/ 07.06.2013
Michael Brenner / Maximilian Strnad (Hrsg.)
Der Holocaust in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft. Bilanz und Perspektiven
Göttingen: Wallstein Verlag 2012 (Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte 12); 202 S.; brosch., 20,- €; ISBN 978-3-8353-1149-7„Der Holocaust wird kaum noch von Zeugen vermittelt, er nimmt einen geringer werdenden Stellenwert in der Medienpräsentation und der öffentlichen Debatte ein, er ist nicht mehr zentral in der Selbstdefinition einer heranwachsenden Generation“ (13). Aufgrund dieser drei Aspekte fragen die Autorinnen und Autoren des geschichtswissenschaftlich ausgerichteten Sammelbandes nach der bisherigen wie derzeitigen deutschen und internationalen Holocaust‑Forschung sowie nach dem Wissen über den Holocaust, das möglicherweise nicht genügend Raum in Studium und Lehre einnimmt. Für seinen Artikel sichtete Peter Longerich die in den vergangenen zwei Jahrzehnten zum Thema Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden erschienenen Publikationen. Hierbei konnte er drei große Trends ausmachen: erstens eine stark regional ausgerichtete Forschung, die die Geschichte der Judenverfolgung in verschiedenen Ländern und Gebieten beleuchtet; zweitens nennt Longerich Veröffentlichungen wie die von Götz Aly und Susanne Heim, die neue Zugänge zum Thema ausloten; drittens beschäftigen sich viele Arbeiten mit den verschiedenen Verfolgungsapparaten und seinen Angehörigen. Diese Schwerpunktsetzungen lieferten jedoch nur bedingt neue Erkenntnisse für die weitere Forschung und förderten stattdessen eine inhaltliche Engführung. Daher plädiert der Autor dafür, den Holocaust „über die Grenzen von wissenschaftlichen Disziplinen, Teildisziplinen und Epochenabgrenzungen hinaus ganz in den Mittelpunkt eines eigenständigen Forschungsprogramms zu stellen“ (19). Als Beispiele dienen Longerich die Holocaust‑Studies in den angelsächsischen Ländern. Andreas Wirsching sah sich die zwischen 1995 und 2001 an deutschen Hochschulen angebotenen geschichtswissenschaftlichen Vorlesungen und Seminare genauer an und stellte fest, dass es zwar viele Lehrangebote im Bereich NS‑Geschichte gab, aber nur eine geringe Zahl von Lehrveranstaltungen explizit den Holocaust zum Gegenstand hatte. Weil die angebotene Lehre auch stets ein Spiegel der Forschung sei, müsse diese Auswertung beunruhigen, schreibt Wirsching, da eine deutliche Entkopplung zwischen allgemeiner NS‑Forschung und der empirischen, quellenbezogenen Erforschung des Holocaust erkennbar sei.
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Rubrizierung: 2.35 | 2.4 | 2.23 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Michael Brenner / Maximilian Strnad (Hrsg.): Der Holocaust in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft. Göttingen: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9263-der-holocaust-in-der-deutschsprachigen-geschichtswissenschaft_43248, veröffentlicht am 07.03.2013.
Buch-Nr.: 43248
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