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Rezension / 07.03.2024

Sebastian Sons: Die neuen Herrscher am Golf und ihr Streben nach globalem Einfluss

Bonn, Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH 2023

Sebastian Sons beschreibt die ‚Zeitenwende‘ der Golfstaaten, ihrer Gesellschaften und Eliten: Ambitioniert, geopolitisch flexibel, widersprüchlich und autoritär – so verlangten die an Einfluss gewinnenden golfarabischen Monarchien ihren westlichen Partnern in Fragen von außenpolitischer Zusammenarbeit für Energiepartnerschaften, Diplomatie oder Migration zunehmend eine langfristige strategische Herangehensweise ab, schreibt Sons. Unser Rezensent lobt, dass der Islam- und Politikwissenschaftler dabei mit „großer Sachkenntnis wie auch gut lesbar“ formuliert habe.

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Sebastian Sons liefert in seinem Werk "Die neuen Herrscher am Golf und ihr Streben nach globalem Einfluss" einen tiefgründigen Einblick in die sich verändernde Dynamik der Golfstaaten, darunter Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Bahrain und Oman. Die Region erlebt eine Zeitenwende, geprägt von einem beeindruckenden wirtschaftlichen Aufschwung, jedoch auch von autoritären Machtstrukturen und Menschenrechtsproblemen.
Sons beschreibt eingehend die Komplexität der golfarabischen Gesellschaften auf der Suche nach einer neuen Identität und hebt hervor, dass die Golfmonarchien inzwischen zum Zentrum der arabischen Welt geworden sind, eine eigenständige Politik gegenüber dem Westen verfolgen und dabei auch verstärkt Beziehungen zu autoritären Mächten wie China und Russland eingehen. Dabei macht er drei Akteursgruppen aus: Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirat und Katar und zuletzt Oman und Kuwait (155). In diesen Akteursgruppen stellt Saudi-Arabien das außenpolitische Schwergewicht dar, indem es seinen Ölreichtum immer wieder in diplomatisches Kapital umwandeln konnte. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar bilden mit den Zentren von Medien und Kommerz die eigentliche Soft Power im arabischsprachigen Bereich und entwickeln Anziehungs- und Vorbildeffekte in der ganzen arabischen Welt. Oman und Kuwait bilden aktuell die ruhenden Pole mit einer „Leben und Leben lassen“-Politik (166).

Sons analysiert Ambitionen und Erfolge der Monarchen, die um Macht konkurrieren und strikt eigene politische und wirtschaftliche Interessen verfolgen. Sons zeigt auf, welche Herausforderungen sich dabei für die internationale Gemeinschaft, insbesondere für Deutschland, ergeben – spätestens seit dem Krieg in der Ukraine „[…] sind die Golfstaaten zu einem Partner der Notwendigkeit geworden“ (308).

Die Zusammenarbeit erstreckt sich über Bereiche wie Energie, Migration, Entwicklungspolitik und Sicherheit. Wertegeleitete Außenpolitik hin oder her – Sons unterstreicht die Notwendigkeit, pragmatisch mit den Golfstaaten umzugehen, auch wenn dies moralische Bedenken aufwirft: „Die Kooperation mit problematischen Partnern ist daher keine Frage des politischen Willens, sondern der realpolitischen Notwendigkeit. Dafür braucht Deutschland eine klare Haltung und einen klaren Kompass“ (25).

Besonders interessant sind Sons' Betrachtungen zur wachsenden Bedeutung der Golfregion innerhalb der letzten zehn Jahren, insbesondere durch Großveranstaltungen wie die Fußball-Weltmeisterschaft, die durch die Herrschenden geschickt genutzt werden, um ihre Länder auf der globalen Karte zu positionieren. Hierbei hebt er hervor, dass nicht nur sportliche, sondern auch politische und wirtschaftliche Erfolge erzielt werden. Zu nennen seien beispielsweise verschiedene Abkommen mit Israel oder die Ausrichtung der Klimakonferenz (COP). Vor allem Saudi-Arabien strebe danach, sich als verlässlicher Partner weltweit zu präsentieren.

Die Menschenrechtslage in der Region wird von Sons kritisch hinterfragt. Er beschreibt Verbesserungen, beispielsweise für Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter in Katar oder bezüglich der Frauenrechte in Saudi-Arabien, nennt aber auch weiterhin kritische Aspekte und wirbt für eine differenzierte Betrachtung. Dabei betont er, dass moralische Appelle aus dem Westen wenig erfolgversprechend sind: „Die Zusammenarbeit mit westlichen Partnern wird zwar bei Themen wie Kilmaschutz, Entrepreneurship, Gesundheit oder digitale Kommunikation gesucht und benötigt, Einmischung von außen wird aber skeptisch betrachtet“ (153).

Die Analyse der Beziehungen der Golfstaaten zu China und ihrer möglichen Mitgliedschaft im BRICS-Bündnis unterstreicht, dass der Westen zunehmend an Einfluss in der Golfregion verliert und ein antiwestlicher Diskurs aufkommt. Dessen Ursachen sieht der Autor auch in der fehlenden Glaubwürdigkeit des Westens: Vor allem seitens islamischer Länder, aber auch einer Vielzahl von Ländern des globalen Südens, wird hier eine Doppelmoral wahrgenommen und beklagt, beispielsweise bezüglich der israelischen Reaktion auf den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und in der Haltung der westlichen Staaten dazu. Die fehlende Unterstützung Europas in Bezug auf Bedrohungen wie den Iran und die gleichzeitige Erwartung verstärkter Rückendeckung hinsichtlich der Verurteilung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine führten zu Frustration und wachsender Polarisierung.

Insgesamt bietet Sebastian Sons' Buch eine profunde Einsicht in die komplexen Entwicklungen der Golfstaaten. Es stellt zentrale Fragen zur Rolle Deutschlands und Europas in dieser sich wandelnden geopolitischen Landschaft und betont die Notwendigkeit einer langfristigen und strategischen Herangehensweise. Wie soll im Spannungsfeld zwischen Menschenrechten einerseits und notwendiger Energieversorgung andererseits agiert werden? Wie ist mit notwendigen Partnern umzugehen, die gleichzeitig enge wirtschaftliche Beziehungen sowie politische Abkommen mit den eigenen Gegnern pflegen (bspw. die gemeinsame Mitgliedschaft im BRICS Bündnis)?

Da es sowohl mit großer Sachkenntnis wie auch gut lesbar geschrieben ist, eignet es sich sowohl für Einsteigerinnen und Einsteiger in das Thema wie auch für Leserinnen und Leser, die ihr Wissen vertiefen möchten.

 

CC-BY-NC-SA
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Weiterführende Links

Die Golfregion: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Internationale Länderdaten zur Region.

Statista

 

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