/ 22.06.2013
Ingo Matuschek / Uwe Krähnke / Frank Kleemann / Frank Ernst
Links sein. Politische Praxen und Orientierungen in linksaffinen Alltagsmilieus
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011; 270 S.; 29,95 €; ISBN 978-3-531-17461-7Was bedeutet „Links sein“ heute? Im Zuge der Ausdifferenzierung von Lebensentwürfen und Erwerbsmustern ist die Beantwortung dieser Frage auf empirischer (und nicht nur philosophischer!) Grundlage längst überfällig. Auf Basis zahlreicher qualitativer Einzel- und Gruppeninterviews sowie einer umfangreichen, repräsentativen Telefonbefragung kommen die Autoren zu einer Vielzahl teils auch überraschender Erkenntnisse. Die vielfach zitierte Metapher von der Mosaik-Linken erweist sich dabei alles in allem als der Realität entsprechend, doch lässt sich trotzdem eine „Einheit in der Vielfalt“ (257) ausmachen, die sich auf zentrale Werte wie die Emanzipation des Subjekts, soziale Gerechtigkeit und Solidarität stützt – und im Übrigen nicht, wie oftmals implizit angenommen, auf die soziale Herkunft. So sind Linksaffine (unter diesem Begriff fassen die Autoren alle sich als links oder eher links bezeichnenden Personen zusammen) sowohl in klassischen Arbeiter- wie auch in bürgerlichen Milieus zu finden und erhalten in der Mehrheit ihre politische Sozialisation weniger über Elternhaus und Schule, sondern vielmehr über politische „Aufwachmoment[e]“ oder „Erweckungserlebnis[se]“ (225, so die jeweiligen Formulierungen zweier Befragter). Interessant dabei ist, dass viele Linksaffine bei aller Ablehnung der oder Skepsis gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen doch neoliberale Denkmuster implizit übernommen haben, etwa wenn es um Fragen von Leistungsorientierung oder vermeintlichen Globalisierungszwängen geht. Deutlich wird auch, dass gerade unter Linksaffinen eine latente Gefahr zur zunehmenden Politikverdrossenheit existiert: Die Notwendigkeit, für politische Zielsetzungen gerade auf diejenigen gesellschaftlichen Institutionen zurückzugreifen, die man eigentlich ablehnt, kann schnell zu Resignationstendenzen führen. Hier ist nach Ansicht der Autoren ein übergreifender – realistischer! – Entwurf einer alternativen Gesellschaft gefordert, der linke Praktiken und Bewegungen zusammenhalten kann. Wie das geht, haben Rechtskonservative jahrzehntelang mit der Etablierung zahlreicher Think Tanks vorgemacht.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.331 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Ingo Matuschek / Uwe Krähnke / Frank Kleemann / Frank Ernst: Links sein. Wiesbaden: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32953-links-sein_39364, veröffentlicht am 04.05.2011.
Buch-Nr.: 39364
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Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
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