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Rezension / 04.02.2026

Stefan Kordel, David Spenger, Tobias Weidinger: Engagement in der postmigrantischen Gesellschaft: Perspektiven für teilhabeorientierte Demokratiearbeit in ländlichen Räumen

Bielefeld, Transcript Verlag 2025

Während das Engagement für Zugewanderte ausführlich untersucht wurde, ist die Studienlage zum Engagement von Zugewanderten bisher eher dünn. Um dem entgegenzuwirken, untersuchen Stefan Kordel, David Spenger und Tobias Weidinger das ehrenamtliche Engagement von Migrant*innen im ländlichen Raum. Rezensent Simon Schmidbauer lobt die Untersuchung als wichtigen Forschungsbeitrag, der nicht nur aus Sicht der Migrations- und Integrationsforschung spannend sei, sondern den Blick darauf lenke, wie Demokratien resilienter werden können.

Eine Rezension von Simon Schmidbauer

Deutschland wird heute als (Post-)Migrationsgesellschaft beschrieben, da (internationale) Migration die gesellschaftlichen Verhältnisse maßgeblich geprägt hat und weiter prägt.[1] Dazu gehört, dass Zugewanderte und ihre Nachkommen nicht nur einen relevanten Teil der Bevölkerung ausmachen, sondern auch nach und nach in alle gesellschaftlichen Teilbereiche vordringen. Hieraus ergeben sich Fragen der Zugehörigkeit und Mitbestimmung sowie Konflikte, die je nach Kontext sowohl als Ausdruck von fehlender als auch von erfolgreicher Integration angesehen werden können.[2] Integration wird dabei insbesondere im gesellschaftlichen und politischen Diskurs oft auf Sprache und Erwerbstätigkeit enggeführt, kann aber erst dann als vollumfassend angesehen werden, wenn auch eine zivilgesellschaftliche und politische Teilhabe realisiert wird.[3]

Während das Engagement für Zugewanderte insbesondere unter dem Stichwort „Willkommenskultur“ ausführlich untersucht wurde, ist die Studienlage zum Engagement von Zugewanderten bisher nur unzureichend – insbesondere dann, wenn es sich nicht um deutsche Staatsbürger*innen handelt. In jüngster Zeit erfolgt nun aber eine immer stärkere Hinwendung zum Thema. Das hier rezensierte Buch ist ein Ausdruck eines sich entwickelnden Forschungsstrangs.

Entstehungskontext und Inhaltsübersicht

Das Werk entstand aus einem Forschungsprojekt unter dem Titel „Ehrenamtliches Engagement für und von Migrant*innen in ländlichen Räumen: soziale Bedingungen, Potenziale und Aktivierungsstrategien“, kurz EMILIE, welches 2021 bis 2024 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg durchgeführt wurde.

Das selbstgesteckte Ziel des im Buch beschriebenen zweiten Teilprojekts besteht laut Vorwort in der Sichtbarmachung migrantischen Engagements als aktive Gestaltung des Wohnumfeldes. Dabei sollen zwei Blickwinkel eingenommen werden. Erstens Handlungsmacht (agency) im Sinne des Zugangs zum als auch als Ergebnis von Engagement und zweitens gesellschaftliche Debatten rund um Zugehörigkeit (citizenship) (13).

Inhalt

In ihrer Einführung umzeichnen die Autoren die Ausgangslage ehrenamtlichen Engagements und wie dadurch Leistungen der Daseinsvorsorge und lokale Infrastrukturen bereitgestellt werden (17-18). Engagement begreifen die Autoren dabei „als einen freiwilligen und unentgeltlichen Einsatz für andere Personen, eine Gruppe, eine Organisation oder einer Gemeinschaft“, den sie um die Aspekte der Selbstwirksamkeit und der Sinnstiftung erweitern (22). Die Autoren konstatieren, dass ehrenamtliches Engagement in alltäglichen Praktiken von Bewohner*innen ländlicher Räume tief verwurzelt sei, jedoch neu hinzugezogene Personengruppen, wie internationale Migrant*innen keinen oder nur erschwert Zugang zu den etablierten Ehrenamtsstrukturen fänden (16, 19). Hinzu kommt, dass gerade ländliche Räume meist mit vereinsgebundenem Ehrenamt assoziiert würden, wodurch die Vielfalt informeller, ungebundener sowie digitaler Engagementformen verdeckt werde (19). Da sich Migrant*innen besonders oft vereinsungebunden engagierten, würden freiwillige Tätigkeiten der Personengruppe nicht wahrgenommen bzw. auch nicht empirisch erfasst (20). Ziel der Analyse sei es daher, die Biografien und die Praxis des ehrenamtlichen Engagements von Migrant*innen zu betrachten und dabei explizit einen demokratietheoretischen Blickwinkel einzunehmen (23).

Im zweiten Kapitel „Demokratie und Engagement in der postmigrantischen (ländlichen) Gesellschaft“ legen die drei Autoren umfassend und sehr lesenswert ihre Anknüpfungspunkte aus Theorie und Praxis dar. Neben einem sehr gelungenen Exkurs in die Demokratietheorie (26 ff.) liefern sie dabei eine kritische Beschreibung des Engagements in Deutschland insbesondere in ländlichen Räumen und von Migrant*innen (36 ff.). Positiv hervorzuheben ist dabei die Fruchtbarmachung nicht-westlicher Demokratieverständnisse (31 ff.). An einigen Stellen greift die Darstellung jedoch zu kurz oder übersieht relevante Literatur. Dazu gehört beispielsweise die Aussage, dass für das Engagement von Geflüchteten bisher nur anekdotische Evidenzen vorlägen (56). Die Autoren weisen damit zu Recht auf ein bestehendes Desiderat in Bezug auf zivilgesellschaftliches Engagement hin, blenden aber das inzwischen deutlich angewachsene Forschungsfeld des politischen Engagements von Geflüchteten aus.[4]

Kapitel 3 und 4 beschreiben ausführlich das methodische Vorgehen bei Sampling und Analyse. Das Sampling umfasste vier ländliche Gebiete verteilt auf die vier Himmelsrichtungen, in denen engagierte Migrant*innen mittels verschiedener Strategien identifiziert und angesprochen wurden. Die mit ihnen geführten 69 biografisch-narrativen qualitativen Interviews wurden mit teilnehmenden Beobachtungen vor Ort und Onlinerecherchen angereichert. Dieser beeindruckende Datenkorpus wird mittels eines deduktiv-induktiven inhaltsanalytischen Ansatzes ausgewertet. Die Wahl und Beschreibung der Methodik ist nachvollziehbar und verständlich dargelegt, jedoch wird nicht konkret erklärt, was mit welchem Ziel untersucht wird, sondern ein bunter Strauß an Forschungsfragen aufgeworfen, was den eher explorativen Charakter des Forschungsunterfangens unterstreicht.

Die im Kapitel 5 verorteten Ergebnisse der Analyse werden in fünf Teilkapiteln dargelegt:

  1. Engagementverständnisse der Migrant*innen sowie deren Engagement im Herkunftskontext
  2. Beweggründe für und Zugang zu Engagement im ländlichen Deutschland
  3. Tätigkeitsbereiche und eingebrachte Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten
  4. Formen der Anerkennung und Beziehungen zu Hauptamtlichen, anderen Engagierten und Reaktionen aus dem persönlichen Umfeld
  5. Engagement und Entwicklung

Die empirischen Befunde sind teilweise wenig überraschend oder innovativ. Beispielsweise kommt das herausgearbeitete Engagementverständnis der Befragten (89) einer generellen Definition gleich. Die Ergebnisdarstellung wirkt daher eher wie eine Bestandsaufnahme. Dies stellt jedoch in einem noch wenig erforschten Themengebiet einen Wert an sich dar. Die Stärke dieses Kapitels besteht darin, dass die Autoren aufzeigen, wie mannigfaltig Engagement sein kann und welchen zentralen Stellenwert es im Leben der Engagierten und der Zielgruppen hat, aber auch wie Räume durch diese (mit-)gestaltet werden. Zu knapp kommen dabei die ländlichen Räume selbst, die nicht näher analysiert und deren lokale Besonderheiten zwar an verschiedenen Orten angesprochen, aber aufgrund der gestellten Forschungsfragen nicht systematisiert betrachtet werden.

Im abschließenden Kapitel 6 werden zunächst die Ergebnisse zusammengefasst. Darauf folgt eine gut gelungene Methodenreflexion und ein Ausblick auf den Zusammenhang von freiwilligem Engagement und Demokratie bzw. citizenship. Besonders positiv hervorzuheben ist die abschließend herausgearbeitete Praxisrelevanz (138 ff.). Die Autoren werben dabei dafür, dass politische Bildungsarbeit Kompetenzbildung fokussiert, die auf demokratische Wertevermittlung ausgerichtet ist. Dadurch ergebe sich ein Beitrag zur Dekolonialisierung, wenn „nicht-westliche Vorstellungen von Freiwilligenarbeit, Demokratie und Gemeinschaft mehr Sichtbarkeit erhalten und Wertschätzung erfahren“ (139). Engagementförderung solle Experimentierräume für Engagement schaffen und eine diversitätssensible Öffnung von Organisationen und Vereinen vorantreiben, um Hürden zum Einstieg in ein potenzielles Engagement zu senken. Zudem zeigten die Ergebnisse „die Bedeutung von Engagementberatung, Fort- und Weiterbildung sowie Begleitung, Wertschätzung und Unterstützung von Engagierten insbesondere durch hauptamtliche Akteure“ und dass die „Förderung der Selbstfürsorge einzelner Engagierter und eines niedrigschwelligen, vertrauensvollen und diskriminierungsfreien Erfahrungsaustausches zwischen Engagierten […] gewinnbringend sein [kann]“ (139). Mit diesen Ausführungen stecken Kordel, Spenger und Weidinger auf Basis ihrer Erkenntnisse die zentralen Maßnahmen und Ziele für die Engagement- und damit auch für die Demokratieförderung ab.

Bewertung und Fazit

Zusammenfassend widmet sich das Buch „Engagement in der postmigrantischen Gesellschaft“ von Kordel, Sprenger und Weidinger einem bisher noch wenig bis gar nicht beleuchteten Forschungsfeld. Wie die Autoren treffend herausarbeiten, steigt die gesellschaftliche Diversität – nicht nur, aber auch durch Zuwanderung (Stichwort: Superdiversität). Dies muss sich in einer gelingenden Demokratie auch in zivilgesellschaftlichem und politischem Engagement widerspiegeln.

Die große Stärke des Buches besteht darin, dass es die Vielfältigkeit des Engagements von Zugewanderten und ihren Nachkommen beschreibt und aufzeigt, wie die Engagierten, die Vereinigungen und die Zielgruppen sich gegenseitig prägen und voneinander geprägt werden. Dazu gehören auch und insbesondere die Feststellung, dass sich Engagement biografisch und damit auch postmigrantisch verfestigt, sowie die Beobachtung der unterschiedlichen Herangehensweisen, wenn bestehende Engagementstrukturen wenig inklusiv sind oder hohe Hürden aufweisen, wie beispielsweise das Aufbauen von Brücken in die bestehenden Vereinigungen durch Pionier*innen oder die Erschaffung neuer Strukturen für konkrete Alltagsprobleme im lokalen Kontext. Diesbezüglich wäre eine stärkere, auf den gewonnenen Erkenntnissen aufbauende Theoriearbeit wünschenswert gewesen.

Weiterhin erfolgte die Auswertung aufgrund der gewählten Methodik themenzentriert auf Grundlage von Individuen. Die Ausführungen zum Sampling (71 ff.) zeigen, dass die Untersuchungsorte aufgrund von Strukturmerkmalen bewusst divers gewählt wurden. Leider wurde dies in der Analyse nicht weiterverfolgt. Diese Fokusverschiebung vom Individuum zum jeweiligen lokalen Kontext hätte stärker die Besonderheit des ländlichen Settings betont und damit möglicherweise zahlreiche Impulse für die kritische Landforschung zu Tage gefördert. In der Untersuchung dienten die ländlichen Orte hingegen primär als Erhebungsorte für die Befragung von engagierten Individuen. Weiterhin wären mit dem neuen Fokus auch die Perspektiven von Nicht-Engagierten von großem Interesse gewesen. Nachfolgende Studien könnten sich diesem weiterhin unbeleuchteten Feld zuwenden.

Die von den Autoren sowie die in dieser Rezension genannten Anschlussfragen zeigen auf, dass hier noch viel Unerforschtes und Unverstandenes wartet. Die demografische Entwicklung in Deutschland und insbesondere in ländlichen Räumen zeigt gleichzeitig eine zunehmende Alterung und eine Ausweitung der postmigrantischen Prägung. Daraus resultieren Disruptionen für und in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die dabei ablaufenden Prozesse der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung zu begleiten, ist daher nicht nur aus Sicht der Migrations- und Integrationsforschung spannend, sondern lenkt den Blick darauf, wie Demokratien resilienter werden können.


Anmerkungen:

[1] Foroutan, Naika (2019): Die postmigrantische Gesellschaft. Bielefeld: transcript.

[2] El-Mafaalani, Aladin (2020): Das Integrationsparadox. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

[3] Roth, Roland (2025): Integration durch politische Partizipation, in: Gesemann, Frank; Filsinger, Dieter; Münch, Sybille (Hg.): Handbuch Lokale Integrationspolitik. Wiesbaden: Springer VS, S. 1-24.

[4] Schmidbauer, Simon (2025): Politische Partizipation von Geflüchteten. Wiesbaden: Springer VS.



DOI: 10.36206/REZ26.4
CC-BY-NC-SA