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Rezension / 03.08.2026

Jan-Werner Müller: Straße, Platz, Palast. Zur Architektur demokratischer Räume

Berlin, Suhrkamp 2026

Gibt es eine demokratische Architektur? Der renommierte Princeton-Politologe Jan-Werner Müller betrachtet Straßen, Plätze und Paläste durch die politikwissenschaftliche Brille und formuliert durch das Medium der Architektur auch eine Kritik gegenwärtiger Demokratie. Ein hervorragender Essay, in dem man mehr über die Schwachstellen moderner Demokratien lernt als in mancher Krisenliteratur, lobt Martin Gegner (WZB Berlin) in seiner Rezension.

Eine Rezension von Martin Gegner

Braucht die Demokratie im Internetzeitalter noch gebaute Räume für Meinungsartikulation, Entscheidungsfindung und Repräsentation ihrer selbst? Wenn ja, wie sollen diese Räume gestaltet sein? Diese beiden Kernfragen nimmt der in Princeton, USA, lehrende deutsche Politologe Jan-Werner Müller zum Ausgangspunkt seines neuen Buches „Straße, Platz, Palast. Zur Architektur demokratischer Räume“. Um es vorwegzunehmen: Die erste Frage beantwortet Müller eindeutig mit ja. Wobei er davon ausgeht, dass aufgrund der Allgegenwart des Internets alle gebauten Räume des 21. Jahrhunderts „Multimedia-Räume“ (219) seien. Dies müsse jede Architektur berücksichtigen, vor allem aber die Architektur für die Demokratie. „Designs für die Demokratie müssen Physisches und Virtuelles stets zusammen denken“ (219).

Auf Grundlage dieser Annahme strukturiert er sein Buch um die drei im Titel genannten architektonischen Erscheinungsformen, die, so seine Annahme, für unterschiedliche demokratische Übungen benötigt würden und der jeweiligen Funktion entsprechend gestaltet sein müssten. Dabei geht Müller nicht phänomenologisch vor, sondern archetypisch, und zwar in einer politiktheoretischen Perspektive. Erwartbar beginnt er sein Werk mit Untersuchungen zu der baulichen Beschaffenheit der attischen Demokratie. Dabei liegt sein Augenmerk immer auf der Frage, welche demokratischen Funktionen in welchen Bauwerken ausgeübt und wie diese gestaltet waren. Ein zweiter Schwerpunkt liegt in der Analyse der baulichen Repräsentation der ersten modernen Demokratien in den USA und im bürgerlich-revolutionären Frankreich. Schließlich gelangt er zu der Frage, welche demokratischen Bauten wir, möglicherweise in veränderter Form, im 21. Jahrhundert (nicht) brauchen. Müller schließt im Fortlauf der Untersuchung immer von der politischen Funktion auf die architektonische Form. An mehreren Stellen spart er nicht mit Kritik an der real existierenden Demokratie sowie ihren Institutionen und Akteuren. Müller schreibt also vermittelt durch das Medium der Architektur eine Kritik der modernen Demokratie. Das ist zum größten Teil überzeugend gelungen. Das Buch, auf Englisch geschrieben, ist sehr gut übersetzt und ebenso lesbar.

Zum Zusammenhang von Demokratie und Architektur

In der Einleitung formuliert Müller den Anspruch des Buchs und führt historisch-philosophisch in das Thema ein. „Ziel dieses Essays ist es, das Bewusstsein für die Politik der Architektur und insbesondere die Beziehung zwischen der gebauten Umwelt und der Demokratie zu schärfen. Wie sollen wir uns eine erkennbar demokratische gebaute Umwelt vorstellen?“ (20). Müller beweist hier eine Meisterschaft im Verfassen von kenntnisreichen, aber nicht akademisch abgehobenen Essays. Er zitiert von Hannah Arendt über Walter Benjamin, Friedrich Nietzsche und die Urväter der abendländischen Philosophie, Platon und Aristoteles, bis hin zu den Gründervätern der USA, Thomas Jefferson, James Madison und John Quincy Adams – auf den er im Fortlauf häufiger zu sprechen kommt – so ziemlich alles, was Rang und Namen und sich, und sei es nur in einem einzigen Bonmot, zum Zusammenhang von Architektur und Politik geäußert hat. Das mutet zunächst eklektisch an, ist aber äußerst kurzweilig und führt gut in die Thematik ein. Denn Müller gelingt es auf diese Weise zu argumentieren, warum er sein Buch um die im Titel genannten unterschiedlichen architektonischen Räume strukturiert.

Anlass für den Autor, sich mit dem Thema zu beschäftigen, scheint der von Donald Trump initiierte Bau eines Ballsaals am Weißen Haus gewesen zu sein. Dieses Bauprojekt, zumal der vorausgegangene Abriss des Ostflügels des klassizistischen Gebäudes, hat vor allem in den Eliteunis der sogenannte Ivy League, zu der Müllers Arbeitsstätte Princeton gehört, eine große Diskussion ausgelöst. Das erklärt, warum es dort in letzter Zeit überraschend zahlreiche Publikation zum üblicherweise (auch in Deutschland) als Randthema gehandelten Konnex von Politik und Architektur gibt. Vor diesem Hintergrund ist Müllers Buch in erster Linie an eine US-amerikanische Leserschaft adressiert. Bereits auf den ersten Seiten zeigt er aber mit der Beschreibung des Parlamentsgebäudes in Dhaka, Bangladesch, dass er eine globale Perspektive auf den Zusammenhang von Politik und Architektur einnimmt. Dies gilt zumindest da, wo es sich mit dem Bezug auf den „International Style“ beziehungsweise die „klassische Moderne“ nach dem Zweiten Weltkrieg um global zu beobachtende Phänomene handelt. Mit der Nutzung dieses Stils versuchten nämlich damals sogenannte „Entwicklungsländer“, sich in ihren politischen Repräsentationen ein „modernes“ Image in der Welt zu verschaffen. Brasília und Chandigarh sind weitere Beispiele, auf die Müller aber nur am Rand eingeht.

Neben den USA ist auch die Bundesrepublik Deutschland ein Schwerpunkt, vor allem der Neubau des Regierungsviertels in Berlin nach 1990. Hier hat sich der Autor eingehend von den Architekten des sogenannten „Band des Bundes“, Axel Schultes und Charlotte Frank, beraten lassen.  Allerdings ignoriert Müller bis auf Manfred Nerdinger, den Doyen der deutschen Architekturtheorie, nahezu sämtliche deutschsprachigen Beiträge zum Thema Politik und Architektur. Weder die Kunsthistoriker Martin Warnke und Horst Bredekamp noch die vielfältigen Arbeiten des Berliner Architektursoziologen Harald Bodenschatz werden genannt. Das ist für ein deutsches Fachpublikum irritierend. Umso interessanter ist es aber, mit den zahlreichen neuen Publikationen zum Thema aus Müllers Umfeld in den USA bekannt gemacht zu werden. Hier können deutsche Architekturtheoretiker*innen und Politolog*innen mit theoretischem Interesse viel lernen.

„Anders als viele Kunsthistoriker*innen - auch die hier genannten - betrachtet Müller seinen Gegenstand nicht aus einer ästhetischen Perspektive, die für die Widersprüche der Subjektivität anfällig ist. Denn ob ein Bauwerk als grandios bezeichnet wird oder als falsch- und überdimensioniert, ist, wie das Beispiel des Berliner Doms zeigt, eben eine Frage von Bildung und allgemeinem (auch politisch beeinflussten) Geschmack. Ausweislich der Einlasszahlen und der Menschenmassen auf dem davor gelegenen Lustgarten ist der Dom äußerst beliebt, zumal bei ausländischen Besucherinnen und Besuchern. Nach dem Urteil der meisten „Architekturexpert*innen“ ist die Kuppel des Doms jedoch viel zu groß für den darunter gestaucht wirkenden Baukörper und das Ensemble damit misslungen.

Müller entgeht diesen Aporien, indem er seine relativ wenigen phänomenologischen Beispiele nach funktionalen Kriterien beleuchtet. Und zwar unter dem Gesichtspunkt, was die jeweilige architektonische Konfiguration (Straße, Platz, Gebäude) für unterschiedliche Funktionen der Demokratie leiste: Meinungsbildung, politisches Ritual und Entscheidungsfindung. Die Straße, am besten die großen Boulevards, seien prädestiniert für die Meinungsartikulation und Meinungsbildung in politischen Bewegungen. Plätze böten sich an für politische Feste, bei denen sich die Teilnehmenden gegenseitig sehen und sich ihrer selbst (als Demokrat*innen, Staatsbürger*innen etc.) gewahr werden könnten. Ein Palast sei dagegen geeignet, die politische Entscheidungsinstanz (in der Demokratie also idealerweise das Parlament) zu beherbergen und gegebenenfalls auch gegen den Druck der Straße zu verteidigen. Die versuchten Parlamentserstürmungen in Brasilia, Washington und – „inzwischen halb vergessen“ (10) – 2020 in Berlin, zeigten, dass deren Unterbringung in durch Mauern von außen gesicherten Gebäuden im Sinne der Demokratie sei.

Daneben müsse ein Parlament vor allem konstruktive politische Debatten ermöglichen. Auf einer gläsernen Kuppel über dem Plenarsaal und somit über den Köpfen der gewählten Vertreter einer Republik zu einer Aussichtsplattform zu laufen, sei zwar für das Publikum sehr schön und erkläre auch die Popularität des Baus, ist aber der Demokratie in diesem Land – auch symbolisch betrachtet – überhaupt nicht zweckdienlich. „Norman Fosters berühmte »transparente« Kuppel auf dem Reichstagsgebäude in Berlin […] ist kein Beweis dafür, dass die Politik des wiedervereinigten Deutschlands für die Bürger verständlicher oder gar partizipativer wäre“ (107). Der Clou des Buches ist, dass es Müller gelingt, über das vergegenständlichte Medium der Architektur abstrakte, demokratietheoretische Fragen zu stellen und teilweise auch zu beantworten. Auf diese Weise ist dieser Essay ein politiktheoretischer Versuch erster Güte, die Aporien, Dilemmata und Perspektiven der bürgerlichen Demokratie im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts zu benennen.

Platz

Im ersten Kapitel widmet sich Müller öffentlichen Plätzen und der Frage „Wo versammelt man sich – und wie und wozu?“ (25). Ausgangspunkt ist kaum überraschend und dennoch nachvollziehbar die attische Agora. Zwar fügt er zunächst nichts Neues zur umfangreichen politologischen und architekturtheoretischen Analyse der Agora hinzu – diese sei in ihrer Mischfunktion als Markt-, Fest- und Versammlungsplatz zu verstehen; den politischen Versammlungen gingen religiöse Rituale voraus etc. Müller widerspricht dabei der gängigen Idealisierung der Agora als perfekt konfigurierter Demokratieraum.

Die Ursache dafür sieht Müller in der speziellen Verfasstheit der attischen Demokratie, die vom prinzipiellen Gleichheitsgedanken (unter den männlichen Bürgern) ausging und die weitaus meisten Ämter per Losentscheid bestimmte. Weniger als zehn Prozent der Ämter wurden durch Wahlen vergeben. Folglich seien die Plätze ebenso wenig für Wahlkämpfe wie für politischen Protest genutzt worden.

Stattdessen „mussten die Räume so gestaltet sein, dass sie spezifische Formen von Partizipation ermöglichten.“ (28). Konsequenterweise führt Müller die unterschiedlichen Anlässe für Zusammenkünfte aus und betrachtet davon ausgehend ihre bauliche Gestalt.

Dabei weist er daraufhin, dass – auch im Fortlauf der Geschichte – die Formgebung für die Ausübung bestimmter politischer Aktivitäten kontingent sein konnte. Denn es ging den Athenern bei der Platznahme der Agora am Fuße der Akropolis nicht um Repräsentation (dafür gab es Theater, Tempel und Gerichte auf der Akropolis), sondern um Selbstvergewisserung. „Wie viele andere große, offene Räume diente die Agora zugleich rituellen Zwecken.  […] Das Ritual ermöglichte es, die Erfüllung gegenseitiger Verpflichtungen für alle sichtbar gemeinsam zu erleben“ (36). So entlarvt Müller die Annahme, dass die edle demokratische Gesinnung der attischen Agora sich im Laufe der Zeit in eine ebenso edle ästhetische Form übersetzt habe, als idealistischen Mythos. „Die Agora war ursprünglich nicht dazu ausersehen, für Einwohner und Besucher ein ikonisches Bild abzugeben. Der Gedanke eines Masterplans und eines dazugehörigen denkwürdigen Stadtbildes kam erst später in hellenistischer und römischer Zeit auf. […] Diese Formlosigkeit ließe sich mit der – uns gleichfalls äußerst fremden – Vorstellung erklären, dass die Polis nicht in erster Linie ein bestimmter geografischer Ort, sondern eine Gruppe von Menschen war. Das hatte zur Folge, dass die Stadt im Prinzip mobil sein konnte“ (29). Sie wurde bei großer Gefahr verlassen und temporär an einen anderen Ort verlegt. War die Gefahr gebannt, kehrte man zurück, oder baute die Stadt wie nach der Zerstörung durch die Perser um 480 v. Chr. wieder auf. Demzufolge scheint Rousseaus Diktum, „dass die Häuser die Stadt, die Bürger aber die Polis schaffen“ (217) bereits von den Athenern gelebt worden zu sein.

Die anfängliche Formlosigkeit und auch die spätere Formgebung durch Bau der ästhetisierenden Stoen war der Funktion geschuldet, eine relativ große Masse Menschen (mit Ausnahme von Verbrechern) diskriminierungsfrei aufnehmen zu können. „Die Agora bot also einen Raum, in dem Menschen aller Art sich drängten und davon ausgingen, dass sie einander als mehr oder weniger Gleiche in die Augen blicken konnten. Die Tatsache, dass die Agora ganz unterschiedliche Nutzungen kannte und viele Menschen dort viele verschiedene Dinge taten, mag ein Gefühl verstärkt haben, dass Unterschiede nicht Ungleichheit bedeuteten. Ungleichheit galt als eine der größten Gefährdungen der Demokratie […]“ (35). Dabei führte die Gedrängtheit zu auch heute noch bekannten Effekten von Massenaufläufen, seien sie politischer Natur oder dem Amüsement geschuldet: „Die frühe klassische Agora war nicht gerade schön anzusehen. Sie war ungepflastert, sie war voller Müll, den die Athener einfach dort fallen ließen, wo es ihnen passte; und vor der Installation von Latrinen konnte man jede Menge Exkremente sehen (und riechen)“ (31). Müller gelingt es, das politische Leben des alten Athens und seine Räume lebendig zu machen und erspart den Leserinnen und Lesern moralische Diskurse über demokratische Werte, die sich angeblich in architektonischen Formen ausdrücken. Auf diese Weise analysiert er auch die politischen Architekturen der römischen Republik, die überwiegend gerade keine Demokratie war, bevor er zur Betrachtung moderner Demokratien überleitet.

Wie bereits erwähnt, nähert sich der Autor seinem Sujet von der Theorie her. Dabei spart er nicht mit Kritik an der in den USA praktizierten Demokratie, zum Beispiel, wenn er auf die anti-egalitären Auslassungen des Gründervaters James Madison gegen „den Pöbel“ (25) verweist, dessen Herrschaft jener in jeder Versammlung von Bürgern witterte. Gleichwohl verwahrt sich Müller dagegen, Autokratien oder Diktaturen als diskussionswürdige Alternativen zur Demokratie zu betrachten. Geschickt webt er stattdessen raumtheoretische Erörterungen ein, also Fragen, wie, warum, durch wen und zu welchem Zweck städtischer Raum wozu genutzt wird. Hier setzt er das Politische an und macht Unterschiede zwischen Diktaturen und der Demokratie aus.

Gleichzeitig verweist er auch auf Gemeinsamkeiten, wenn er vor allem einzelne architektonische Beispiele des italienischen Faschismus als exemplarisch für egalitären Funktionalismus anführt. Denn, so seine Prämisse, so einfach sei es nicht, das „demokratische“ vom „diktatorischen Bauen“ zu unterscheiden! Das Material spiele schon einmal keinerlei Rolle. Mehrfach wendet er sich gegen den Mythos, wer demokratische Bauten wolle, müsse eben Glas verwenden, selbst wenn Hitler Glas wegen dessen Transparenz gehasst und schwere Natursteinblöcke bevorzugt habe. Ausführlich berichtet er, dass sich auch der Demokrat Konrad Adenauer vehement gegen einen gläsernen Neubau des Bonner Parlaments ausgesprochen hat – und zwar weniger aus ästhetischen, sondern eher aus pragmatischen Gründen. So schlussfolgert Müller: „‚Transparenz‘ ist wohl das am meisten überschätzte und auch missverstandene Konzept, wenn Architektur und Demokratie gemeinsam betrachtet werden. Praktisch jeder Versuch, alle Räume vollkommen transparent zu machen, führt dazu, dass die Politiker sich neue Orte für vertrauliche Verhandlungen suchen“ (221).

Palast

Nach hundert furiosen Seiten flacht das Buch etwas ab, da sich Müller zunehmend in die Randgebiete der Architektur begibt. So beschäftigt er sich mit ihren Inschriften (wie „Dem Deutschen Volke“ am Portal des Deutschen Reichstagsgebäudes), den vor politischen Repräsentanzen aufgestellten Statuen sowie den in ihnen ausgestellten Bildern. Zwar wird dabei der Bezug zur Politik deutlich, aber der zur Architektur tritt immer mehr in den Hintergrund. Zudem fehlt hier ein spezifischer theoretischer Zugang. Die vortrefflichen Kenntnisse des Autors in der politischen Theorie werden weiterhin ausgebreitet, aber ikonologische und ikonografische Grundlagen beispielsweise von Erwin Panofsky, Max Imdahl oder Ernst Gombrich, die sich auch mit der Politik von Sprache, Abbild und Bild beschäftigt haben, bleiben unbeachtet. Das führt dazu, dass die in dieser Passage von Müller gewählten Beispiele etwas beliebig erscheinen, und ihre Analyse nicht die theoretische Tiefe erreicht, die nötig wäre, um das Spektrum der Architekturpolitik um die genannten Kunstformen hier sinnvoll zu erweitern.

Spannend wird es, wenn sich Müller zum Ende des zweiten Kapitels der populistischen Architekturstrategien annimmt. Dabei rekurriert er auf seine einflussreiche Definition von Populismus, wonach Populisten im Unterschied zu Demokraten behaupten, sie, und nur sie, repräsentierten „das wahre Volk“ (115).[1] Diesen Ansatz übertrügen sie auf den politischen Städtebau, indem sie deklarierten, welche Architektur(bestandteile) „zum Volk“ gehörten und welche nicht. Neues werde hinzugefügt und Altes aus vorherigen, „überkommenen“ Epochen entfernt. Müller bezieht sich dabei auf das Moscheebauprogramm des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoǧan, mit dem die Umwandlung der Haǧia Sofia von einem Museum in eine Moschee einherging. Damit werde die Doppelstrategie aus „Neues errichten“ und „Altes vernichten“, in diesem Fall das republikanisch-säkulare Erbe, deutlich. Andere Beispiele bezieht Müller aus Viktor Orbáns Ungarn, in dem modernistische Gebäude aus der kommunistischen Herrschaftszeit zerstört wurden und der „Platz der Nation“ wieder in den Zustand vor 1944 versetzt wurde. Das seien typische Zeichen für populistische Architekturstrategien.

Jeder und jede halbwegs am Thema Interessierte wird an diesem Punkt auch an die Umgestaltung Berlins in den 1990er Jahren denken, nachdem es zur Hauptstadt des ‚wiedervereinigten‘ Deutschland deklariert wurde. Nicht nur der „Rekonstruktionsboom“ (117) findet sich hier, sondern auch das Abtragen einer vorherigen historischen Schicht. Der Abriss des Palasts der Republik und die Pseudo-Rekonstruktion des Preußenschlosses (Stuck vor Beton) sind das hervorstechendste, aber beileibe nicht das einzige Beispiel dieses Vorgehens. Schließlich wurden in Berlin reihenweise Ikonen der DDR-Moderne ohne Not abgerissen (also ohne baupolizeilich gebotene Sanierungsmaßnahmen, die zumindest formal für den Abriss des Palasts der Republik geltend gemacht wurden): Die Gaststätte Ahornblatt, das Außenministeriumsgebäude, das Hotel Unter den Linden, um nur einige zu nennen. In jüngster Zeit traf es das Jahnstadion in Prenzlauer Berg, das Sport- und Erholungszentrum (SEZ) im Friedrichshain ist akut von Abriss bedroht. Gleichzeitig wird der Alexanderplatz, das herausragende Beispiel des DDR-Städtebaus und gewissermaßen die Agora Ost-Berlins im Jahr 1989, mit Hochhäusern zugestellt, wobei bauliche Highlights wie das Haus des Lehrers bereits lange zuvor durch den unmittelbaren Zubau von Einkaufszentren entwertet und die Sichtachsen des Platzes zerstört wurden. Sind das auch Akte des Populismus? Jedenfalls ließen sie sich mit Müllers Worten als solche erklären: „Man traf substanzielle stilistische Entscheidungen vor dem Hintergrund einer bestimmten politischen Ideologie. Die Moderne und insbesondere der Internationale Stil werden von vielen Populisten als überzogen rationalistisch, kolonialistisch oder verwerflich ‚kosmopolitisch‘ und ‚wurzellos‘ kritisiert“ (118).

War der Berliner Architekturstreit in den 1990er Jahren um die „neue (alte) Mitte“ ein Vorbote der populistischen Gefahr, die uns nach Meinung der meisten Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler mit der AfD bevorsteht? Schließlich droht deren Kulturpolitiker im sachsen-anhaltischen Landtag, Hans-Thomas Tillschneider, unverhohlen damit, mit dem Bauhaus in Dessau eine Architekturmarke von Weltrang zu schließen, einen „Irrweg der Moderne“ darstelle. Die genannten Berliner Beispiele tauchen in Müllers Buch nicht auf, nicht einmal ein Verweis auf Philipp Oswalts Arbeiten zum Bauen am nationalen Haus: Architektur als Identitätspolitik[2]. Oswalt widmet sich darin der Vorgeschichte des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses und der Garnisonskirche in Potsdam. Die vermeintlich aus der „Zivilgesellschaft“ stammenden Initiatoren beider Projekte entpuppen sich dabei als Interessengruppen mit reaktionärer politischer Gesinnung und guten Kontakten zu privaten Sponsoren. Diese setzten die Bauprojekte geschickt auf die öffentliche Agenda und trieben sie durch die (mehr oder weniger) zuständigen politischen Instanzen. Das verweist auf das schon ausgeführte Problem, dass dem Autor die deutsche Fachdiskussion offenbar kaum bekannt ist. Dessen sollten sich Leserinnen und Leser, die Müllers Buch als Einführung in das Thema heranziehen, bewusst sein.

Straße

Im dritten Kapitel erörtert der Autor die Spezifik der demokratischen Willensäußerung auf Straßen. Diese kontrastiert er scharf mit den zuvor untersuchten Aktivitäten auf Plätzen und in Palästen. Die für die Straße adäquate und vom „Volk“ präferierte demokratische Aktivität der Straße sei der Demonstrationszug. Bisweilen könne sich die von Berufspolitikerinnen und Berufspolitikern sowie politischen Theoretikern wie James Madison und Alexis de Tocqueville gefürchtete Unordnung der Straße auch in Chaos steigern, wenn Demonstrationszüge zu Straßenschlachten ausarteten. Auf jeden Fall sei die der Straße angemessen Aktivität dynamisch, sie erfordere Menschen in Bewegung. „Ein Marsch bedeutet, dass man sich dorthin bewegt, wo schon Menschen sind“ (216). Eine Aktion der Straße sei eher die Barrikade. Deren eigentliche Bestimmung sei seit ihrem ersten Auftreten im Frankreich des 15. Jahrhunderts gerade, die Bewegung (von Gütern und Menschen) zu unterbinden. Meistens seien diese Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Selbst berühmte Barrikadenbauer wie der Architekt Gottfried Semper und der politische Theoretiker und Praktiker Friedrich Engels gaben zu Protokoll, dass die von ihnen gebauten Barrikaden in der 1848er-Revolution eher symbolischer Natur waren. Einschneidende Effekte zeitigten sie nur für sie persönlich: Beide mussten anschließend als gesuchte Revolutionäre das Land verlassen. 

Bei der Untersuchung der „Politik der Straße“ minimiert Müller noch deutlicher den Bezug zur Architektur und stößt weit in die Gefilde der Stadtsoziologie sowie der Öffentlichkeitsforschung vor. Entsprechend sind denn auch Georg Simmel, Erving Goffman und Jane Jacobs die Referenzen. Auch in diesem Fall erschließt Müller keine neuen Quellen. Allerdings räumt seine Wiederlektüre der Genannten mit dem Mythos auf, die Straße sei ob ihrer Vielfalt eine Schule der Demokratie. Die immer wieder geäußerte Hoffnung, die „Straße als Bühne der Begegnungen“ (162) eröffneten die Möglichkeit für ungezwungene Kommunikation, welche auch in politische Meinungsbildung münden könnte, entlarvt er als Idealismus.

Eine Architektur, die auf diese Bilder aufbaue, beispielsweise von Jan Gehl, der meint, „Städte für Menschen“ zu bauen, rückt in Wahrheit von den Funktionen der Stadt und der Straße ab. Und ohne der modernistischen Vision Le Corbusiers zu folgen, in der die Funktion der Straße als Bewegungsraum in Richtung der autogerechten Stadt pervertiert wurde, macht Müller die politische Funktion an etwas anderem fest. Er sympathisiert zwar durchaus mit den Ideen, mit denen die Befürworter*innen der autofreien Stadt die spontane Begegnung von Nachbarn ermöglichen und so das Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer Nachbarschaft stärken wollen. Aber dies macht aus den angestrebten „zwanglos bewohnten Außenräumen“ (166) noch keine politischen Räume.

Müller erfreut sich auch an Straßenfesten und „griechischen oder türkischen Kaffeehäusern“ (164). Deren westeuropäische Vorläufer inspirierten schon Richard Sennett und Jürgen Habermas (die er an diesem Punkt nicht nennt) zu dem Begriff der „Kaffeehausöffentlichkeit“ im Absolutismus, wo erste vordemokratische Übungen der Meinungsbildung und -artikulation stattfanden. Nur haben die Cafés der heutigen Zeit neben dem Konsum höchstens die soziale Funktion des „Sehens und Gesehenwerdens“ – für die, die sich einen Cappuccino für vier bis sechs Euro leisten können und wollen. Außerhalb Wiens liegen in Kaffeehäusern ja nicht einmal mehr Zeitungen aus.

Müller relativiert solche idealisierenden „Straßenansichten“ auf erfrischende Weise. Er unterstellt den Freunden der Begegnungsstraßengemütlichkeit, einer „Projektion des Dorfes“ (175) zu unterliegen. Identität der Anwohnenden kann dann schnell in Xenophobie umschlagen, Wachsamkeit gegenüber den Gefahren der Straße zu Überwachung des Anderen. „Einige der hochgelobten Vorzüge nachbarschaftlicher Straßen – wie die Begegnung mit Menschen unterschiedlichster Art – scheinen damit zumindest in einer gewissen Spannung untereinander zu stehen, denn Sicherheit resultiert hier offenbar gerade aus einem automatischen Misstrauen der dort Wohnenden gegenüber jedem Fremden. Die Orte, an denen man leicht zwischen Einwohnern und Fremden unterscheiden kann, sind das Dorf, die Kleinstadt und der Vorort“ (176). Demgegenüber tritt er mit Simmel für die Vorzüge großstädtischer Anonymität ein. Diese ermögliche weit eher das (private und öffentliche) Ausleben beispielsweise einer queeren Identität.

Das Prinzip der Anonymität stärkt er auch aus anderen Gründen. „Steht gerade Anonymität nicht in einem fundamentalen Gegensatz zu demokratischen Vorstellungen von Sichtbarkeit und letztlich Rechenschaftspflicht, für die Erkennbarkeit, wie oben erörtert, eine Voraussetzung, wenn auch keine Garantie darstellt?“ (177) Nein, sagt Müller, denn „[d]ie Straße ist […] zu einem Ort für Eingriffe in die Privatsphäre geworden, die wir so gar nicht vermuten“ (194). Datenhändler und staatliche Institutionen wie die US-amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE (aber nicht nur die) greifen permanent auf unsere Privatsphäre zu. „Die sehende Straße stellt insbesondere Demonstranten vor neue Probleme. Sie haben allen Grund, ihr Smartphone zu Hause zu lassen. Wenn sie kein Handy bei sich haben, ist es jedoch nicht leicht, Aktionen auf der Straße zu koordinieren – oder auch Polizeigewalt auf Video aufzunehmen“ (195f).  Was mit den registrierten Daten von Teilnehmenden einer Demonstration auf der Straße passieren kann, sieht man unserer Tage sehr deutlich, wenn Personen, die sich zu einem internationalen Konflikt öffentlich „falsch“ äußern, keine Förderung (für wissenschaftliche oder künstlerische Projekte) mehr bekommen, ihren Job oder ihr Bankkonto verlieren[3]. Deshalb gelangt Müller zu dem Schluss: „Demokratien sind zunehmend intolerant gegenüber Protest als solchem. Räume jeglicher Art, aber vor allem Straßen werden mit immer neuen Restriktionen belegt“ (159). Deshalb gelte das alte feministische Motto auch für alle anderen, die politisch mitreden wollen: „Die Straße zurückerobern“ (59).

Schluss

In einem „Coda“ genannten Schlussteil fasst Müller seine Arbeit zusammen. In den acht aphoristisch gehaltenen Punkten bleibt er unverständlicherweise recht versöhnlich. Seine in den vorigen Kapiteln deutliche Kritik an der gegenwärtigen Demokratie – zum Beispiel an der zunehmenden Unfähigkeit und dem offensichtlichen Desinteresse der „politischen Klasse“, sich um die Befriedigung materieller Bedürfnisse wie bezahlbarem Wohnraum zu kümmern – weicht einem handzahmen Resümee. Darin ist vom Auseinanderdriften von Arm und Reich gar nicht mehr die Rede, stattdessen werden wieder die Vorzüge der (unvollkommenen) Demokratie gegenüber Autokratien dargestellt.

So heißt es: „Autokratien versuchen, in sorgfältig um Führer choreografierten Spektakeln die politische Ordnung als Ganze sichtbar zu machen, während die Verfahren im Dunkeln bleiben. Demokratien vermögen niemals ein endgültiges Ganzes zu zeigen – kein Symbol kann das Volk‘ abschließend und ein für alle Mal erfassen. Demokratien versuchen jedoch auch nicht, die oft unübersichtliche Realität ihrer Verfahren und Entscheidungsprozesse zu verbergen“ (214). Und weiter: „Autokratien neigen dagegen zum Zwang zur Sichtbarkeit – das gilt insbesondere für den Faschismus mit seinem Partizipationsspektakel“ (215). Das ist nicht falsch, aber angesichts der zuvor vortrefflich zusammengestellten Mängelliste der aktuellen Demokratie enttäuschend. Lediglich in Teilen seiner raumpolitischen Erörterungen bleibt Müller seiner zuvor kompromisslosen Linie treu („das Versammlungsrecht wird ganz offen oder eben manchmal auch auf subtile Weise immer weiter ausgehöhlt“, 213). Weiter heißt es: „Was auf Straßen und Plätzen geschieht, hat keine demokratische Form, wohl aber eine demokratische Bedeutung“ (215).

Seine Schlussfolgerung dagegen ist wiederum fügsam: „In einer Demokratie bedeutet Freiheit auch das Recht, von sich aus Konflikte anzuzetteln. […] Diese komplexe Dynamik von Konflikt und Zusammenhalt bietet eine ernsthafte Herausforderung für demokratisches Design: gewissermaßen Raum für Auseinandersetzungen zu schaffen, ohne zu wissen, welche Form Konflikte annehmen, oder auch nur, ob sie dem Zusammenhalt dienen werden“ (218).

Trotz einer zum Schluss sehr „offenen“ Einschätzung der demokratischen Aufgaben der Architektur, die weit davon entfernt ist, eine Handlungsempfehlung zu sein, ist das Buch insgesamt gelungen. Die genannten Auslassungen bei den Referenzen lassen das Buch nicht ausschweifen und ermöglichen nicht nur einen kompakten Einstieg für alle am Zusammenhang von Politik und Architektur Interessierten. Müllers Buch formuliert anhand des Bezugs auf den genannten Konnex vor allem im ersten und im drittel Kapitel eine Demokratiekritik, die – anschaulicher als die zumeist abstrakte Fachliteratur – Schwachstellen der Demokratie, und zwar in allen genannten zeitlichen Schwerpunkten, darzulegen vermag. Zwar gelte: „Politische Probleme haben keine architektonische Lösung (auch wenn architektonische Probleme politische Lösungen haben können)“ (223). Aber Müller ist zuzustimmen: Angesichts ihrer Krise kann, ja muss vielleicht sogar nicht nur die Verfasstheit der Demokratie – durchaus auch radikal – diskutiert werden. Vielmehr sollte auch eine verstärkte öffentliche Debatte über die Räume der Demokratie beziehungsweise die gebaute Demokratie geführt werden.  


Anmerkungen:

[1] Siehe hierfür ausführlich Müller, Jan-Werner (2016): Was ist Populismus? Ein Essay, Berlin: Suhrkamp.

[2] Vgl. Oswalt, Philipp (2023): Bauen am nationalen Haus. Architektur als Identitätspolitik, Berlin: Berenberg.

[3] Dem Neuköllner Kulturzentrum Oyoun wurde Anfang 2024 unter Bezug auf die mittlerweile ausgesetzte sog. ,Antisemitismus-Klausel´ in der Berliner Kulturförderung Gelder gestrichen. Zudem wurde sein Mietvertrag vom Senat gekündigt. Als Grund dafür wurden die Zurverfügungstellung von Räumen für palästina-solidarische Initiativen und Presseerklärungen zum israelischen Krieg in Gaza genannt. Diese seien antisemitisch.
Die von der Universität Bonn angestrengte Entlassung der bei ihr angestellten Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot wurde mit länger zurück liegenden Vergehen gegen wissenschaftliche Standards begründet, erfolgte aber – zufälligerweise? – unmittelbar nachdem diese sich öffentlich gegen das vorherrschende Narrativ zur russischen Alleinschuld am Ukrainekrieg geäußert hatte.
Dem Berliner Journalisten Hüseyin Dogru wurde von der EU 2025 das Konto gesperrt, im Frühjahr 2026 auch das seiner Frau und seiner Mutter. Ihm wird vorgeworfen, er sei ein „Desinformationsakteur“ (FAZ) Russlands. Tatsächlich hatte der Journalist auf seiner Plattform kaum über den Ukrainekrieg berichtet. In den wenigen Beiträgen hatte er mitunter Russlands Angriff auf die Ukraine kritisiert. Allerdings berichtete er regelmäßig kritisch über Israels Krieg in Gaza und im Libanon.



DOI: 10.36206/REZ26.31
CC-BY-NC-SA