/ 20.06.2013
Mechtild Gilzmer (Hrsg.)
Widerstand und Kollaboration in Europa
Münster: Lit 2004 (Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 2); 141 S.; brosch., 19,90 €; ISBN 3-8258-6602-5Diesem Band liegt die Intention zugrunde, die Geschichte des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus gegenwartsbezogen zu rezipieren und zur Herausbildung eines gemeinsamen europäischen Geschichtsbewusstseins beizutragen. Allerdings unterschied sich der nationalsozialistische Terror im besetzten Polen erheblich von dem im besetzten westlichen Europa. Dies wird auch in den länderbezogenen Beiträgen dargestellt, die auf eine Tagung der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 e. V. vom Juni 2002 zurückgehen. Damit stellt sich die Frage, ob dieser gesamteuropäische Ansatz tatsächlich angemessen ist oder nicht zum Beispiel aus polnischer Sicht eine Nivellierung der Erinnerung intendiert. Die Herausgeberin aber kritisiert in ihrer Einleitung, dass die jeweiligen Staaten die Vergangenheit und Geschichtsschreibung „als Instrument für ihre nationalen Interessen“ (5) und nicht zur Beschäftigung mit den Ursachen von Gewaltherrschaft, Terror und Besatzung nutzten – es mutet etwas seltsam an, dass diese Aufforderung undifferenziert an die Opfer ergeht. Befremdliche Nuancen finden sich auch in dem Beitrag von Klemens von Klemperer, der sich mit den Übergängen von Widerstand und Kollaboration beschäftigt. Er zeigt, dass durch die Besatzung „absurde“ Zustände entstanden seien, die mitunter eine Kollaboration notwendig machten. Er meint daher, es sei wenig sinnvoll, alle Kollaboration zu dämonisieren. Insgesamt ist der Beitrag fragwürdig, scheint sich der Autor doch einer sinnentleerten Objektivität verschrieben zu haben – „Widerstand ist an sich weder gut noch schlecht, weder nötig noch unnötig, weder wünschenswert noch zu verurteilen“ (16). Diese Art der Geschichtsbetrachtung reicht bis zur Verharmlosung, wenn er für die besetzten Kanalinseln eine Art Ferienstimmung diagnostiziert. Die drei von dort deportierten Jüdinnen, die in Auschwitz ermordet wurden, haben dies sicher anders erlebt.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.1 | 2.23 | 2.61 | 2.25 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Mechtild Gilzmer (Hrsg.): Widerstand und Kollaboration in Europa Münster: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22290-widerstand-und-kollaboration-in-europa_25426, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 25426
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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