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/ 12.06.2013
Friederike Schilbach (Hrsg.)

Die Piratenpartei. Alles klar zum Entern?

Berlin: Bloomsbury 2011; 217 S.; pb., 7,95 €; ISBN 978-3-8333-0845-1
Es war ein kleines politisches Erdbeben, als die Piratenpartei bei den Berliner Wahlen 8,9 Prozent erreichte und erstmals in ein deutsches Parlament einzog. Damit verbunden ist die Frage, wie der außerordentliche Erfolg der Piraten erklärt werden kann und was es für den Zustand unseres politischen Systems bedeutet, wenn eine Partei, die auf vielen Feldern kaum Expertise ausweisen kann und damit auch noch öffentlich hausiert, bundesweit hohe Umfrageergebnisse erzielt. Dieser Band bietet zwar keine systematischen Antworten auf derlei Fragen; die 22 kurzen Aufsätze – teils Nachdrucke, teils Originalbeiträge – liefern aber vielfältige Anhaltspunkte für den Aufstieg der Piraten. Zu Wort kommen neben Journalisten, Geisteswissenschaftlern und Intellektuellen auch Mitglieder und Sympathisanten der Partei. So erzählt beispielsweise Julia Schramm, wie sie sich als überzeugte Sozialliberale zunächst für die Jungen Liberalen engagierte, ehe sie, desillusioniert von der Reformunfähigkeit des „marktgläubig-postmodernen Calvinismus“ (18) der FDP, begann, mit den Piraten zu sympathisieren und Menschen fand, die „eine Vorstellung von der Welt, eine Utopie, formulieren wollten“ (19). Hans Ulrich Gumbrecht betrachtet die Piraten vor dem Hintergrund des liberaldemokratischen Spannungsverhältnisses zwischen den radikaldemokratischen Forderungen nach Egalität und Partizipation auf der einen und den liberalen Konzepten von Repräsentation und Output auf der anderen Seite. Die Piraten und die elektronischen Kommunikationsformen, die sie repräsentieren und auszeichnen, entfalteten erstaunlich „laterale, nicht-hierarchische Formen“ (119) des sozialen Protests. Gumbrecht räumt ihnen daher ein starkes radikaldemokratisches Mobilisierungspotenzial ein, ist jedoch skeptisch, wenn es darum geht, auf diesem Weg tragbare politische Zukunftsvisionen zu entwickeln. Hierarchische Strukturen erwiesen sich in diesem Punkt als überlegen, da sie „über Beziehungen der Rivalität intellektuelle und politische Energien“ (121) freisetzten. Folgt man dieser Argumentation, so stellt sich die Frage, ob und inwieweit es der Partei gelingen wird, Entscheidungs- und Führungskompetenzen zu entwickeln, ohne dabei die egalitäre Verve ihres Gründungsmythos preiszugeben.
Marius Hildebrand (HIL)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.331 Empfohlene Zitierweise: Marius Hildebrand, Rezension zu: Friederike Schilbach (Hrsg.): Die Piratenpartei. Berlin: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14509-die-piratenpartei_41761, veröffentlicht am 29.03.2012. Buch-Nr.: 41761 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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