/ 11.06.2013
Christian Gerlach
Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944
Hamburg: Hamburger Edition 1999; 1.232 S.; geb., 98,- DM; ISBN 3-930908-54-9Diss., TU Berlin; Gutachter; W. Scheffler, R. Rürup. - "Warum wurde dieses relativ unbedeutende Land, das nach dem Ersten Weltkrieg als Sowjetrepublik zum ersten Mal eine Autonomie erhalten hatte und seit 1991 formell unabhängig ist, von der deutschen Besatzungsmacht in besonderem Maß mit Tod und Vernichtung überzogen? Warum ein so armes, bäuerliches Land mit wenig Industrie und ohne Bodenschätze? Bei näherem Hinschauen zeigt sich: die von den größten Massenmorden betroffenen Bevölkerungsgruppen waren sowjetische Kriegsgefangene, Juden und im Zug der Partisanenbekämpfung getötete Bauern. Weshalb überlebte jeder dritte Kriegsgefangene, den die deutsche Heeresgruppe Mitte machte, bereits den Aufenthalt in diesem seinem ersten Abschubland nicht? Wie kam es zu dem schrecklichen Phänomen der 'verbrannten Dörfer', die zu Hunderten - weit mehr als irgendwo sonst auch innerhalb der besetzten sowjetischen Gebiete - von deutschen Einheiten bei der sogenannten Partisanenbekämpfung mit den meisten oder mit allen Einwohnern vernichtet wurden?" (11) Es gab keine Siedlungsabsichten der deutschen Besatzer, aber es gab landwirtschaftliche und ernährungswirtschaftliche Interessen. Nahrungsmittel aus den besetzten sowjetischen Gebieten ließen sich aber nur als Überschuss ins Reich verbringen. Das bedeutete: Der Überschuss konnte nur gesteigert werden, wenn die Eigenversorgung Weißrusslands zurückgeschraubt würde. Die Vorstellungen der deutschen Planer liefen auf einen Massenmord durch Hunger in drei Schritten hinaus: "Erstens müsse man den Konsum der sowjetischen Bevölkerung allgemein senken, zweitens einen Großteil der Städte und Industrieregionen Nord- und Mittelrusslands zum Aussterben bringen, und drittens die Stadtbevölkerung in den sogenannten Überschussgebieten ebenfalls vermindern." (1.128) Gerlach beschreibt detailliert diesen Massenmordplan, der sich zum Ziel setzte, 30 Millionen Menschen in der UdSSR zu "vernichten", um einerseits die Ernährungs- und Vorratslage in Deutschland zu sichern, und andererseits die Eisenbahnkapazitäten für die Wehrmacht zu schonen. Die Rechnung war leicht aufgemacht: Je weniger Lebensmittel zur Versorgung der Landesbevölkerung bzw. der Kriegsgefangenen transportiert werden mussten, desto mehr Nachschub konnte für die kämpfende Truppe herangeschafft werden. Die fürchterliche Konsequenz war absehbar: "Der Hungerplan war todernst gemeint, trug aber ausgeprägt utopische, unrealistische Züge. Man konnte nicht 'einfach' Millionen Menschen verhungern lassen." (1.129) Da der Hungermord zeitaufwendig, zudem mit Sicherheitsrisiken verbunden war (hungernde Bevölkerung konnte revoltieren), versuchten die deutschen Besatzer, ihre Bilanzen durch Massenerschießungen zu erreichen. Da der Hungerplan sich gegen die Stadtbevölkerung richtete, waren auch fast alle sowjetischen Juden betroffen, die zu 90 % in den Städten lebten. Es bedurfte also keiner besonderen rassistischen Erklärung, wenn vor allem die jüdische Intelligenz ermordet wurde, kaum dass die deutschen Truppen im Lande waren. Gerlachs beeindruckende Studie ist mehr als ein Fallbeispiel nationalsozialistischer Ausrottungspolitik, die sich an ideologischen und rassistischen Zielvorstellungen orientierte. Sie zeigt auch sehr eindringlich, dass die Wehrmachtführung allein schon aufgrund militärischer Erwägungen einen Vernichtungskrieg in der Sowjetunion betrieb, ohne grundsätzlich auf nationalsozialistische Erklärungskonstrukte für den Massenmord an der Bevölkerung des überfallenen Landes zurückgreifen zu müssen.
Inhaltsübersicht: 2. Deutsche Planungen für Weißrussland und ihre Grundlagen; 3. Aufbau und Funktion der Besatzungsverwaltung. I. Die deutsche Wirtschaftspolitik in Weißrussland 1941-1944: 4. Landwirtschafts- und Ernährungspolitik; 5. Die deutsche Politik der Entindustrialisierung und Entstädterung; 6. Die Arbeitskräftepolitik. II. Die deutsche Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944: 7. Die Ermordung der weißrussischen Juden; 8. Die Vernichtung sowjetischer Kriegsgefangener auf dem Boden Weißrusslands; 9. Strukturpolitik durch Terror: die "Partisanenbekämpfung"; 10. Weitere Opfer der deutschen Vernichtungspolitik; 11. Die Beteiligung einiger Angehöriger der Offiziersopposition gegen Hitler an den Massenverbrechen in Weißrussland.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.312
Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Hamburg: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10050-kalkulierte-morde_11888, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 11888
Rezension drucken
Dr., Historiker.
CC-BY-NC-SA