/ 05.06.2013
Ralf Krumpholz
Wahrnehmung und Politik. Die Bedeutung des Ordnungsdenkens für das politische Handeln am Beispiel der deutschen Revolution von 1918-1920
Münster: Lit 1998 (Studien zur Politikwissenschaft 90); 509 S.; 69,90 DM; ISBN 3-8258-4057-3Politikwiss. Diss. Münster; Erstgutachter: K. Hahn. - Der Ausgangspunkt der Arbeit wird bereits im ersten Absatz genannt, nämlich "die Tatsache, daß die führenden Mehrheitssozialdemokraten [...] durch ihre Politik bewirken, daß es den reaktionären Kräften gelingt, ihre schon verloren geglaubte Machtposition zu behalten bzw. wiederzuerlangen" (1). Dieser fehlerhafte Verlauf der Revolution ist die Prämisse, an die sich die Suche nach einer Erklärung anschließt. Zunächst betrachtet der Autor die Handlungsalternativen in der Revolutionszeit. Kritisch setzt er sich mit seinen Vorläufern auseinander, wenn er etwa Erdmanns Behandlung der Revolution als "schlicht unwissenschaftlich" (39) entlarvt. In einem zweiten Schritt analysiert er die Ordnungsvorstellungen von Ebert, Scheidemann, Noske, Severing und Müller, in deren starrem, hierarchisch orientierten Ordnungsdenken die Furcht vor dem Chaos der Revolution die zentrale Rolle gespielt habe. Der dritte Schritt will belegen, daß ein solches Ordnungsdenken zu einer verkürzten Wahrnehmung der Realität führen muß, daß mithin die Handlungsalternativen von den führenden MSPD-Politikern gar nicht als solche erkannt wurden. Es stelle sich also "die Frage, wieso die MSPD-Spitzen nicht über eine differenziertere Art des Wahrnehmens verfügen. Von Bedeutung könnte dabei sein, daß sie ihre eigenen Wahrnehmungsfähigkeiten nicht durch eine intensive Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunst weiterentwickeln." (4) Dies hätte etwa durch die Auseinandersetzung mit der Musik Schönbergs (463 ff.) geschehen können, die gleichfalls die hergebrachten Ordnungsvorstellungen verletzte: "Da Schönberg nicht nur in Wien, sondern auch immer wieder für längere Zeit in Berlin gewirkt hat, hätten ohne Zweifel auch die MSPD-Führer auf die Entwicklungen in der Musik des frühen 20. Jahrhunderts aufmerksam werden können. Offensichtlich ist dies aber nicht in einem entscheidenden Ausmaß geschehen." (472) Die Arbeit ist voller Wendungen dieser Art, die sehr grundsätzliche Behauptungen über das Verhalten der MSPD-Führung wie über die spätere wissenschaftliche Beschäftigung mit der Epoche aufstellen. Ob der Autor damit die Wissenschaft revolutioniert hat, bleibe dahingestellt.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.311 | 2.22
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Ralf Krumpholz: Wahrnehmung und Politik. Münster: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7620-wahrnehmung-und-politik_10120, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10120
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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