Cynthia Miller-Idriss: Man Up. The New Misogyny & the Rise of Violent Extremism
Cynthia Miller-Idriss zeigt wie Sexismus und Misogynie den Nährboden für Radikalisierung und politische Gewalt unterschiedlicher Couleur bereiten. Damit legt sie den Finger in die Wunde des sicherheitspolitischen und akademischen Mainstreams, der die Bedeutung von Gender-Fragen noch immer zu häufig übersieht. Ein Buch, das unbedingt gelesen werden sollte, lobt unsere Rezensentin Ann-Kathrin Rothermel.
Eine Rezension von Ann-Kathrin Rothermel
In den letzten Jahren hat sich die Zahl der politisch motivierten Anschläge im Globalen Norden stark erhöht. Während laut dem Globalen Terrorismus-Index die Zahl der Toten bei terroristischen Anschlägen im Jahr 2025 weltweit um 28 Prozent sank, stieg sie in westlichen Ländern um ganze 280 Prozent auf 57 an.[1] Für Deutschland meldete das Bundeskriminalamt für das gleiche Jahr die höchste Zahl politischer Gewalttaten seit 2016, wobei fast die Hälfte der Taten ideologisch als rechts eingeordnet wurden. Dabei stieg die (ebenfalls vor allem rechts motivierte) Hasskriminalität gegenüber Frauen und queeren Menschen besonders stark an.[2]
Unabhängig von der Art der Gewalt und der politischen Ideologie, mit der diese gerechtfertigt wurde, haben Gewalttäter eines gemeinsam: Sie sind fast immer männlich. Männer waren 2018 in den USA zu 98 Prozent für Amokläufe und zu 94 Prozent für sexuellen Missbrauch verantwortlich (5). Im Gegensatz zu anderen demografischen Faktoren wird das (männliche) Geschlecht von Medien und Justiz jedoch häufig als nebensächliche Fußnote behandelt – und das obwohl politische Gewalttäter in den meisten Fällen nicht nur männlich sind, sondern auch eine Vorgeschichte sexualisierter Gewalt (6 f.) und misogyner Überzeugungen haben (93).
Hier setzt das im vergangenen Jahr erschienene Buch ‚Man Up. The New Misogyny & the Rise of Violent Extremism’ von Cynthia Miller-Idriss an. Die amerikanische Soziologin forscht seit Jahren zu politischer Gewalt und Radikalisierung an der Schnittstelle zu Kultur und Bildung sowohl on- als auch offline und setzt sich in ihrem aktuellen Werk nun explizit mit der Frage nach der Rolle von Gender auseinander. Durch ihre langjährigen Beziehungen zu deutschen Forschungsinstitutionen hat sie in der Vergangenheit auch wiederholt einen Schwerpunkt auf Deutschland gelegt.[3] ‚Man Up!‘ behandelt zwar vorrangig den US-amerikanischen Kontext, ist aber aufgrund der in vielerlei Hinsicht parallelen (oder leicht verzögerten) Dynamiken steigender Hasskriminalität, insbesondere durch rechts-ideologisierte Täter, auch für den deutschen Kontext von starkem Interesse.
Das zentrale Anliegen des Buches ist es, die Dynamiken aufzuzeigen, über welche Sexismus und Misogynie als Nährboden für individuelle und gesellschaftliche Radikalisierung wirken. Damit einhergehend kritisiert es das anhaltende Versagen von Politik und wissenschaftlicher Gemeinschaft in Bezug auf die Anerkennung der zentralen Rolle von Gender. Dafür führt Miller-Idriss weniger eigene Evidenz in Form neuer Studien ins Feld, sondern stützt sich primär auf die bereits existierende (zumeist feministische) Literatur zum Zusammenspiel von Gender und (politischer) Gewalt aus verschiedenen Teildisziplinen wie der Nationalismusforschung (mit den feministischen Unterbereichen der Forschung zu Misogynie, Patriarchat und Männlichkeiten), der Terrorismusforschung (mit dem Fokus auf Frauen und male supremacism), sowie der Forschung zu sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt (S/GBV). Zwar bringt das Buch insofern wenig komplett neue Erkenntnisse und Datenanalysen ein; Miller-Idriss überzeugt jedoch durch eine gekonnte, innovative Synthetisierung der existierenden Literatur im Zusammenspiel mit einer Vielzahl relevanter und greifbarer Beispiele sowie persönlicher Anekdoten. Damit liegt das große Potenzial des Buches darin, dass es feministische Forschung für den sicherheitspolitischen und akademischen Mainstream, der Gender-Fragen oftmals noch immer abgeneigt gegenübersteht, zugänglich und überzeugend darstellt und einen neuen Zugang zum Thema Gender und politische Gewalt ermöglicht.
Sexismus und Misogynie als Nährboden extremistischer Gewalt – fünf Pfade
„The more I study acts of mass violence – both directed against women and against other targets – the more I am convinced that what often seems like an irritating daily reality [sexism and misogyny] is actually an enabling condition and environment that nurtures, cultivates, and ultimately explains and mobilizes much of the violence we see in the world today” (28)
Eine Stärke des Buches ist die persönliche Nähe und Glaubwürdigkeit, mit der die Autorin anekdotische Beobachtungen in systemische Zusammenhänge einbettet. Den Ausgangspunkt stellt dabei ihre selbstkritische Beobachtung dar, dass sie die meiste Zeit ihrer Karriere in der Sicherheitsforschung Gender als nebensächlich, fast störend, betrachtet habe (xii). Das Buch ist ihr Versuch, ihre Gewahrwerdung, dass diese Fehlannahme unintendiert zur Mobilisierung und Normalisierung von (Rechts-)Extremismus beitragen kann, auch den Lesenden näher zu bringen. Dafür zeigt Miller-Idriss fünf miteinander verwobene Pfade auf, über welche „extremist violence is underpinned by and mobilized through conservative mobilization, mainstream normalization and liberal silencing of misogyny and gender-based bigotry” (12).
Eindämmung
Den ersten der fünf Pfade sieht Miller-Idriss im Eindämmen und Kontrollieren weiblicher Handlungen über beispielsweise sexistische Beleidigungen, sexualisierte Belästigung und Gewaltandrohung. Hierfür nutzt sie die etablierten Konzepte zu Misogynie von Kate Manne, die Misogynie als die ausführende Kraft versteht, mit der Menschen (insbesondere, aber nicht nur Frauen), die gegen Geschlechternormen verstoßen, an ihren Platz in der patriarchalen Geschlechterhierarchie zurückverwiesen werden sollen.[4] Miller-Idriss zeigt auf, wie diese Alltagsmisogynie beispielsweise durch Begriffe wie ‚bitch‘ (Zicke) dazu dient, akzeptable (angeblich korrekte) Weiblichkeit von inakzeptablen (zu männlichen) Verhaltensweisen abzugrenzen (63). Gespiegelt steht dieser korrekten Weiblichkeit eine ebenso enggefasste Idee von Männlichkeit gegenüber, die sich über Stärke definiert. Männer, die nicht diesem Ideal von hegemonialer Männlichkeit entsprechen, werden über verweiblichende Begriffe wie ‚sissy‘ (Weichei) abgewertet (65). Stärke und Männlichkeit kann wiederum über das ‚An-den-Platz-Verweisen‘ Anderer errungen werden (89); Misogynie wird so zu einem Mittel, um strikte, essenzialisierende Normen von Weiblichkeit und Männlichkeit zu reproduzieren – wenn nötig mit Gewalt. Denn hier, so argumentiert Miller-Idriss, liegt die erste Verknüpfung zwischen vermeintlich ‚kleinen‘ Mikro-Aggressionen und terroristischer Gewalt: Durch die Darstellung dieser Ideale als natürlich wird auch Gewalt akzeptabel, wenn sie der Durchsetzung der korrekten Geschlechterformationen dient.
Bestrafung
Damit ist Miller-Idriss‘ zweiter Pfad eröffnet, das ‚Bestrafen‘. Hier geht es nun explizit um Terrorismus, der mit misogynen Weltbildern gerechtfertigt wird. Obwohl diese Form von Gewalt aufgrund ihrer medialen Reichweite schwerer zu ignorieren ist, wird sie häufig nicht als misogyne Gewalt anerkannt. Miller-Idriss zeigt anhand mehrerer Fälle, wie sie oft anderen Kategorien zugeordnet oder als ‚Einzelfall‘ oder sogar ‚schlechter Tag‘ verbucht wird (92), selbst wenn Täter in Bekennerschreiben misogyne Verschwörungsmythen explizit als Motiv anführen. Gerade in rechtsextremen Gruppierungen spielt die Kontrolle weiblicher Körper eine große Rolle, wie weit geteilte Verschwörungserzählungen zeigen, nach denen weiße Vorherrschaft durch höhere Geburtenraten weißer Frauen (über Abtreibungsverbote bis Vergewaltigungen) und gleichzeitiger Zwangssterilisation nicht-weißer Frauen erreicht werden sollen (116 ff). In der sogenannten Manosphere, einem losen Zusammenschluss verschiedener Online-Räume, tauschen sich Anhänger*innen von männlichen Vorherrschaftsideologien (male supremacism) untereinander aus. Zwar gibt es sowohl in der Politik als auch innerhalb von Sicherheitsorganen wie der Polizei mittlerweile eine verstärkte Aufmerksamkeit für bestimmte Untergruppierungen wie beispielsweise ‚Incels‘; dennoch wird häufig noch zu wenig Fokus auf die dahinterstehende Ideologie gelegt. So wird male supremacism[5] zwar mittlerweile interdisziplinär beforscht[6], findet aber in den meisten rechtlichen Richtlinien zur Einordnung von Gewalt und Kriminalität noch keinerlei Erwähnung. Laut Miller-Idriss liegt dies nicht zuletzt daran, dass die natürliche Ordnung, die im male supremacism propagiert wird (Patriarchat), oft auch den Ordnungssystemen selbst noch bis vor kurzem zugrunde lag (96). Gleichzeitig wird durch antifeminstische Mobilisierung (insbesondere von rechts) nun das Gefühl erweckt, dass diese Ordnung durch den Feminismus bedroht oder sogar schon ins Wanken gekommen sei und dementsprechend gewaltsam verteidigt werden müsse. Miller Idriss zeigt, wie diese Narrative wiederum an Ideen von Gewalt als Teil von Männlichkeit (Beschützerrolle) anknüpfen, die gerade in Zeiten ökonomischer Herausforderungen, in denen andere Teile von Männlichkeitsidealen (Ernährerrolle) kaum mehr verfügbar sind, eine immer größere Rolle spielen (102) und die darüber hinaus durch die weite Sichtbarkeit von Gewalt in Online-Räumen immer mehr normalisiert wird (107).
Ausbeutung
Während die Pfade des ‚Bestrafens‘ und ‚Eindämmens‘ viel aus der feministischen Sicherheits- und Terrorismusforschung gespeist sind, geht es im Kapitel zu ‚Ausbeutung‘ um eine andere Form von Gewalt, die häufig nicht als politisch gelesen wird: sexualisierte Gewalt und Missbrauch. Die Autorin zeigt hier eindrücklich auf, wie rechtsextreme Netzwerke in vielerlei Hinsicht aus sexualisierter Ausbeutung Kapital schlagen. Oft sind sie selbst Teil von Drogen- und Menschenhandel und Prostitutionsnetzwerken, über die sie ihre Aktionen finanzieren. Dass dem Aspekt der Reinheit, Unterwürfigkeit und Jugend als Ideal von Weiblichkeit insbesondere in der Manosphere hohe Bedeutung zugemessen wird, trägt zur Sexualisierung von Kindern bei. Gerade Jugendliche werden auch oft über ‚sextortion‘ (Erpressung mit intimen Aufnahmen) und ‚grooming‘ (Kontaktaufnahme Erwachsener mit Minderjährigen in Missbrauchsabsicht) in rechte Netzwerke rekrutiert und dort dann weiter ausgebeutet (137 f.). Dieser besonders perfide statistische Zusammenhang zwischen Kinderpornografie und Rechtsextremismus läuft häufig unter dem Radar. Gleichzeitig speist Propaganda über angeblichen organisierten Kindesmissbrauch antifeministische und antisemitische Verschwörungserzählungen, auf die sich Rechtsextremist*innen berufen und die etwa im berühmten Fall Pizzagate in eine handfeste terroristische Befreiungsaktion mündeten. „Sexual violence enacted against women and children is thus foundational to far-right extremism and is simultaneously used to rally support for the far-right through mobilizing calls to men to protect women and children from that same type of violence” (138 f.). Diese zunächst paradoxe Grundhaltung erklärt sich jedoch durch die genannten Hierarchien in male und white supremacist Ideologien: manche Frauen und Kinder sind schützenswert (Propaganda), andere sind wertlos (Sexhandel) und wieder andere müssen bestraft werden (140). Letzterer Aspekt zeigt sich auch in der engen Verknüpfung zwischen häuslicher und partnerschaftlicher Gewalt mit gewalttätigem Extremismus. Studien zeigen, dass häusliche Gewaltausübung im Zusammenspiel mit misogynen und male supremacist Wertvorstellungen ein klarer Risikofaktor für Radikalisierung und spätere terroristische Gewaltausübung in islamistischen und rechtsextremistischen Gruppierungen ist (127).
Auslöschung
Im nächsten Kapitel zum ‚Verschwindenlassen/Auslöschen‘ zeigt Miller-Idriss noch einmal den Effekt auf, den beispielsweise die ‚moralischen Paniken‘ um Verschwörungserzählungen zur Verknüpfung von Pädophilie und Homosexualität auslösen können. In den letzten Jahren hat die USA unzählige Gesetze zur Rücknahme von bereits erkämpften LGBTQI+-Rechten verabschiedet. LGBTQI+-Personen werden damit sowohl aus öffentlichen Räumen (wie Toiletten, Sportveranstaltungen) als auch Versorgungseinrichtungen (Gesundheitswesen) (150 f.) verbannt, teils mit schwerwiegenden mentalen und körperlichen Folgen. Über diese gesetzliche Legitimierung ihrer Abwertung und der Delegitimierung ihrer Existenz hinaus sind insbesondere Transpersonen, aber auch andere Betroffene, einer immer weiter steigenden Zahl an tätlichen Angriffen ausgesetzt (152). Alleine 2022 wurden 51 Transpersonen in den USA getötet (161); schwarze Transfrauen sind dabei besonders betroffen. Durch diese Formen des Verbannens aus dem öffentlichen Leben mittels struktureller und physischer Gewalt sollen unliebsame Körper, die sich nicht in die von Patriarchat und ’male supremacism‘ geprägte Hierarchieordnung einteilen und kontrollieren lassen, ‚verschwinden‘. Miller-Iriss zeigt auf, wie ‚Auslöschung ‘ zudem auch epistemisches Verschwindenlassen beinhaltet, wobei wissenschaftliche Erkenntnisse über nicht-heterosexuelle und nicht-binäre Lebensweisen sowie über die Fluidität von Gender im wahrsten Sinne des Wortes über Bücherverbrennungen oder -verbote ausgelöscht werden (153 ff.).
Ermöglichung
Im letzten Kapitel geht es um das ‚Ermöglichen‘ männlicher Vorherrschaftsansprüche und der damit verknüpften Gewalt durch Frauen. Miller-Idriss zeigt hier auf, wie sich die Rolle von Frauen in rechten Mobilisierungen seit den 1990er Jahren verändert hat: von der Fokussierung auf die Repräsentation von schützenswerten Idealen von Weiblichkeit und Mutterschaft, die die rechte Vorstellung von Nation im Kern stützen und Gewaltanwendung als Schutz von Frauen und Kindern legitimieren, bis hin zur aktiven Teilhabe am Sturm auf das Kapitol im Januar 2021 (165 ff.). Eine große Rolle schreibt sie dabei der Mobilisierung durch Sarah Palins Tea Party zu, die mit der ‚Mama Grizzlies‘-Metapher Frauen als Beschützerinnen nicht nur ihrer eigenen, sondern aller Kinder insbesondere gegen staatliche Eingriffe in Familien und Bildungspolitik framte (169). Diese Uminterpretation von konservativen Werten in eine Form angeblicher empowernder Gegenwehr gegen liberal-feministische Politik zu reproduktiven Rechten ist auch heute noch in ‚Trad-wife‘-Narrativen sowie femonationalistischen Mobilisierungen zu sehen, wobei feministische Anliegen zum Schutz von Frauen und Kindern mit rassistischer Anti-Migrationspolitik verbunden werden. Für die Bewegung und für die Ausübung von Gewalt sind Vorstellungen von Weiblichkeit, so Miller-Idriss, in mehrerer Hinsicht zentral: Sie liefern eine Rechtfertigung für Gewalt durch ihre angebliche Schutzbedürftigkeit, sie dienen dazu, die Anknüpfungsfähigkeit rechter Narrative durch ihre angebliche Weichheit zu erhöhen, und sie produzieren Schablonen ‚guter Weiblichkeit‘, gegen die andere Weiblichkeiten abgewertet und ‚bestraft‘ werden müssen (180 f.).
Synthese: Gender als Kern
Als feministische Politikwissenschaftlerin argumentiere ich seit Jahren dafür, dass wir Gender ernst nehmen müssen. Erst kürzlich saß ich auf dem Podium in einer Diskussionsreihe mit Teilnehmenden aus deutschen Behörden, Zivilgesellschaft und Politik. Mein Argument war klar: Gender muss zentriert werden, weil es zentral und über die klassischen Phänomenbereiche des Rechtsextremismus und des Islamismus hinweg radikalisierend und gewaltlegitimierend wirkt. Male supremacism muss als Kategorie eingeführt werden, die strafrechtlich erhoben wird und als politische Gewalt gilt. Und das bedeutet auch, dass viele Delikte, die momentan unter ‚Sonstiges‘ geführt werden, weil sie als „partnerschaftliche Gewalt mit Kollateralschäden“ interpretiert werden, als politisch gewertet werden müssen. Im Nachgang der Diskussion fragte mich ein anderer Podiumsteilnehmer, ob es nicht sinnvoller wäre, andere Kategorien zu nutzen, die sich explizit auf Incel-Gewalt beziehen, ohne den großen ‚Gender-Bogen‘ zu schlagen. Dies ist nur ein Beispiel für die weiterhin andauernde Tendenz in Sicherheitspolitik anderen Kategorien wie beispielsweise dem neu eingeführten (und weit weniger fundiert beforschtem) nihilistischen Extremismus sehr viel entgegenkommender zu begegnen. Nicht umsonst ist Cynthia Miller-Idriss‘ Buch voll von derlei Anekdoten, die zeigen, wie schwer es trotz aller Evidenz bleibt, eine Gender-Perspektive zu verankern. Das Ermutigende an dem Buch ist, dass es genau dort ansetzt: im Mainstream. Aus der eigenen gender-blinden Erfahrung heraus präsentiert Miller-Idriss ihr Argument als Reflektionsarbeit, die beweist, dass es bei genauem Hinsehen möglich ist, die vielfältigen Wege zu erkennen, über die Gender zentral für die Mobilisierung von Gewalt und Radikalisierung wirkt: über Misogynie als Nährboden und Warnsignal für politische Gewalt, über die gewaltsame Verteidigung patriarchaler Strukturen online und offline und über die Verbindung zu anderen Formen von Hass und Abwertung von Religion, ethnischer Zugehörigkeit und Herkunft (186 f.). Das gleichzeitige Nennen von Strategien wie der Förderung und Normalisierung von anderen Männlichkeitsvorstellungen, die nicht auf Gewalt basieren (198 ff.), dem Stärken von egalitären Werten und Deradikalisierung durch alltägliches und organisiertes Widersprechen (196 f.) sowie konkreten Policy-Vorschlägen wie beispielsweise zur besseren Erkennung von gegenderten Warnsignalen (203) macht diese Reflektionsarbeit zudem handdienlich.
Man Up zeigt vor allem eins: Das Problem ist nicht, dass wir zu wenig über Gender sprechen, sondern wie wir es tun. Immer wieder kommt Miller-Idriss darauf zurück, dass die internalisierten patriarchalen Gender-Rollen und -Vorstellungen von binären Geschlechterrollen um Männlichkeit, Weiblichkeit und Heteronormativität als eine Art mentales Gerüst verstanden werden können, an die weit verbreitete rechte (und damit auch inhärent rassistische und misogyne) Propaganda, Desinformation und Verschwörungserzählungen andocken können; ein Gerüst, das damit Gewaltbereitschaft und Radikalisierung Vorschub leistet (xiii). Damit enthält das Buch einen zwar an Stellen subtil gehaltenen, aber dennoch immer wieder nachdrücklich geäußerten Aufruf zur Reflektion von alltäglichen gegenderten Strukturen und Praktiken der Abwertung als zentral für funktionierende Prävention sowie Bekämpfung steigender Hasskriminalität und politischer Gewalt. In einer Zeit, in der diese Fragen aktueller sind als je zuvor und im öffentlichen Diskurs häufig von rechts besetzt werden, ist das Buch daher ein wichtiger und hoffentlich wirksamer Funke von Hoffnung, wie er auch in Miller-Idriss letztem Satz des Epilogs durchscheint: „Now that it is out there, my sincerest wish is that it makes a difference“ (215).
Anmerkungen:
[1] Vgl. Global Terrorism Index, in: Institute for Economics & Peace, online unter https://www.economicsandpeace.org/global-terrorism-index/ [letzter Zugriff: 01.09.2026].
[2] Vgl. Bundeskriminalamt: Vorstellung der Fallzahlen zur Politisch motivierten Kriminalität 2025, online unter: https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/PMK/PMKZahlen/PMKZahlen_node.html#doc272486bodyText1 [letzter Zugriff: 01.09.2026].
[3] Vgl. Beispielsweise Miller-Idriss, Cynthia (2018): The Extreme Gone Mainstream, Commercialization and Far Right Youth Culture in Germany, Princeton: Princeton University Press.
[4] Vgl. Manne, Kate (2017): Down Girl. The Logic of Misogyny, New York: Oxford University Press.
[5] Male supremacism bezeichnet eine Ideologie, in der männliche Vormachtstellung, Kontrolle und Gewalt über das Handeln und die Körper Anderer (insbesondere Frauen und nonbinäre Personen) über angeblich natürliche Zuschreibungen von Männlichkeit und Weiblichkeit und die damit einhergehende männliche Anspruchshaltung gerechtfertigt wird. Für die Einbettung und Herleitung von male supremacism vgl. Carian, Emily K., Alex di Branco und Chelsea Ebin (2022): Male Supremacism in the United States, New York: Routledge.
[6] Vgl. Institute for Research on Male Supremacism, online unter: https://www.theirms.org/ [letzter Zugriff: 01.09.2026].
