/ 19.06.2013
James Tully
Politische Philosophie als kritische Praxis. Aus dem Englischen übersetzt von Eva Engels
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2009 (Theorie und Gesellschaft 62); 273 S.; kart., 34,90 €; ISBN 978-3-593-38481-8In der renommierten sozialwissenschaftliche Reihe „Theorie und Gesellschaft“ sind einige der wichtigsten neueren Arbeiten Tullys erstmals im Deutschen erschienen. Jene in diesem Sammelband veröffentlichten, im Original in den Jahren 2000 bis 2008 entstandenen Aufsätze stellen eine mit viel Geschick getroffene Auswahl von Tullys Arbeitsschwerpunkten dar. Denn der „Grenzgänger zwischen den Disziplinen“ (7) – wie ihn Rainer Forst im Vorwort bezeichnet – versteht Theorie als politische Tätigkeit. Tully geht es nicht darum, ein normatives Lehrgebäude zu entwickeln, die Welt etwa mit einer abgeschlossenen, endgültigen Theorie der Gerechtigkeit zu beglücken, sondern er bemüht sich um die „Ent-deckung“, um die Dekonstruktion gegenwärtiger Politik. Damit verwirklicht er, was er unter „Demokratie“ und „Bürger“ versteht: zu partizipieren, sich öffentlich zu Wort melden, nicht Untertan zu sein, sondern das Prinzip der Selbstregierung zu verwirklichen. Diesem eigenen Imperativ kommt Tully nach, indem er ausgehend von der politischen Ideengeschichte mitsamt seinen Leitsternen Wittgenstein, Foucault und der Cambridge School das aktuelle politische Geschehen genealogisch analysiert. Deshalb umfasst Tullys vielseitiges Werk grundsätzliche philosophische Abhandlungen über Konstitutionalismus und Demokratie ebenso wie Schriften über Multikulturalismus, indigene Völker, globale Verrechtlichung und die Europäische Union. Gemein ist all seinen Arbeiten das Plädoyer für die Anerkennung von Pluralität und die Feststellung, dass Politik nicht auf einer ewig gültigen Konzeption des Guten oder allgemeinen Werten basieren kann, sondern einen steten Streit und eine „permanente Provokation“ (51) darstellt, jede Übereinkunft in der Demokratie daher immer nur partiell, bedingt, anfechtbar und damit vorläufig sein kann. Kurz: Es gibt keine abschließende Ordnung legitimer politischer Gemeinschaften; „[d]er demokratische Konstitutionalismus ist kein Endzustand, sondern eine Aktivität“ (115).
Tamara Ehs (TE)
Dr. phil., Politikwissenschaftlerin am IWK Wien und Lehrbeauftragte an der Universität Salzburg (http://homepage.univie.ac.at/tamara.ehs/)
Rubrizierung: 5.41 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Tamara Ehs, Rezension zu: James Tully: Politische Philosophie als kritische Praxis. Frankfurt a. M./New York: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21551-politische-philosophie-als-kritische-praxis_33415, veröffentlicht am 02.09.2009.
Buch-Nr.: 33415
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Dr. phil., Politikwissenschaftlerin am IWK Wien und Lehrbeauftragte an der Universität Salzburg (http://homepage.univie.ac.at/tamara.ehs/)
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