Skip to main content
/ 22.06.2013
Thomas Großbölting / Rüdiger Schmidt (Hrsg.)

Der Tod des Diktators. Ereignis und Erinnerung im 20. Jahrhundert

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011; 318 S.; 29,95 €; ISBN 978-3-525-30009-1
Die Bedeutung des Diktatorentodes liegt in dem von ihm ausgehenden Imperativ der politischen und gesellschaftlichen Neubestimmung: Lässt sich an das bisher etablierte Regime auch ohne den markanten Führer mit neuem Personal anschließen oder ist ein Bruch mit der Diktatur unvermeidlich? Kann die staatliche Legitimationslücke für einen demokratischen Übergangsprozess genutzt werden, der gleichzeitig zu einer Abrechnung mit dem alten System führt, oder setzt im Gegenteil eine postume Glorifizierung des toten Führers ein? In über einem Dutzend Einzelfallstudien, die das globale Diktatoren- und Führer-Spektrum von Lenin über Ho Chi Minh bis Saddam Hussein spiegeln, wird diesen Fragen nachgegangen. Die Analyse des Diktatorentodes und seines erinnerungskulturellen Widerhalls erlaubt dabei Rückschlüsse sowohl auf das Wesen der geführten Diktatur, d. h. den jeweiligen Herrschaftstypus, als auch auf die Kontinuitäten und die Erblast der durch den Diktatorentod unweigerlich aber sehr unterschiedlich veränderten Diktaturen. So bedeutet der Tod des Führers nicht zwangsläufig eine Abkehr von dem personell ebundenen Regime. Selbst wo die ultimative Katastrophe eines Herrschaftssystems eintritt, ist dies nicht automatisch das Ende von glorifizierendem Personenkult, wie Verena Kümmel mit Blick auf das Ende des italienischen Faschismus argumentiert. In Fällen, in denen der Tod des Diktators absehbar war, nutzten die politischen oder gesellschaftlichen Eliten das angekündigte Sterben, um die Nachfolge in ihrem Sinne vorzubereiten wie im franquistischen Spanien (hierzu der Beitrag von Walther L. Bernecker) oder sie inszenierten die körperliche Schwäche als Führungsschwäche, wie Mathias Tulner in seinem Beitrag über Walter Ulbricht zeigt. Die Beiträge, in denen das Sterben, der Tod und das nachfolgende offizielle Erinnern oder Vergessen beispielhaft erforscht werden, sind allesamt äußerst konzise. Gerade aufgrund der Bandbreite der betrachteten Einzelfälle hätte man sich einen ausführlicheren Einleitungsaufsatz gewünscht mit dem Versuch, den Diktatorentod und dessen erinnerungspolitischen Andienung zu typologisieren, um dem Band die so fehlende Systematik zu verleihen.
Britta Voß (BVO)
M. A., Historikerin, wiss. Mitarbeiterin, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München.
Rubrizierung: 2.252.3122.3142.612.632.652.672.68 Empfohlene Zitierweise: Britta Voß, Rezension zu: Thomas Großbölting / Rüdiger Schmidt (Hrsg.): Der Tod des Diktators. Göttingen: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33718-der-tod-des-diktators_40383, veröffentlicht am 24.05.2011. Buch-Nr.: 40383 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA