/ 21.06.2013
Thomas Hecken
1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik
Bielefeld: transcript 2008 (xtexte); 179 S.; kart., 15,80 €; ISBN 978-3-89942-741-7Ein ideengeschichtlicher Überblick über die Theorien der 68er-Bewegung nimmt den Hauptteil dieses Bandes ein. Hecken, Privatdozent für Deutsche Philologie in Bochum, legt den Schwerpunkt seiner Analyse auf US-amerikanische und westdeutsche Texte. Grundsätzlich ordnet er die 68er als Neue Linke ein und zeigt, wie von ihren Autoren die Ideen u. a. von Mao, Guevara und Fanon weiterverarbeitet wurden. Im Zentrum stehen aber die Theorien von Marcuse, der mit dem von der Konsumgesellschaft gewährten, nur systemkonformen Pluralismus die „Schreckensvision einer totalitären Gesellschaft“ (22) bereits heraufziehen sah. In Anlehnung an den amerikanischen Soziologen Mills sieht Hecken den wichtigsten Ansatzpunkt der Neuen Linken darin, „zur Kritik der bestehenden Verhältnisse nach dem Maßstab jener humanen, politischen Ideale beizutragen, die er durch die herrschende ‚Machtelite‘ aus industrieller, politischer und militärischer Verwaltung missachtet sieht“ (16). Spätestens 1968 sei bei fast allen Neuen Linken aber eine Absage an die bestehende Demokratie festzustellen, gepaart mit dem Versuch, den Regierungen und Parlamenten Legitimität und Rechtschaffenheit abzusprechen. Hecken erkennt in diesen Theorien vor allem eine Wiederaufnahme marxistischer Ideen, anknüpfend an den frühen, mit der Entfremdung beschäftigten Marx. Diesem Ansatz entsprechend sei der Neuen Linken der verfassungsgemäße Weg, Änderungen herbeizuführen, versperrt erschienen – auch wegen der ihrer Ansicht nach erfolgreichen Manipulation der öffentlichen Meinung. Interessant ist auch die Feststellung Heckens, die Neue Linke habe sich in ihrem nicht-traditionellen Marxismus von der Arbeiterklasse als Motor der Veränderung verabschiedet und neue revolutionäre Subjekte gesucht: Die Studenten seien bei dieser Suche vor allem auf sich selbst gestoßen. Anschließend untersucht Hecken die Lebensformen der Neuen Linken und wendet sich dann kurz der (zeitgenössischen) Kritik zu. Diese Analysen der 68er von Hobsbawn, Habermas und anderen wären sicher noch ein eigenes spannendes Buch wert.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.22 | 2.331 | 2.313 | 2.64
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Thomas Hecken: 1968. Bielefeld: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28946-1968_34176, veröffentlicht am 19.06.2008.
Buch-Nr.: 34176
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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