/ 04.06.2013
Marc R. Gramberger
Die Öffentlichkeitsarbeit der Europäischen Kommission 1952-1996. PR zur Legitimation von Integration?
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 1997 (Nomos Universitätsschriften: Politik 75); 398 S.; brosch., 89,- DM; ISBN 3-7890-5050-4Diss. Hamburg. - Im Zuge der europäischen Integration haben Organe der EU - namentlich die Europäische Kommission - in wachsendem Maße Staatsfunktionen übernommen, ohne in gleichem Maße institutionell-demokratisch legitimiert zu sein. Können derartige Defizite politischer Legitimität durch Öffentlichkeitsarbeit aufgefangen oder abgemildert werden? Der Autor untersucht anhand dieser Fragestellung sehr detailliert die Entwicklung der PR-Arbeit der Europäischen Kommission im Zeitraum von 1952 bis 1995. Der Analyse liegt ein relativ weites, empirisch ausgerichtetes Legitimationskonzept zugrunde (33 ff.), das die politische - in Abgrenzung von wirtschaftlicher - PR als zentrales informelles Legitimationsmittel der Kommission entwickelt (80 ff.). Um allerdings diese Form der Expertenkommunikation auf die anspruchsvolle Fragestellung beziehen zu können, bedarf es einer Operationalisierung, die neben formal-technischen auch normative Merkmale enthält (94 ff.). Im anschließenden empirischen Teil, der neben Dokumentenanalysen auch zahlreiche Experteninterviews berücksichtigt, dient eine einheitliche thematische Struktur (Konzept, Struktur, Umsetzung und äußerer Bezug der Öffentlichkeitsarbeit der Kommission) als Untersuchungsleitfaden. Teil III enthält eine eingehende Diskussion der Befunde und sucht die PR-Nutzung seitens der Kommission durch Bezug auf Faktoren wie Organisationsstruktur, Macht und Programmatik zu erklären. Gramberger kommt aufs Ganze gesehen zu dem Ergebnis, daß erst ab 1993 (also nach dem "Maastricht-Schock") die Kommissions-PR einigen Anforderungen nicht-manipulativer und demokratie-orientierter Öffentlichkeitsarbeit zu genügen sucht. In den Perioden zuvor war sie zu sehr von einer teils schönfärberischen, teils paternalistischen Verwendung bestimmt, als daß sie die Legimitätsdefizite des europäischen Integrationsprozesses hätte abmildern können.
Inhaltsübersicht: I. Theoretische Konzeption: 1. Globaler Wandel als Herausforderung für Legitimität; 2. Europäische Integration und der wachsende Bedarf an Legitimität; 3. Das zunehmende Defizit an Integrationslegitimität; 4. Die Kommission im Zentrum der Gefahren des wachsenden Legitimitätsdefizits; 5. PR als zentrales informelles Legitimationsmittel für die Kommission; 6. Ein Modell politischer PR; 7. Operationalisierung: Legitimationsfördernde KOM-PR in der EG-Entwicklung?. II. Empirische Untersuchung: 1. 1952-1957: Aufbau von Informationsverhinderung zur Entdeckung aktiver PR; 2. 1958-1962: EG-Kommissionen vollziehen PR-Aufbau ohne klares Konzept; 3. 1962-1967: EWG-Kommission mit PR auf fehlschlagendem Konfrontationskurs; 4. 1967-1970: Fusionierte EG-Kommission - informationspolitisch mutlos; 5. 1970-1973: Niedergang der PR mit Rückzug auf 'faktische' Information; 6. 1973-1977: PR-Reform zweiter Klasse bei politisch-wirtschaftlicher Krise; 7. 1977-1981: Breite Wahlwerbung und laienhafte Radikal-Reform der PR; 8. 1981-1985: Niedergang der Informationspolitik in der Eurosklerose; 9. 1985-1989: Die beginnende Vermarktung des Binnenmarktes; 10. 1989-1993: Zweitrangiges Fortführen der Vermarktung bei wachsenden Problemen; 11. 1992/1993: Der Maastricht-Schock; 12. 1993-1995: Versuch demokratischer Neuorientierung gegen den Präsidenten; 13. 1995: Steckenbleibender politischer Dialogversuch. III. Ergebnisse und Diskussion: 1. Zumeist zähe, ab 1993 plötzliche PR-Entwicklung; 2. PR-Entwicklungsmomente: Nachträgliche Reaktion auf Integrationsentwicklung; 3. Schwierigkeiten und Merkmale der Kommissions-PR; 4. Entwicklung der Kommissions-PR: Weder Mittel demokratischer Legitimation noch politisches Alibi; 5. Hemmfaktoren der Entwicklung der PR-Nutzung; 6. Folgerungen für PR und Integrationslegitimität; 7. Folgerungen für die Betrachtung von PR und ihr Legitimationspotential für internationale Politik.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 3.3 | 3.4
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Marc R. Gramberger: Die Öffentlichkeitsarbeit der Europäischen Kommission 1952-1996. Baden-Baden: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6008-die-oeffentlichkeitsarbeit-der-europaeischen-kommission-1952-1996_8182, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 8182
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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