/ 04.06.2013
Milos Vec
Zeremonialwissenschaft im Fürstenstaat. Studien zur juristischen und politischen Theorie absolutistischer Herrschaftsrepräsentation
Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann 1998 (IUS COMMUNE, Sonderhefte 106); X, 549 S.; Ln., 178,- DM; ISBN 3-465-02940-2Rechtswiss. Diss. Frankfurt a. M.; Erstgutachter: M. Stolleis. - Vielen Lesern dieses schön ausgestatteten Bandes wird der Autor erst einmal erläutern müssen, was Zeremonialwissenschaft eigentlich ist: Sie ist "eine zweckrationale Lehre für Regenten und die übrigen Mitglieder der Hofgesellschaft und insofern Teil der Politic. In staats- und völkerrechtlicher Hinsicht geht es darum, die Majestas des Fürsten durch sein Hof-, Staats- und Kanzleizeremoniell zu manifestieren. Die Zeremonialwissenschaft ist eine Lehre vom Ansehen des Fürsten bei anderen Regenten, Gesandten, Hofstaat, Bediensteten und Untertanen. Hierzu gibt sie als Klugheitslehre Anweisungen über den richtigen Einsatz des Decorum als Inbegriff sämtlicher äußerlicher Handlungen, die grundsätzlich weder dem Recht noch der Moral unterworfen sind." (402) Ihre große Zeit hatte die Zeremonialwissenschaft im 18. Jahrhundert, gegen dessen Ende sie mehr und mehr vor der zunehmenden Herrschaft von Vertragstheorien und nüchterner Kameralwissenschaft verblaßte. Das 19. Jahrhundert hatte, wie Vec zeigt, nur noch Spott für die alten Kompendien übrig, und bis heute ist sie weitestgehend unbeachtet geblieben. Der Autor demonstriert, daß dies eine Verkürzung im Verständnis des hochbarocken Fürstenstaates nach sich zieht, die an den Kern seines Selbstverständnisses und seiner Selbstpräsentation nach innen wie außen rührt. Insofern ist die Frage etwa des Vorrangs von Gesandten keine unsinnige Standesfrage, sondern ein für die politische Theorie der Zeit wichtiges Problem. Vec hat es vermocht, das Verständnis für dieses Problem für die heutige Wissenschaft wieder auferstehen zu lassen.
Aus dem Inhalt: I. Die Autoren und ihre Werke, Begriffe und Methoden; II. Konstitutive Elemente der Zeremonialwissenschaft: 1. Legitimation des Ceremoniel; 2. Zeremonialwissenschaft als Teil des höfischen Wissenschaftsideals; 3. Das Geheimnis des öffentlichen Ceremoniel; 4. Gottesgnadentum und Souveränitätslehre. III. Aufstieg und Niedergang der Zeremonialwissenschaft als Gattung: 1. Beginn: Standortsuche der Autoren; 2. Zeremonialwissenschaft im Fürsten=Staat?; 3. Zeremoniallehre als Anwendungsfall der Staatsräson: die klassischen Axiome der Politica Christiana und des Protestantischen Neuaristotelismus; 4. Kontinuität und Bruch der Zeremonialwissenschaft; 5. Aufklärung über Zeremonien: Gattungsverlust der Zeremonialwissenschaft; 6. Epilog: Das Ceremoniel nach dem Ende der Zeremonialwissenschaft.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.32
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Milos Vec: Zeremonialwissenschaft im Fürstenstaat. Frankfurt a. M.: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4053-zeremonialwissenschaft-im-fuerstenstaat_5747, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 5747
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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