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/ 21.06.2013
Ian Buruma

Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh. Aus dem Englischen von Wiebke Meier

München/Wien: Carl Hanser Verlag 2006; 254 S.; geb., 19,90 €; ISBN 978-3-446-20836-0
Im November 2004 wurde der Regisseur Theo van Gogh von einem jungen Niederländer marokkanischer Herkunft ermordet. Der britisch-holländische Publizist Buruma bereiste daraufhin das Land und sprach auf seiner Suche nach den Gründen für diese Tat mit vielen am politisch-kulturellen Leben Beteiligten. In die Schilderungen dieser Gespräche und seiner Beobachtungen verwebt er die Geschichte der Einwanderer in die Niederlande, außerdem verweist er auf die Belastungen der politischen Kultur durch eine ungenügende Vergangenheitsbewältigung und stellt die Besonderheiten der politischen Landschaft dar, vor allem festgemacht am ebenfalls ermordeten Politiker Pim Fortuyn. Buruma kommt zu dem Ergebnis, dass beide Mörder – ein Sohn von Einwanderern und ein überzeugter Tierschützer – idealistische Narzissten waren, die durch ihre Taten ihr Selbst aufwerten wollten. Der Mord an Theo van Gogh wird damit einer rein religiösen Erklärung entzogen (obwohl der Täter ausdrücklich auf den islamkritischen Film „Submission“ von Hirsi Ali und van Gogh Bezug nahm). Buruma hebt als eigentliche Gründe die fehlgeschlagene Integration der Einwanderer und ihrer Kinder hervor, denen Chancen oft nur vorgegaukelt, die auf der Suche nach einem Arbeitsplatz aber doch abgewiesen werden – geboten wird also nur ein hohler Multikulturalismus. Die Zurückweisung durch die Gesellschaft geht einher mit Erfahrungen in einem autoritären Elternhaus, in dem an Traditionen der Heimatdörfer festgehalten wird. Die holländische Gesellschaft sei nach dem Mord an van Gogh in eine post-multikulturelle Verunsicherung geraten, schreibt Buruma und zitiert ehemals linke Politiker, die heute der Ansicht sind, dass das gesellschaftliche Leben darauf beruht, „dass man sozusagen auf derselben Wellenlänge liege“ (122). Buruma schließt seine hervorragende Reportage über die verschiedenen Reaktionen auf den Mord an van Gogh mit der Vermutung, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist: Es könne wieder passieren, „solange junge Männer und Frauen das Gefühl haben, dass der Tod für sie der einzige Weg nach Hause ist“ (242).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.612.22.222.232.25 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Ian Buruma: Die Grenzen der Toleranz. München/Wien: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27459-die-grenzen-der-toleranz_32174, veröffentlicht am 16.08.2007. Buch-Nr.: 32174 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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