/ 19.03.2015
Elisabeth Martin
"Ich habe mich nur an das geltende Recht gehalten". Herkunft, Arbeitsweise und Mentalität der Wärter und Vernehmer der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2014 (Andrássy Studien zur Europaforschung 14); 465 S.; 84,- €; ISBN 978-3-8487-1684-5Diss. Passau; Begutachtung: H. Hansen, B. Zehnpfennig. – „Isolation, Desorientierung, Erpressung sowie die gezielte physische und psychische Zermürbung“ (275), mit diesen Instrumenten versuchten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) von Untersuchungshäftlingen Informationen und belastende Aussagen zu bekommen. Bis zu insgesamt 10.000 Menschen wurden in der zentralen MfS‑Untersuchungshaftanstalt Berlin‑Hohenschönhausen festgehalten. Doch wer überwachte, bestrafte und drangsalierte die Inhaftierten? Elisabeth Martin fragt nach Motiven, persönlichen Hintergründen und Arbeitsweisen von Wach‑ und Vernehmungspersonal. Über die mehr als 1.000 MfS‑Mitarbeiter sei bisher wenig Fundiertes publiziert worden. Die Autorin interessiert besonders, warum Menschen bereitwillig zum effektiven Funktionieren staatlicher Repressionsapparate beitragen und dabei „offenkundig inhumane Taten begehen“ (20). Martin arbeitet sowohl empirisch‑analytisch, etwa wenn sie die sozialen Profile der Mitarbeiter statistisch auswertet, als auch hermeneutisch bei der Interpretation von Dokumenten. Wie sie darlegt, wurden neue Mitarbeiter des MfS‑Gefängnisses „vor allem aus systemtragenden Familien, in denen ein oder beide Elternteile selbst beim MfS, bei der NVA oder anderen bewaffneten Organen tätig waren“ (161), ausgewählt. Das MfS habe dabei bevorzugt Facharbeiter eingestellt, um „die Ausprägung reflektierenden oder gar selbstkritischen Denkens und Handelns“ (162) abzuwehren. Ihnen wurde in der Ausbildung ein klares Freund‑Feind‑Denken indoktriniert. Später wurden viele Mitarbeiter an die MfS‑eigene Hochschule geschickt, um ihre Kompetenzen als Geheimdienstler zu stärken. Martin schildert akribisch die streng geregelten Abläufe von der Verhaftung bis zum Gerichtsprozess. So beschreibt sie etwa im Detail die verschiedenen Typen von Gefangenen‑Transportwagen, die makaber als Bestattungswagen oder mit Werbeaufschriften getarnt wurden. Empathie für die Häftlinge, so ihr Fazit, sei unter den Stasi‑Mitarbeitern eine seltene Ausnahme gewesen. Die Indoktrinierung habe eine Binnenrationalität für die eigenen Taten geliefert, in der Mitleid und andere persönliche Gefühle unterdrückt werden konnten. Der militärisch‑bürokratische Apparat habe zudem kaum Handlungsspielraum für individuelles Verhalten gelassen.
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Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Wolfgang Denzler, Rezension zu: Elisabeth Martin: "Ich habe mich nur an das geltende Recht gehalten" Baden-Baden: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/38192-ich-habe-mich-nur-an-das-geltende-recht-gehalten_46537, veröffentlicht am 19.03.2015. Buch-Nr.: 46537 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenCC-BY-NC-SA