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/ 11.06.2013
Loukia Droulia / Hagen Fleischer (Hrsg.)

Von Lidice bis Kalavryta. Widerstand und Besatzungsterror. Studien zur Repressalienpraxis im Zweiten Weltkrieg

Berlin: Metropol 1999 (Nationalsozialistische Besatzungspolitik in Europa 1939-1945 8); 295 S.; brosch., 38,- DM; ISBN 3-932482-10-7
Ebenso wie Auschwitz zum Synonym für die Judenvernichtung geworden ist, sind die Massaker an der Zivilbevölkerung im tschechischen Lidice, im französischen Oradour, in den serbischen Städten Kraljevo und Kragujevac und im griechischen Kalavryta als Symbol des nationalsozialistischen Besatzungsterrors in die Geschichte jener Länder eingegangen. Die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Verbrechen während der deutschen Besatzung Europas zeigt jedoch eine Besonderheit: "Die von der internationalen Historiographie erarbeitete 'Europa-Karte' des faschistischen Okkupationsterrors ist extrem nordlastig: Der Balkan und insbesondere Griechenland bilden weiße oder - bestenfalls - graue Flecken und sind einer breiteren europäischen Öffentlichkeit in diesem Kontext nahezu gänzlich unbekannt." (7) Mit dem internationalen Symposium zum Thema "Widerstand und Repressalie im Zweiten Weltkrieg", das Ende 1993 in Athen anlässlich des 50. Jahrestages des Massakers von Kalavryta (13. Dezember 1943) stattfand, bei dem 25 Ortschaften niedergebrannt und 674 Männer, 22 Frauen und Kinder getötet wurden, wird diese Forschungslücke zumindestens ansatzweise geschlossen. Längst vor der kontrovers diskutierten Wehrmachtsausstellung dokumentieren die aufschlussreichen, klaren und detailvollen Aufsätze die Gräueltaten der Wehrmacht auf dem Balkan und benennen die Akteure des Terrors. "Im Krieg, in den besetzten Gebieten, potenzierte sich der faschistische Terror, und die Wehrmacht, die SS und die Polizei (einschließlich der einheimischen kollaborierenden Polizei) wie auch die übrigen Besatzungsinstitutionen waren samt und sonders Glieder der Terrormaschinerie." (32) Auch in Griechenland zeigt sich der Terror als konstitutiv für das NS-Regime. "Das Massaker in Kalavryta war kein einmaliges, tragisches Ereignis in der Geschichte der deutschen Besatzungspolitik in Griechenland. Und es war ebensowenig ein singuläres Ereignis in der Geschichte jener Division (der 117. Jägerdivision, vormals 717. Infanteriedivision), die das Massaker in Kalavryta verübte. Das Geschehen in Kalavryta ist somit kein isoliertes Verbrechen, sondern Resultat eines generellen politischen Konzeptes der Wehrmacht auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz und lässt sich also in den Gesamtkomplex nationalsozialistischer Besatzungspolitik am Balkan einordnen." (93) Inhalt: Loukia Droulia: Kalavryta 1943 - Kalavryta 1993. Zum Sinn von Gedenkveranstaltungen (9-12); Czeslaw Madajczyk: Terror und Repression des Dritten Reiches im besetzten Europa (13-29); Dietrich Eichholtz: Widerstand und Repressalien. Erscheinungsformen unter dem Ausbeutungs- und Zwangsarbeiterregime der deutschen Okkupationsmacht 1943/44 (31-50); Miroslav Karny: "Heydrichiaden". Widerstand und Terror im "Protektorat Böhmen und Mähren" (51-63); Manfred Messerschmidt: Partisanenkrieg auf dem Balkan. Ziele, Methoden, "Rechtfertigung" (65-91); Walter Manoschek: Kraljevo - Kragujevac - Kalavryta. Die Massaker der 717. Infanteriedivision bzw. 117. Jägerdivision am Balkan (93-104); Enzo Collotti: Zur italienischen Repressionspolitik auf dem Balkan (105-124); Giorgios Margaritis: Einführung in die Gewalt. Die Anfänge der bewaffneten Résistance (125-136); Konstantin Loulos: Vergeltungsmaßnahmen der Besatzungsmächte und "endogene" Repressalien in Griechenland 1941-1944 (137-150); Hagen Fleischer: Deutsche "Ordnung" in Griechenland 1941-1944 (151-223); Eberhard Rondholz: Rechtsfindung oder Täterschutz? Die deutsche Justiz und die "Bewältigung" des Besatzungsterrors in Griechenland (225-291).
Wilhelm Johann Siemers (Sie)
Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
Rubrizierung: 2.622.3122.352.61 Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Johann Siemers, Rezension zu: Loukia Droulia / Hagen Fleischer (Hrsg.): Von Lidice bis Kalavryta. Berlin: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11187-von-lidice-bis-kalavryta_13229, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 13229 Rezension drucken
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