/ 21.06.2013
Jean Ziegler
Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren. Übertragen aus dem Französischen von Hainer Kober
München: C. Bertelsmann 2009; 288 S.; 19,95 €; ISBN 978-3-570-01132-4„Der Hass auf den Westen, diese unausrottbare Leidenschaft, beherrscht heute eine große Mehrheit der Völker in der südlichen Hemisphäre“ (13), schreibt Ziegler, seit 2008 Mitglied des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats. Dieser Hass sei ein machtvoller Mobilisierungsfaktor und beeinträchtige die weltweite Suche nach Problem- und Konfliktlösungen. Ziegler vertritt die These, dass sich dieser Hass zum einen aus der unvermittelten „Wiederkehr des verwundeten Gedächtnisses“ (15) des einst kolonialisierten Südens speise sowie aus der gegenwärtigen Politik des Westens, die als strukturelle Gewalt auftrete. Als Beispiele dienen dem Autor „die Vernichtung des afrikanischen Baumwollmarktes und das neue Wirtschafts-Partnerschaftsabkommen (WPA), das den AKP-Staaten von der Europäischen Union durch Erpressung aufgezwungen wird“ (85). Ziegler nennt noch eine Fülle von Beispielen, mit denen er kaum widerlegbar den Egoismus der westlichen Industrienationen illustriert. Ausführlicher werden außerdem exemplarisch die Zustände in Nigeria geschildert. Dabei fällt auf, dass zwar die Korruption der einheimischen Politiker dargestellt wird, die Verantwortung für den Missstand, dass die meisten Menschen in diesem eigentlich reichen Land in Armut leben, de facto aber nur dem Westen zugeschoben wird. Man ist versucht, Ziegler die eurozentrische Sicht zu attestieren, die er so kritisiert. Warum stellt er nicht ausdrücklich die Frage nach der Verantwortung der Nigerianer? Die dort gerade entstehende Zivilgesellschaft ist ihm allerdings nur elf Zeilen wert. Wie naheliegend diese Frage aber ist, zeigt sich mit dem zweiten Fallbeispiel: Bolivien. In diesem gelungensten Kapitel des Buches erzählt Ziegler von dem gewachsenen politischen Bewusstsein der indigenen Bevölkerung und der Reformpolitik Evo Morales’, die im Bereich der Energiewirtschaft bisher so umsichtig war, dass der Reichtum wieder verstärkt dem Land zugute kommt und die ausländischen Investoren trotzdem nicht verprellt sind – Bolivien hat sich selbst als Partner des Westens aufgestellt. Vielleicht hätte Ziegler nicht die Demütigung in das Zentrum seines Buches stellen sollen, sondern die Selbstachtung.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.44 | 4.1 | 4.42 | 2.65 | 2.67 | 2.68
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen. München: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31491-der-hass-auf-den-westen_37488, veröffentlicht am 28.01.2010.
Buch-Nr.: 37488
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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