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/ 21.06.2013
Jörg Roesler

Die Wiederaufbaulüge der Bundesrepublik. Oder: Wie sich die Neoliberalen ihre "Argumente" produzieren

Berlin: Karl Dietz Verlag 2008 (Rosa-Luxemburg-Stiftung: Texte 43); 111 S.; brosch., 9,90 €; ISBN 978-3-320-02137-5
Im Kontext der Debatte um die Ausgestaltung einer „Neuen Sozialen Marktwirtschaft“ erzählt der Wirtschaftshistoriker Roesler die Geschichte des Wirtschaftswunders einmal anders. Er will die liberale Erzählung verdrängen, der zufolge Ludwig Erhard mit einem rein liberalen Wirtschaftssystem den Aufschwung des Wirtschaftslebens erzeugt habe. Zwischen 1948 und 1953 setzte sich oft gegen Erhards Willen eine Ordnungspolitik durch, die sozialstaatliche und ausgleichende Wirkungen zeitigte. Gerade in dieser Mischung der Einflüsse und der Auseinandersetzung zwischen Regierung und Bevölkerung im „heißen Herbst 1948“ (7) erwies sich, dass sich Wirtschaftsaufschwung und Sozialstaat nicht nur miteinander vertragen, sondern sich sogar positiv verstärken. Zudem enthüllt diese Pointierung, lässt man sie gelten, im Gegensatz zu gängigen historischen Darstellungen der Geschehnisse dieser Periode einen überraschenden blinden Fleck. Für den Autor ist dies eine Konsequenz der zu großen Gutgläubigkeit gegenüber Erhards Memoiren. Denn für Roesler war der Wirtschaftsaufschwung nicht Folge nennenswerter wirtschaftspolitischer Maßnahmen, sondern er lag vor allem in der „Wahrnehmung von Möglichkeiten […] durch eine fähige, leistungswillige Arbeiterschaft“ begründet, „die den weiterhin über die Produktionsmittel Verfügenden […] einen von ihnen als lebensnotwendig angesehenen Anteil am wirtschaftlichen Gesamtprodukt abgetrotzt hatten“ (92). Mit dieser Darstellung der Wirtschaftspolitik als „Dialog“ (96), die nicht einfach zentralistisch von oben verordnet wird, knüpft der Autor auch an die Gegenwart an und erläutert: Es „sollte eine dritte bedeutsame Erkenntnis nicht vergessen werden: Dass es sich für alle Beteiligten lohnen kann, wenn die verletzten Gefühle der nach sozialer Gerechtigkeit verlangenden Bevölkerung von den Regierenden nicht einfach ignoriert werden“ (97).
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.32.3132.342 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Jörg Roesler: Die Wiederaufbaulüge der Bundesrepublik. Berlin: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29092-die-wiederaufbauluege-der-bundesrepublik_34366, veröffentlicht am 21.10.2008. Buch-Nr.: 34366 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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