/ 19.06.2013
Heide Oestreich
Der Kopftuch-Streit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam
Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel 2004; 195 S.; pb., 15,90 €; ISBN 3-86099-786-Oestreich beginnt ihre Darstellung mit einem kurzen Blick auf verschiedene Interpretationen der Rolle der Frau im Islam. Dabei wird insbesondere beim Blick auf innerislamische Frauenbewegungen deutlich, dass eine einseitige Interpretation des Kopftuchs als Instrument und Symbol der Unterdrückung zu kurz greift. Oestreich stellt die juristische Auseinandersetzung um das Kopftuch in deutschen Schulen von den ersten Verwaltungsgerichtsentscheidungen bis zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts dar und gibt einen knappen Überblick über die juristische Debatte im Vorfeld und Nachgang zu dem Urteil. Die Autorin wirft der Justiz blinde Flecken vor: Der vielfach angestellte Vergleich Kreuz - Kopftuch sei ebenso wenig angemessen wie die Ungleichbehandlung des Kopftuchs im Vergleich zum Nonnenhabit in staatlichen Schulen. Nicht überzeugend findet Oestreich zudem die Charakterisierung des Kopftuchs als abstrakte Gefahr für den Schulfrieden, ohne dass es dazu eines konkreten Konfliktes bedürfe. Zudem übersehe die Justiz vollständig, dass das Kopftuch auch Teil einer eigenständigen Integrationsbewegung muslimischer Frauen sein könne. Oestreich zeigt, wie die Bundesländer auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts reagiert haben (Stand März 2004) und gibt einen groben Überblick über die (mehrheitlichen) Positionen der Parteien und gesellschaftlichen Organisationen. Eine kritische Betrachtung des Kopftuchs in den Augen islamistischer Gruppen auf der einen Seite und islamischer Frauen auf der anderen Seite sowie aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft führt zur bereits im gesamten Gang der Darstellung deutlich gewordenen eindeutigen Positionierung der Autorin. „Wer das Tuch im öffentlichen Raum [...] diskreditiert, setzt eine unglückselige Tradition deutscher Integrationspolitik fort." (188) Notwendig sei stattdessen die interkulturelle Schule, in der sich „der Islam [...] ebenso der Debatte stellen (muss) wie das Christentum und das Judentum" (189). Anstatt „Sondergesetze" zu beschließen, die die Berufschancen muslimischer Frauen beschneiden, gelte es vielmehr „Aufklärung, Beratung und Unterstützung für Frauen und Mädchen, deren Freiheit bedroht ist, [zu leisten], damit sie sich entfalten können." (189)
Julia von Blumenthal (JB)
Prof. Dr., Institut für Sozialwissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin.
Rubrizierung: 2.35 | 2.325 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Julia von Blumenthal, Rezension zu: Heide Oestreich: Der Kopftuch-Streit. Frankfurt a. M.: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20981-der-kopftuch-streit_24474, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 24474
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Prof. Dr., Institut für Sozialwissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin.
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