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/ 11.06.2013
Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (Hrsg.)

Was bleibt von der Vergangenheit? Die junge Generation im Dialog über den Holocaust. Mit einem Beitrag von Roman Herzog

Berlin: Ch. Links Verlag 1999; 288 S.; brosch., 24,80 DM; ISBN 3-86153-192-5
"Vor dem Hintergrund der Verantwortung, die der jungen Generation für die Zukunft der Geschichte zukommt" und "nach der von Walser und Bubis ausgelösten Debatte" (12 f.) geht es den Autoren dieses Bandes - Studenten und Doktoranden der verschiedensten Fachrichtungen - darum, sich in bewußter Abgrenzung von den "'Alten' dieser Republik" (11) zum Thema des Holocaust zu äußern. Ein weiterer Auslöser war wohl Roman Herzogs Rede anläßlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus vom 27. Januar 1999, in der er die junge Generation ermutigte, sich stärker in diese Diskussion einzubringen, und die dem Band leitmotivisch vorangestellt ist. Die Beiträge selbst erfüllen nicht den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, vielmehr geht es darum, "ein echtes Meinungsbild der jungen Generation" (13) zu zeichnen. Die Autoren nähern sich dem Thema jugendlich-beherzt, frei subjektiv wertend, teils unbekümmert im Umgang mit Inhalten sowie Methodik und fast ausnahmslos polemisch. Teilweise trägt der Band eher Merkmale einer politischen Kampfschrift, als daß er sich sachlich mit dem Thema auseinandersetzt. Wie die Herausgeber hervorheben, fand "[i]m Rahmen des rechtlich Zulässigen [...] keine Zensur statt", vielmehr "bekommt jedes Argument Gelegenheit, sich lächerlich zu machen - sowohl auf der Rechten als auch auf der Linken" (15). Dies führt unter anderem auch dazu, daß dem Leser selbst krasse polemische Entgleisungen nicht vorenthalten werden, etwa: "Diese verdammten Arschlöcher [vermutlich Neonazis] sollte man [...] hauen, niedermachen, mit Leib und Seele verachten, anspucken, zerfleischen, an die Wand klatschen." (98) Was man diesem Werk, deren Herausgeber beklagen, daß vorangegangene Veröffentlichungen "[v]on den Feuilletons zu Unrecht nicht sehr beachtet" (15) wurden, sicher nicht absprechen kann, ist Engagement und der Mut, ein noch immer heißes Eisen beherzt anzupacken. Darüber hinaus lobende Worte zu finden, erweist sich jedoch als sehr schwierig. Inhalt: Roman Herzog: Die Zukunft der Erinnerung (17-24). Antworten auf die Walser-Bubis-Debatte: Rupprecht Podszun: Geschlossene Gesellschaft. Bei den Diskussionen um die NS-Vergangenheit bleiben die Senioren unter sich (27-32); Matthias Naumann: Warum können wir nicht endlich schweigen? Wie ein Friedenspreisträger Täter zu Opfern umdichtete (33-41); Alexander Karschnia: Gespräch der Generationen (42-67); Thomas Cieslik: Die Moralkeule als Ruhekissen. Von den Widersprüchlichkeiten eines linken Geschichtsverständnisses (68-73); Sebastian Gaiser: Endlich erwacht dieses Land: Wir Jungen brauchen diese Diskussion (74-76). Deutschsein nach Auschwitz: Susanna Krüger: Identitätsfindung und Holocaust (79-87); Christiana Uhlenbruch: Über die Schwierigkeit, deutsch zu sein (88-94); Sue Hermenau: ... und alles steht still (95-98); Tobias Kranz: 1999 - Unterwegs (99-106); Timm Kern: Zachor! Persönliche Erfahrungen (107-118); Kathi-Gesa Klafke: "Also doch Erbsünde?" (119-125); Jennifer Bohm: Gespräch unter jungen Leuten (126-132). Menschlicher Auftrag nach der Shoah: Julian Voloj: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin ... (135-143); Katrin Steinack: Die andere Seite - warum die Beschäftigung mit der Täterperspektive notwendig ist (144-150); Christopher Gohl: Zauberlehrlinge zwischen Weimar und Buchenwald (151-170); Holger Friedrich: Wider das Vergessen (171-180); Max Maendler: Grundlagen des Geschichtsbewußtseins (181-186); Daniel Dettling: Nichts vergessen, nichts versäumen. Stationen eines jungen Deutschen (187-194); Andreas Scherbel: Auschwitz - Auftrag für die Menschenrechte (195-206). Was bleibt in der Berliner Republik von der Vergangenheit?: Fabian Cuntze: Verantwortung versus Schande. Der Holocaust - Beispiel einer (un)menschlichen Normalität (209-221); Patrick Graichen: Deutsche Vergangenheitspolitik und deutscher "Nationalstolz" (222-229); Cora Granata: Multikulturalismus aus deutsch-amerikanischer Sicht (230-237); Jörg Tremmel: Die Verantwortung der Berliner Republik (238-261).
Thomas Nitzsche (TN)
M. A., Fachreferent für Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena (ThULB).
Rubrizierung: 2.352.312 Empfohlene Zitierweise: Thomas Nitzsche, Rezension zu: Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (Hrsg.): Was bleibt von der Vergangenheit? Berlin: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10078-was-bleibt-von-der-vergangenheit_11920, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 11920 Rezension drucken
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