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/ 20.06.2013
Michel Onfray

Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muß. Aus dem Französischen von Bertold Galli

München/Zürich: Piper 2006; 320 S.; brosch., 14,- €; ISBN 978-3-492-04852-1
Juden, Christen und Moslems hätten sich ihren einzigen Gott nach ihrem Ebenbild erschaffen, schreibt der französische Philosoph Onfray – „gewalttätig, eifersüchtig, rachsüchtig, frauenfeindlich, aggressiv, herrschsüchtig und intolerant“ (101). Den Juden hält er wenigstens zugute, dass sie seit jeher nur über ihr Territorium dominieren wollten und nicht zwecks (gewaltsamer) Missionierung in ferne Länder strömten. Ansonsten aber betrachtet er die monotheistischen Religionen als Unheil, zudem mache „die gesamte Theokratie [...] die Demokratie zu einem Ding der Unmöglichkeit“ (243). Onfray interpretiert die „drei angeblich heiligen Bücher“ (239) als historische Quellen und beleuchtet die Gewalt und die Diskriminierungen, die im Namen dieser drei Religionen begangen wurden und werden. Das gute Einvernehmen beispielsweise zwischen Nationalsozialismus und Christentum erklärt er nicht als einen historischen Unfall, sondern als das Ergebnis einer sich über 2000 Jahre hinziehenden Entwicklung. Den aktuellen Faschismus verortet Onfray in der Theorie und Praxis islamischer Regierungen. Weniger polemisch wäre es sicher gewesen, die Geschichte dieser Religionen nicht nur unter den Aspekten Gewalt und Krieg zu erklären, sondern ihre Genese auch aus älteren antiken Denkmodellen zu beleuchten und damit in die europäische Geistesgeschichte einzuordnen (wie es die deutsche Theologin Uta Ranke-Heinemann in „Nein und Amen“ 1992 getan hat). So hätte weitaus überzeugender gezeigt werden können, warum Thora, Bibel und Koran als historische Bücher zu lesen sind. Der größte Mangel besteht allerdings darin, dass Onfray seine Polemik ausschließlich aus einer anti-religiösen Haltung speist und damit letztlich den Religionen doch auf das Innigste verbunden bleibt.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.23 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Michel Onfray: Wir brauchen keinen Gott. München/Zürich: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25540-wir-brauchen-keinen-gott_29628, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29628 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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