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/ 05.06.2013
Jeffrey Herf

Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland. Aus dem Amerikanischen von Klaus-Dieter Schmidt

Frankfurt a. M.: Propyläen Verlag 1997; 558 S.; geb., 68,- DM; ISBN 3-549-05698-2
Der Autor setzt sich für seine Studie zum Ziel, die Entstehung der politischen Erinnerung an Nationalsozialismus und Holocaust im geteilten Deutschland zu rekonstruieren. Dafür greift er vor den Zusammenbruch des NS-Staates und die Befreiung der überlebenden KZ-Häftlinge zurück, da ihm aufgrund der Kontinuität der politischen Eliten in West- und Ostdeutschland zwischen 1930 und 1945 deren Prägung durch Erfahrungen und Diskurse aus dieser Zeit maßgeblich scheint. Für eine historische Untersuchung überraschend, bildet bereits die Formulierung der Leitfragen zum Teil Urteile ab, die angesichts der allgemeinen Problemstellung vom Ergebnis der Studie zu erwarten wären, so z. B. "warum entwickelten sich in Westdeutschland ein öffentliches Gedenken an den Holocaust und Verständnis für die Nöte der jüdischen Überlebenden, während entsprechende Regungen und ihre Protagonisten im 'antifaschistischen' Osten [...] unterdrückt wurden?" (11). Weiterhin auffällig ist, daß die Untergliederung der Untersuchung im Falle Ostdeutschlands erheblich differenzierter ausfällt. Für den Zeitraum 1928 bis 1956 werden hier vier Phasen der Entwicklung einer "kommunistisch geprägten" Anschauung der "jüdischen Frage" (10) unterschieden. Dem steht im Falle der Politiker der "liberalen Demokratie" (13) im Westen ein einziges Kapitel gegenüber, das auf den Zeitraum 1945 bis 1949 beschränkt ist. Aus der bereits einleitend geäußerten Überzeugung des Autors, wonach in "den prägenden Jahren der antifaschistischen Emigration, [...] der Besatzungszeit und der Frühphase der beiden deutschen Staaten bis in die fünfziger Jahre [...] sich die Bruchlinien der geteilten Erinnerung heraus(gebildet)" hätten (10), resultiert außerdem, daß die Entwicklung und Debatten seit den 1960er Jahren im Vergleich beider deutscher Staaten und darüber hinaus nach 1990 im abschließenden 8. Kapitel nur mehr kursorisch behandelt werden.
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.3132.3122.352.311 Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Jeffrey Herf: Zweierlei Erinnerung. Frankfurt a. M.: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6777-zweierlei-erinnerung_9117, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 9117 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA