Skip to main content
/ 22.06.2013
Ronald Grätz / Hans-Joachim Neubauer (Hrsg.)

Jacques Delors. Mein Leben für Europa. Gespräche. Carl De Keyzer. Europa. Fotografien

Göttingen: Steidl 2013; 151 S.; Ln., 24,- €; ISBN 978-3-86930-476-2
„Ich [bin] zwar Pessimist aus Vernunft, jedoch auch ein Optimist, wenn es darum geht zu handeln“ (63), so der ehemalige Kommissionspräsident Jacques Delors im Gespräch mit Claire‑Lise Buis mit Blick auf die Krise in der Europäischen Union. Insgesamt finden sich im ersten Teil dieses Buches vier Interviews mit Delors, die unabhängig voneinander entwickelt geführt wurden, sodass sich zwar einige Passagen und Aussagen doppeln, insgesamt aber eine umfassende Darstellung der Person entsteht. Delors lässt nicht nur tiefe Einblicke in sein Leben und seine Vorstellungen von der Gestalt der Europäischen Union zu, sondern auch den Willen erkennen, trotz der EU‑Krise den europäischen Integrationsprozess weiterzuentwickeln. Delors präsentiert sich als erfahrener Politiker, der immer wieder auf die deutsch‑französische Freundschaft verweist – nicht ohne die aktuelle Politik diplomatisch zu rüffeln. Vergleichsweise unkritisch agieren die Interviewer_innen; Delors wird an vielen Stellen gelobt, so heißt es schon in der Einleitung: „Jacques Delors hat das politische Europa der Gegenwart geprägt wie kein anderer“ (7) und „ihn zu ehren, heißt Europa zu dienen“ (16). Der zweite Teil des Buches besteht aus einem Fotoessay des belgischen Fotografen Carl De Keyzer, der mit großformatigen Bildern versucht, die Realität moderner Massengesellschaften zu erkunden. Anlässlich des 500. Geburtstags von Karl V. ist er auf dessen Spuren quer durch Europa gereist. Aus diesen Bildern ist ein eindrückliches Werk entstanden, dem allerdings das Manko anheftet, vor allem Westeuropa abzubilden und große Teile Nord‑, Süd‑ und Osteuropas außen vor zu lassen. Dass der Name des Fotografen auf Niederländisch Karl der Kaiser bedeutet, ist dabei eine kuriose Randanekdote. Aufmerksamen Lesern wird nicht entgehen, dass das Werk religiös geprägt ist: De Keyzer lichtet fast ausschließlich christliche Prozessionen und Gebäude ab und Delors bemängelt an vielen Stellen das Nachlassen der religiösen Praxis sowie die schwindende Bedeutung der christlichen Konfessionen. Insgesamt entsteht das Bild eines Staatsmannes, dem es gelingt, ein gewisses Pathos zu vermitteln.
Vincent Wolff (VW)
Student der Politikwissenschaft, Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie, Universität Bonn.
Rubrizierung: 3.13.43.5 Empfohlene Zitierweise: Vincent Wolff, Rezension zu: Ronald Grätz / Hans-Joachim Neubauer (Hrsg.): Jacques Delors. Mein Leben für Europa. Gespräche. Göttingen: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35081-jacques-delors-mein-leben-fuer-europa-gespraeche_42222, veröffentlicht am 23.05.2013. Buch-Nr.: 42222 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA