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/ 06.06.2013
Hans-Christoph Seidel / Klaus Tenfelde (Hrsg.)

Zwangsarbeit im Europa des 20. Jahrhunderts. Bewältigung und vergleichende Aspekte

Essen: Klartext 2007 (Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen. Schriftenreihe C: Arbeitseinsatz und Zwangsarbeit im Bergbau 5); 253 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-89861-588-4
In diesen Einzelstudien wird der Zwangsarbeitereinsatz im Steinkohlebergbau untersucht. Der Band geht auf eine Konferenz zurück, die von der RAG Aktiengesellschaft und der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets initiiert wurde. Im ersten Teil stehen Fragen der kollektiven Erinnerung und Bewältigung von Zwangsarbeit im Mittelpunkt, ausgehend von der Feststellung, dass „Zwangsarbeit eine zentrale Dimension der Arbeitserfahrung in zahlreichen Gesellschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war“ (11). Der Osnabrücker Migrationsforscher Oltmer stellt präzisierend fest, dass die Zwangsarbeit meist mit erzwungener Migration einherging und das in den beiden Weltkriegen Deutschland „der Motor und das Zentrum der europäischen Zwangsmigrationen“ (152) war. Hervorzuheben ist ferner der Beitrag des Historikers Lutz Niethammer, der die Bundesregierung in Fragen der Entschädigung von Zwangsarbeitern beriet. Er fragt, ob ähnlich wie in der Schweiz und in Österreich eine unabhängige wissenschaftliche Expertenkommission zur Wahrheitsfindung hätte einberufen sollen. Er kommt aber zu dem Ergebnis, dass sich in der Bundesrepublik „eine einzigartige selbstkritische Zeitgeschichts- und Gedenkkultur“ (34) herausgebildet hat, wenn auch mit anfänglicher internationaler Nachhilfe. So seien in den achtziger Jahren bahnbrechende Forschungen geleistet worden, das Fehlen einer Wahrheitskommission also in freier Initiative kompensiert worden. Zu den Themen der weiteren Beiträge gehört u. a. die von Vorurteilen beladene Wahrnehmung der jüdischen Displaced Persons durch die deutsche Bevölkerung nach 1945, die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Zwangsarbeiterentschädigung u. a. aus Sicht der deutschen Wirtschaft und der USA sowie eine vergleichende Betrachtung der Lebensbedingungen und der Arbeitseinsätze von Kriegsgefangenen im Dritten Reich und in der Sowjetunion, in der gravierende Unterschiede zumindest in den verfolgten Intentionen festgestellt werden.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.252.352.3122.3132.612.622.68 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Hans-Christoph Seidel / Klaus Tenfelde (Hrsg.): Zwangsarbeit im Europa des 20. Jahrhunderts. Essen: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9011-zwangsarbeit-im-europa-des-20-jahrhunderts_31404, veröffentlicht am 16.08.2007. Buch-Nr.: 31404 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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