Skip to main content
Rezension / 28.06.2024

Marlon Barbehön: Zeichen der Zeit: Zeichen der Zeit. Umrisse einer Politischen Theorie der Temporalität

Frankfurt am Main, Campus Verlag 2023

In welchem Verhältnis stehen Politik und Zeit? Um die Verschränkung von zeitlicher und politischer Wirklichkeit zu untersuchen, entwickelt Marlon Barbehön in seiner Habilitationsschrift auf der Grundlage kulturtheoretischer Zugänge die “Umrisse einer Politische Theorie der Temporalität”. Rezensent Jürgen Portschy liest die Studie auch als “Ausdruck einer bereits im angloamerikanischen Raum vollzogenen temporaltheoretischen Wende in der Politikwissenschaft” und lobt die “umfassenden, gut recherchierten wie auch wohldurchdachten Ausführungen” Barbehöns.

Im Dezember 2023 ist die Habilitationsschrift von Marlon Barbehön im Campus Verlag (in der renommierten Reihe „Theorie und Gesellschaft“) erschienen. Sie trägt den Titel “Zeichen der Zeit. Umrisse einer Politischen Theorie der Temporalität“ und richtet sich in erster Linie an ein Fachpublikum der Politischen Theorie, der Politischen Soziologie und der Policy Studies sowie an alle, die sich für die Beziehung von Politik und Zeit interessieren. Es handelt sich um eine eindrucksvoll recherchierte Studie, die wichtige begriffliche Grundlagenarbeit leistet und diese gekonnt anhand empirischer Beispiele illustriert. 

Bereits Machiavelli hatte auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten. Es ist diese Zeichenhaftigkeit der Zeit, die Barbehön in den Mittelpunkt seiner Studie stellt, um eine kulturwissenschaftliche Perspektive auf die Beziehung von Politik und Zeit zu entwerfen. Das Buch gliedert sich in eine Einleitung (Kapitel 1) und drei Hauptabschnitte, von denen sich Abschnitt I „Vorbereitungen“ (Kapitel 2-3) mit aktuellen Zeitdiagnosen und vorbereitender zeittheoretischer Begriffsarbeit beschäftigt. Die beiden „Herzstücke“ der Arbeit werden in den Abschnitten II „Konzeptionalisierungen“ (Kapitel 4-7) und III „Reflexionen“ (Kapitel 8-9) entfaltet. Die Ergebnisse der Studie werden hiernach im Rahmen einer abschließenden Konklusion (Kapitel 10) zusammengeführt.

Abschnitt I setzt sich zusammen aus Kapitel 2 „Die (politische) Gesellschaft und ihre Zeit“ sowie Kapitel 3 „Der Zeit auf den Spuren“. Kapitel 2 beginnt mit der These, dass im Rahmen eines Verstehens von Gesellschaft als Prozess (vgl. auch Schwietring 2015) „Zeit“ nicht als stabiler Parameter vorausgesetzt werden kann, da sie sich an Handlungen, Wahrnehmungen und Diskurse sozialer AkteurInnen gebunden und damit als sozial konstruiert erweist (vgl. auch Adam 1990). Während die „Vormoderne“ für Barbehön durch natürliche Zyklen, Teleologien und Endzeitdenken ausgezeichnet war, sieht er aufbauend auf Luhmann und Koselleck seit dem 16. Jahrhundert ein teleologiebefreites, zukunftsoffenes und durch Beschleunigung charakterisiertes “kulturelles Zeitregime” (Assmann 2013) entstehen. Dieses zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass nun das kontingente Handeln sozialer Akteure und die Möglichkeit des Sich-Ereignens von Neuem im Zentrum stehen, sondern es muss als konstitutive Voraussetzung für Politik im modernen Sinne verstanden werden. Die Zeit wird hierdurch nicht nur gestaltbar, sie muss von nun an im Hier und Jetzt gestaltet werden, da ihr vermeintlich naturhaft bzw. von Gott gegebener Verlauf nicht länger vorausgesetzt werden kann. Hierbei erweisen sich Semantiken des Fortschritts, der Planung, des Risikos und der Prävention als Ausdruck von Versuchen einer – durch die Öffnung des Erwartungshorizonts ermöglichten – Kolonialisierung der Zukunft, wobei sich in der Spätmoderne das Gefühl der Ungewissheit nochmals zu steigern scheint. Barbehön geht zudem auf diverse Diagnosen ein, die von einer beschleunigungsbedingten Steuerungskrise (Rosa 2008), der Aufwertung der Gegenwart (Hartog 2015), der gestiegenen Relevanz des kulturellen Gedächtnisses (Assmann 2013) sowie von der Wiederkehr von Endzeitvorstellungen (Rothe 2020) in der Spätmoderne ausgehen.

Im nächsten Kapitel verschiebt Barbehön („Der Zeit auf den Spuren“) den Fokus von der Frage, was Zeit eigentlich sei, hin zur Frage, was sie tut. Der hierbei vorausgesetzte operationale Zeitbegriff erweist sich als grundlegend für ein Verstehen der Zeitlichkeit der Politik. Hierauf aufbauend folgt ein kurzer Überblick über Zeit in der politikwissenschaftlichen Diskussion, wobei Barbehön aufbauend auf Straßheim (2016) die bestehenden Debatten in drei Stränge ordnet: Politik in der Zeit (Einbettung von Politik in einen ihr vorgängigen Strom der Zeit, z.B. Rhythmen politischer Verfahren), Politik mit der Zeit (Zeit als strategisches Instrument, z.B. Timing), Zeitlichkeit der Politik (Zeit als Modus der Komplexitätsverarbeitung bzw. Bedeutungszuweisung, z.B. Szenariobildung). Während die ersten beiden Zugänge laut Barbehön von einem naturalisierten, uhrenzeitlichen Begriff von Zeit ausgehen, finden sich im dritten Debattenstrang dezidiert konstruktivistische und kulturtheoretische Ansätze, denen es bisher jedoch nicht gelungen sei, über empirische Einzelfallstudien hinauszugehen. Sein eigener Zugang möchte diesen Mangel beheben, indem er eine „Politische Theorie der Temporalität“ ausbuchstabiert und sogleich vorführt, wie diese sich anhand der Interpretation politischer Zusammenhänge bewährt.

Zu diesem Zweck werden in Abschnitt I vier sozialwissenschaftlichen Ansätze (Sozialphänomenologie, Systemtheorie, Symbolischer Interaktionismus, Poststrukturalismus) auf ihre zeittheoretischen Prämissen befragt. Diese Ansätze weisen laut Barbehön Familienähnlichkeiten auf, die es erlauben, sie als Varianten eines kulturalistischen Paradigmas zu lesen, das uns einen differenzierten Zugang zur Wechselbeziehung von Politik und Zeit eröffnen kann. Allerdings setzten sie unterschiedliche primäre Analyseeinheiten des Sozialen voraus (Probleme, Entscheidungen, Handlungen, Formen des Regierens), die (bis auf den letzten Ansatz) mit eigenen zeittheoretischen Implikationen einhergehen. Diese werden vom Autor unter Rückgriff auf Alfred Schütz, Niklas Luhmann und George Herbert Mead entfaltet. Der poststrukturalistische Ansatz wird mit der Governementalitätstheorie Foucaults enggeführt, die für Barbehön weniger einen eigenen zeittheoretischen Zugang aufweist, sondern eher die Verflechtung von Regieren und Zeitlichkeit in den Fokus nimmt (vgl. auch Portschy 2020).

Den Beginn des zweiten Abschnitts macht Kapitel 4 („Zeit und soziale Probleme“), das unter Rückgriff auf den sozialphänomenologischen Ansatz von Alfred Schütz sowie Zugänge der interpretativen Politikanalyse die zeitspezifischen Prämissen der Konstruktion sozialer Probleme herausarbeitet (vgl. auch Gottweis 1988, Portschy 2015). Mit Schütz geht Barbehön von der bewusstseinstheoretischen Prämisse aus, dass nur die retrospektive Hinwendung zu Erfahrenem und dessen Einordnung in einen kollektiven Wissensvorrat es ermöglicht, Sinn und Bedeutung zu generieren. Selbst der Ausgriff auf das Kommende folge einer retrospektiven Logik, indem er zukünftige Gegenwart gleichsam vom Standpunkt ihrer imaginierten Vergangenheit „vorerinnert“. Folglich gründe jede Form der Problematisierung auf einer temporalen Relation, die auf dem Kontrast einer zuvor (in dieser Hinsicht) als unproblematisch erfahrenen Vergangenheit bzw. idealisierten Zukunft zu einer – oftmals als defizitäre erlebten – Gegenwart beruht. Barbehön eröffnet darüber hinaus mithilfe von Schütz einen Blick auf die spezifische „Eigenzeit sozialer Probleme“, da jedes Problem einen Horizont seiner eigenen Problemgeschichte mit sich trage, der sich durch fortgesetzte Formen der Re-Problematisierung in der Gegenwart verändert. Die theoretischen Einsichten werden schlussendlich anhand der empirischen Rekonstruktion einer Problemgeschichte des demografischen Wandels veranschaulicht. 

Kapitel 5 widmet sich hiernach den zeittheoretischen Implikationen eines weiteren zentralen Aspekts von Politik vor dem Hintergrund systemtheoretischer Ansätze: dem Entscheiden. Das Entscheiden wird von Barbehön aufbauend auf Luhmann als kommunikatives Zeitgeschehen dechiffriert, das – ganz im Sinne einer Weggabelung – eine Differenz von Vergangenheit und Zukunft einführt, wodurch Zeit, jeweils in der Gegenwart neu verzeitlicht werden muss. Erst das moderne Zeitregime gehe – aufbauend auf einer offenen Zukunft – mit der Möglichkeit bzw. Notwendigkeit einher, Entscheidungen zu treffen, um damit gleichsam in den „Lauf der Zeit“, der als kontingente Verkettung punktueller Gegenwart verstanden wird, zu intervenieren. Dies erweise sich als zeitspezifische Voraussetzung, durch die Gesellschaft erst zu einem gleichsam „in der Zeit“ zu gestaltenden „politischen Projekt“ werden kann. Für Barbehön impliziert politisches Entscheiden folglich eine je aufs Neue in der Gegenwart zu bestimmende Beziehung von Vergangenem und Zukünftigem. Hierauf aufbauend arbeitet er unterschiedliche Semantiken der politischen Verfügung über Zeit (bzw. Zukunft) heraus (Planung, Prävention, Vorbereitung, Experiment, sowie Vorläufigkeit). Er illustriert seine theoretischen Reflexionen hiernach anhand der Suche nach einem Endlager für radioaktive Abfälle in der Bundesrepublik Deutschland.

Kapitel 6 widmet sich Ansätzen des Symbolischen Interaktionismus und einer für die Politikgestaltung maßgeblichen „Zeit des Handelns“ (vgl. auch Reckwitz 2016). Hierbei steht erneut in der Gegenwart situiertes, symbolvermitteltes Handeln im Zentrum, der Ansatz geht jedoch über die zuvor skizzierten bewusstseins-, bzw. kommunikationstheoretischen Zugänge hinaus, indem er den Fokus neben Sprache sogleich auf soziale Aspekte von Körperlichkeit und Materialität legt. Aufbauend auf George Herbert Mead wird die Gegenwart ereignishaft und als „locus of reality“ konzipiert. Erst in dem diese stets aufs Neue Vergangenheit und Zukunft in Beziehung setze, entstehe der Anschein einer Kontinuität der Zeit (vgl. auch Portschy 2015). Als wesentlich, um über subjektive Relationierungen von Zeitlichkeit hinauszugehen, erwiesen sich signifikante Symbole, die einem Kollektiv zur Deutung ihrer Welt zur Verfügung stehen sowie Formen der Perspektivenübernahme, wodurch im Moment einer gemeinsamen Handlung ein gemeinsames Zeitsystem entstehe, das sich gleichsam zu institutionalisierten Zeitsystemen erweitern könne. Politik wird folglich als soziale Handlungswelt lesbar, die eigene strukturelle Formen der temporalen Sequenzierung  komplexer Interaktionsverläufe (was kommt früher, was kommt später?) sowie der symbolischen Repräsentation von Vergangenheit und Zukunft (z.B. Vergangenheit als goldenes Zeitalter, Zukunft als planbarer Fortschritt oder als potenzielles Risiko etc.) aufweist. Sie nehme zudem Bezug auf zeitliche Symbole und involviere sowohl kontinuierliche wie auch diskontinuierliche Prozessverläufe. Barbehön exemplifiziert seine Ausführungen abschließend anhand von teilnehmender Beobachtung an mehreren Demonstrationen in Frankfurt am Main, Darmstadt und Stuttgart.

Das siebente Kapitel widmet sich der Zeit des Regierens. Der Autor bestimmt dieses in einem weiten Sinne, indem es nicht nur staatliche Akteure, sondern „eine Vielzahl an Institutionen, Arenen und Netzwerke“ involviert. In der Moderne erlange Politik ein „eigenständiges Rationalitätsniveau, das Regieren in spezifischer Art und Weise möglich und nötig macht“ (Barbehön 2023: 224). Regieren besteht für Barbehön stets aus einem spezifischen Zusammenhang von „Zielgrößen, Machttechniken und Wissensformen“, die er von einer zeittheoretischen Perspektive zu rekonstruieren versucht. Hierbei baut er wesentlich auf bestehenden zeittheoretischen Studien über Foucault auf (vgl. auch Portschy 2020, 2021), setzt aber eigene Akzente, indem er davon ausgeht, dass sich modernes Regieren auf eine „unendliche Zeit“ ausrichtet: Denn gerade weil moderne Gesellschaften eine offene Zukunft voraussetzen, müsse von nun an immer regiert werden. Die Notwendigkeit des Regierens wird daher – unter eigenwilligem Rekurs auf Lorey (2020) – als an eine „infinite Gegenwart“ gebundene Daueraufgabe rekonstruiert. Abgerundet wird das Kapitel durch eine empirische Auseinandersetzung mit dem „Diskurs der Nachhaltigkeit im Anthropozän“.

Abschnitt III hebt die zuvor eher sozialtheoretisch ausgerichteten Ausführungen, deren Anwendbarkeit auf die Welt des Politischen demonstriert wurde, auf das Reflexionsniveau der Politischen Philosophie der Gegenwart.

Kapitel 8 stellt „Zeit (und Raum) des Politischen“ ins Zentrum, die zunächst ausgehend von den Theorien von Jacques Rancière und Hannah Arendt entfaltet werden. Dem Autor zufolge vertreten beide einen exzeptionalistischen Ereignisbegriff, wohingegen er die Ereignishaftigkeit von Kontinuität wie auch von Wandel hervorheben möchte: Politische Ereignisse sind keineswegs selten, sondern „allgegenwärtig, da sie sowohl für die Produktion von Neuem als auch von Bekanntem verantwortlich sind“ (Barbehön 2023: 306). Kapitel 8 schließt mit einer Reflexion auf den Zeit-Raum des urbanen Politischen, wo es Barbehön gelingt, seine Expertise aus dem Bereich der Stadtforschung mit dem Zeitthema zu verbinden.

Das letzte Kapitel aus Abschnitt III widmet sich der Beziehung von Zeit und Demokratie, indem es sich an zeitgenössischen Beschleunigungstheorien abarbeitet und die Frage nach den temporalspezifischen Voraussetzungen moderner Demokratien stellt. Was Barbehön am Beschleunigungsdiskurs kritisiert, ist seine Einbettung in einen Diskurs der spätmodernen Krisenerfahrung sowie seine Verhandlung von Zeit auf der Basis eines newtonschen Begriffs, verstanden als objektivierbare Größe bzw. knappe Ressource, so dass hiernach eine vermeintliche Diskrepanz zwischen dem institutionellen Zeitbedarf demokratischen Entscheidens und immer knapper werdenden Zeitressourcen diagnostiziert werden kann. Diesem Vorgehen stellt der Autor einen kulturtheoretischen Begriff von Beschleunigung als Wahrnehmungsform gegenüber, welche in ihrem Kern „die zeitliche Distanz einer Differenzerfahrung“ (Barbehön 2023: 334) von Gegenwart und Vergangenheit und damit die Entstehung von Neuem voraussetzt. Die Zeitstrukturen demokratischer Gesellschaften seien nicht erst in der Spätmoderne „aus den Fugen“ geraten, sondern Probleme der Beschleunigung erwiesen sich für sie als konstitutiv, weil sie aus dem Horizont einer offenen Zukunft und aus der politischen Verarbeitung von Ungewissheit resultierten. Temporale Semantiken wie beispielsweise jene der Planung, der Prävention, der Vorsorge bzw. der Resilienz und des Experiments erscheinen hiernach als spezifische Bearbeitungsformen zukünftiger Ungewissheit und damit gleichsam als Modi der demokratischen Verarbeitung moderner Beschleunigungserfahrungen. Diese könnten nicht länger als Sachzwang, sondern müssetn als sinnhafte Weise, mit der unhintergehbaren Zukunftsoffenheit moderner Gesellschaften umzugehen, begriffen werden. Vor allem in der Semantik des Experiments erkennt Barbehön das Potential, sich auf das „Abenteuer der Demokratie“ (Flügel-Martinsen 2015) auf eine Art und Weise einzulassen, welche die Zukunft offenhalte, indem sie sich durch einen „kreativen Umgang mit dem Unbekannten“ und durch einen spielerisch-unvoreingenommenen Haltung gegenüber dem Neuen auszeichne (Barbehön 2023: 351).

In Summe legt Barbehön mit seiner Habilitationsschrift einen umfassenden kulturwissenschaftlichen Zugang vor, der in vielerlei Hinsicht zu überzeugen weiß und Maßstäbe setzt, an denen sich zukünftige Studien orientieren werden. Dennoch möchte ich auf zwei problematische Punkte eingehen: Erstens hätte die Arbeit davon profitiert, den aktuellen Forschungsstand politikwissenschaftlicher Zeitdebatten detaillierter herauszuarbeiten. Hiernach wäre die Möglichkeit entstanden, den innovativen Kern des vorliegenden Ansatzes besser nachzuvollziehen, denn viele der wichtigsten Studien zum Thema Politik und Zeit werden vom Autor zwar dem Namen nach zitiert, bleiben in ihrer zeittheoretischen Tiefe jedoch ungewürdigt. Zweitens ließe sich auf die nicht ausreichend reflektierte normative Dimension von Begriffs- und Theoriebildung eingehen. So möchte der Autor etwa die zeittheoretische Erläuterung seines Ereignisbegriffs von normativen Fragen trennen. Inwieweit jeder Zeit- bzw. Ereignisbegriff konstitutiv mit sozialen Werten und Normen verflochten ist, kann für einen kultur- und sozialwissenschaftlichen Ansatz jedoch nicht von sekundärer Relevanz sein (vgl. Freeman 2010). Auch entsteht hierdurch die Gefahr, die notwendigerweise in die Analyse mithineinspielenden eigenen normativen Vorannahmen tendenziell zu naturalisieren. Dazu passt auch, dass die eurozentrischen Prämissen jener Ansätze (Koselleck und Luhmann), welche die zeittheoretische Basis seiner Theorie der Moderne bilden, nicht in Frage gestellt werden (vgl. Landwehr 2012, Portschy 2024).

Diese Einwände sollen die Leistung der vorliegenden Studie keineswegs schmälern. Tatsächlich lassen sich die umfassenden, gut recherchierten wie auch wohldurchdachten Ausführungen von Barbehön im Rahmen dieser kurzen Rezension nicht ausreichend würdigen. Es handelt sich um ein von einem luziden Stil geprägtes Mosaik aus spannenden Reflexionen, Analysen und Veranschaulichungen, die es den Leser*innen ermöglichen, ausgewählte Aspekte der enormen Spannweite der ko-konstitiven Beziehung von Politik und Zeit nachzuvollziehen. In diesem Sinne kann diese Studie auch als erfolgreiche Übertragung und Erweiterung einer bereits im angloamerikanischen Raum vollzogenen temporaltheoretischen Wende in der Politikwissenschaft gelesen werden (vgl. Hutchings 2008, Hom 2018, Lazar 2019), die nun glücklicherweise auch im deutschen Sprachraum Einzug hält.


Literatur

  • Adam, Barbara (1990): Time and Social Theory. Cambridge: Polity Press.
  • Assmann, Alaida (2013): Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne. München: Carl Hanser.
  • Flügel-Martinsen, Oliver (2015): Das Abenteuer Demokratie. Ungewissheit als demokratietheoretische Herausforderung. In: Martinsen, Renate (Hrsg.): Ordnungsbildung und Entgrenzung. Demokratie im Wandel. Wiesbaden: Springer VS, 105-119.
  • Foucault, Michel (1974): Die Ordnung der Dinge. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Gottweis, Herbert (1988): Die Welt der Gesetzgebung. Rechtsalltag in Österreich. Wien/Graz [u.a.]: Böhlau.
  • Hartog, François (2015): Regimes of Historicity. Presentism and Experiences of Time. New York: Columbia University Press.
  • Hom, Andres R. (2020): International Relations and the Problem of Time. Oxford University Press.
  • Hutchings, Kimberly (2008): Time and World Politics. Thinking the present. Manchester: Manchester University Press.
  • Koselleck, Reinhart (1992): Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Landwehr, Achim (2012): Von der ‚Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen‘, Historische Zeitschrift 295 (1), 1-34.
  • Lazar, Nomi Claire (2019): Out of Joint. Power, Crisis, and the Rhetoric of Time. New Haven, London: Yale University Press.
  • Lorey, Isabell (2020): Demokratie im Präsens. Eine Theorie der politischen Gegenwart. Berlin: Suhrkamp.
  • Marchart, Oliver (2010): Die politische Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben. Berlin: Suhrkamp.
  • Reckwitz, Andreas (2016): Zukunftspraktiken – Die Zeitlichkeit des Sozialen und die Krise der modernen Rationalisierung der Zukunft. In: Becker, Frank/Scheller, Benjamin/Schneider, Ute (Hrsg.): Die Ungewissheit des Zukünftigen. Kontingenz in der Geschichte. Frankfurt am Main, New York: Campus, 31-54.
  • Rosa, Hartmut (2008): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Rothe, Delf (2020): Governing the End Times? Planet Politics and the Secular Eschatology of the Anthropocene. Millenium: Journal of International Studies 48 (2), 143-164.
  • Schwietring, Thomas (2015): Gesellschaft geschieht. Zeit und Geschichtlichkeit als begründende Kategorien des Sozialen. In: Schützeichel, Rainer/Jordan, Stefan (Hrsg.): Prozesse, Formen, Dynamiken, Erklärungen. Wiesbaden: Springer VS, 149-167.
  • Straßheim, Holger (2016): Knowing the Future: Theories of Time in Policy Analysis. European Policy Analysis 2 (1), 150-167.
  • Portschy, Jürgen (2015): „Politik und Zeit im Kontext der Argumentative Turn“, in: Straßheim, Holger/Ulbricht, Tom (Hg.) (2015): Zeit der Politik. Demokratisches Regieren in einer beschleunigten Welt. Nomos Verlagsgesellschaft. Baden-Baden: Nomos. S. 89-113.
  • Portschy, Jürgen (2019): „Biopolitik der Zeit“, in: Gerhards, Helene; Braun, Kathrin: Biopolitiken - Regierungen des Lebens heute. Wiesbaden Germany: Springer VS.
  • Portschy, Jürgen (2020): Times of Power, Knowledge and Critique in the Work of Foucault, Time & Society 29 (2): 392–419.
  • Portschy, Jürgen (2024): Politische Temporalitäten. Frankfurt am Main: Campus. (im Erscheinen).

 

DOI: https://doi.org/10.36206/REZ24.6
CC-BY-NC-SA
Neueste Beiträge aus
Demokratie und Frieden

Weiterführende Links

Marlon Barbehön, Brigitte Bargetz/Nina Elena Eggers/Sara Minelli, Vanessa Ossino, David Bockelt, Jürgen Portschy / 05.12.2023

Blogdebatte: Zeit

Theorieblog

 

Mehr zum Themenfeld Das Versprechen der liberalen Verfassungsstaaten