzt repräsentieren die USA, in bemerkenswerter Verkehrung der alten Rollen, Militarismus und Imperialismus. Sie stehen damit auch für die eigene deutsche Vergangenheit, von der sich die zivilen, postheroischen Bundesbürger gründlich gelöst zu haben glauben.
Aus dem Inhalt:
A. Heroische Verweigerung gegen das westliche „Händlertum". Antiamerikanismus und deutsche Selbstbilder 1871 bis 1945
Kulturkritische Erfindung Amerikas als Nebenprodukt der Modernitätskrise
Kulturkämpferisches Heldentum: Die „Ideen von 1914"
Martialische Verfinsterung: Der „Mythos von 1914"
Antiwestlicher Groll und Weimarer Amerikanisierung
Verlockungen des politischen Existentialismus
Die glückliche „Volksgemeinschaft" und die Apokalypse des deutschen Heldentums
B. Verwestlichter Pro- und Antiamerikanismus. Bundesdeutsche Befindlichkeiten
Die Stunde Null: Incipit America
Tektonische Entspannung: Westbindung einer entschärften Rechten
Amerikanisierung oder Verwestlichung?
Zivilisierte Helden, Amerika-freundliche Biedermänner: James Dean und Konrad Adenauer
1968: Antiamerikanische Verwestlichung
Zivile Wende 1 - US-Imperialismus und deutsche Vergangenheit
Zivile Wende 2 - Die harmlose deutsche Provinz
1989/90: Ende der Absence und neue Heimatlosigkeiten
Außenpolitische Zumutungen und zivile Reaktionen
C. Schluss: Abschied vom Heldentum, Ankunft im Westen
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 2.35 | 2.64 | 4.2 | 2.31
Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Christian Schwaabe: Antiamerikanismus. München: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/19797-antiamerikanismus_23042, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 23042
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
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