/ 21.06.2013
Das letzte Tabu
Wolfram Wette / Detlef Vogel (Hrsg.)
Das letzte Tabu. NS-Militärjustiz und "Kriegsverrat" Mit einem Vorwort von Manfred Messerschmidt
Berlin: Aufbau-Verlag 2007; 507 S.; geb., 24,95 €; ISBN 978-3-351-02654-7War schon die Frage der Rehabilitation der Wehrmachtsdeserteure höchst komplex und schien doch letztendlich der Ansatz überwunden, dass die Gerichtsbarkeit der Wehrmacht grundsätzlich rechtsgültige Urteile über Deserteure gefällt habe – wie Messerschmidt in seinem Vorwort nachzeichnet –, so wird in der politisch noch unentschiedenen Debatte um die Rehabilitierung der „Kriegsverräter“ juristisch eine ähnliche Haltung eingenommen: Es wird versucht, zwischen einem angeblich ...
Wolfram Wette / Detlef Vogel (Hrsg.)
Das letzte Tabu. NS-Militärjustiz und "Kriegsverrat" Mit einem Vorwort von Manfred Messerschmidt
Berlin: Aufbau-Verlag 2007; 507 S.; geb., 24,95 €; ISBN 978-3-351-02654-7War schon die Frage der Rehabilitation der Wehrmachtsdeserteure höchst komplex und schien doch letztendlich der Ansatz überwunden, dass die Gerichtsbarkeit der Wehrmacht grundsätzlich rechtsgültige Urteile über Deserteure gefällt habe – wie Messerschmidt in seinem Vorwort nachzeichnet –, so wird in der politisch noch unentschiedenen Debatte um die Rehabilitierung der „Kriegsverräter“ juristisch eine ähnliche Haltung eingenommen: Es wird versucht, zwischen einem angeblich berechtigt verurteilten Kriegsverräter – einem Soldaten, der durch seinen Verrat Kameraden in Gefahr gebracht habe – und einem anerkannten Opfer der NS-Justiz zu unterscheiden, der zweifellos Anspruch auf Rehabilitation habe. Es entstehen „Doppelstandards der Erinnerungskultur“ (33), wie die Autoren ausführen: Welchen Unterschied soll es aber geben zwischen einem Oberstleutnant, der zwischen 1938 und 1940 wiederholt die Angriffstermine an die Westmächte verriet, und einem Unteroffizier, der sich 1944 nach seiner Gefangennahme durch US-Truppen als Agent für die Alliierten in Italien anwerben ließ? Der Fall des Abwehr-Oberstleutnants, einer der führenden Köpfe des frühen militärischen Widerstandes, wird allerdings anders erinnert als der des Unteroffiziers, der diesem Kreis nicht angehörte, dem folglich offenbar nicht ohne detaillierte Prüfung zugestanden werden kann, dass er einzig aus regimekritischen Beweggründen heraus sich für die Amerikaner in Österreich einschleusen ließ. Diese Dokumentation von einschlägigen Gerichtsurteilen und die sie begleitenden Einführungen und Erläuterungen zeigen eindringlich, wie höchst zwiespältig und politisch fahrlässig mit dem Aspekt Kriegsverrat im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des NS-Regimes verfahren wird.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.312 | 2.35 | 2.313 | 2.315
Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Wolfram Wette / Detlef Vogel (Hrsg.): Das letzte Tabu. Berlin: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27961-das-letzte-tabu_32857, veröffentlicht am 31.03.2008.
Buch-Nr.: 32857
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Dr., Historiker.
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