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/ 21.06.2013
Siegfried Mattl / Gerhard Botz / Stefan Karner / Helmut Konrad (Hrsg.)

Krieg. Erinnerung. Geschichtswissenschaft

Wien/Köln/Weimar: Böhlau Verlag 2009 (Veröffentlichungen des Clusters Geschichte der Ludwig Boltzmann Gesellschaft 1); 378 S.; brosch., 35,- €; ISBN 978-3-205-78193-6
Mit diesem Band eröffnet der Cluster Geschichte der Ludwig Boltzmann Gesellschaft eine neue Publikationsreihe. Durch die Kombination der drei Titel gebenden Begriffe soll „eine laufende Wende in der historiographischen Auseinandersetzung mit dem Krieg“ ausgedrückt werden, „deren Ausgangspunkt nicht mehr Carl von Clausewitz ist, der Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mittel definierte, sondern die Einbettung des Krieges in die Normalität moderner Gesellschaften“ (10). Die Beiträge, die auf ein Symposium im Jahre 2007 zurückgehen, setzen zeitgeschichtlich entsprechend mit dem Ersten Weltkrieg an, wobei im ersten Kapitel österreichische Erfahrungen im Mittelpunkt stehen. Mit dem zweiten Kapitel „Krieg, Medien, Gedächtnis“ wird die Perspektive ausgeweitet, u. a. mit der Beobachtung, dass die nach 1945 in Ungarn etablierte Erinnerungskultur in Form einer „klassische[n] Märtyrer- und Heldengeschichte“ (166) nach 1989 kollabierte und durch das Opfermotiv ersetzt wurde. Béla Rásky kritisiert allerdings, dass sich der (behauptete) Opferstatus nicht allein auf den Zweiten Weltkrieg beziehe, sondern auch auf „die Ära der sanften Diktatur und die stillschweigende Kooperation“ (169) weiter Teile der ungarischen Gesellschaft, die sich nun zur Entschuldigung als Opfer definierten, die sich nicht wehren konnten. Bei dieser (Um-)Deutung der Geschichte scheint es sich nicht um eine ungarische Eigenheit zu handeln, wie der Beitrag von Gustavo Corni über die öffentliche Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Italien nahelegt: Auch die Italiener sahen sich (im Untersuchungszeitraum bis in die 60er-Jahre) „als unschuldige Opfer des Krieges, den sie als eine vom Schicksal verursachte Katastrophe, ohne jegliche politische oder ideologische Verantwortungen, erlebten“ (110). Im dritten Kapitel werden die „Kriegsfolgen“ vor allem für Überlebende des Holocaust und der Zwangsarbeit thematisiert. Im letzten Kapitel schreibt u. a. Selma Leydesdorff über „Die Traumata von Srebrenica“ und betont, wie „unverzichtbar das Anhören der Stimmen von Überlebenden für jede ernsthafte historische Auseinandersetzung“ (355) ist.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.12.252.232.3122.352.612.632.622.4 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Siegfried Mattl / Gerhard Botz / Stefan Karner / Helmut Konrad (Hrsg.): Krieg. Erinnerung. Geschichtswissenschaft Wien/Köln/Weimar: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29413-krieg-erinnerung-geschichtswissenschaft_34803, veröffentlicht am 17.02.2010. Buch-Nr.: 34803 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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