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/ 22.06.2013
Klaus Otto Nass (Hrsg.)

Die Vermessung des Eisernen Vorhangs. Deutsch-Deutsche Grenzkommission und DDR-Staatssicherheit

Freiburg: Centaurus Verlag 2010 (Lebensformen 56); IX, 372 S.; geb., 24,90 €; ISBN 978-3-8255-0766-4
Nachdem die Bundesrepublik und die DDR 1972 den Grundlagenvertrag abgeschlossen hatten, richteten sie eine Grenzkommission ein. Diese war von 1972 bis 1978 damit beschäftigt, den Verlauf der innerdeutschen Grenze – eigentlich den Verlauf der früheren Demarkationslinie zwischen der sowjetischen und den anglo-amerikanischen Besatzungszonen, wie der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum im Vorwort bemerkt – festzustellen, zu vermessen und zu markieren. Die Arbeiten wurden mit einem Regierungsprotokoll abgeschlossen. Nass wirkte als Vertreter der niedersächsischen Landesregierung in dieser Kommission mit und hat nun deren Tätigkeit in einer gelungenen Mischung aus persönlichen Eindrücken (man kann den DDR-Desinfektionsgeruch förmlich noch einmal riechen), Aktenlage und Spitzelberichten für das Ministerium für Staatssicherheit aufgearbeitet. Das MfS erweist sich auf der Basis der ausgewerteten Akten der Birthler-Behörde als kontrollierende und federführende Instanz aufseiten der DDR, überwacht wurde nicht nur die Grenze, sondern auch sowohl die Linientreue der eigenen Vertreter als auch das Verhalten der westdeutschen Kommissionsmitglieder. Nass staunt immer wieder darüber, welche Belanglosigkeiten als Informationen weitergegeben wurden, und wundert sich, warum manchmal einfach nicht direkt nachgefragt wurde. Aber gerade diese Kontrolle, die die DDR-Vertreter, die selbst keine Spitzel waren, mutmaßlich angenommen haben, mag wohl auch ein Grund für die Sprachlosigkeit zwischen Ost und West außerhalb des Verhandlungstisches gewesen sein. Diese wurde zudem befördert durch die geradezu unverhüllte Bewachung der westlichen Kommissionsmitglieder und der Durchsuchung ihrer Zimmer während der Treffen in der DDR. Im ersten Teil gibt Nass den chronologischen Verlauf der Kommissionsarbeit wieder, die sich häufig um den ungeklärten Verlauf der Grenze in der Elbe drehte. Im zweiten Teil erweitert er den Blick auf das Grenzregime der DDR und hebt noch einmal die Zuständigkeit des MfS hervor. Nach dem Ende der DDR hat sich Nass noch einmal mit dem ehemaligen DDR-Kommissionsmitglied getroffen, das sich in den Akten als IM entpuppte – aber jeder Versuch, mit diesem Spitzelei und damit menschliches Fehlverhalten zu reflektieren, läuft ins Leere.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.312.3142.313 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Klaus Otto Nass (Hrsg.): Die Vermessung des Eisernen Vorhangs. Freiburg: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32649-die-vermessung-des-eisernen-vorhangs_38971, veröffentlicht am 08.12.2010. Buch-Nr.: 38971 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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