/ 22.06.2013
Heike Amos
Vertriebenenverbände im Fadenkreuz. Aktivitäten der DDR-Staatssicherheit 1949 bis 1989
München: Oldenbourg Verlag 2011 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte; Sondernummer); 322 S.; 49,80 €; ISBN 978-3-486-70589-8Aus Sicht der SED-Führung waren die in der Bundesrepublik tätigen Vertriebenenverbände politische Feinde – wären sie mit ihren Forderungen nach Selbstbestimmung und Recht auf Heimat erfolgreich gewesen, hätte auch das Existenzrecht der DDR möglicherweise auf dem Spiel gestanden. Heike Amos legt einen Gesamtüberblick über die Aktivitäten vor, die das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) im Auftrag der SED gegenüber den Vertriebenenverbänden entwickelte. Der Schwerpunkt in dieser gründlich durchgearbeiteten chronologischen Darstellung liegt auf den 60er- und 70er-Jahren. Abgesehen von einigen wenigen frühen Störmaßnahmen bei Veranstaltungen im Westteil Berlins scheint das MfS – auch mithilfe einzelner Spione – vor allem fleißig Material gesammelt zu haben, das als Ausgangspunkt von Propagandaaktionen diente. Ein herausragendes Beispiel ist die Nennung der NS-Vergangenheit von Vertriebenenfunktionären im Braunbuch. Der Hauptvorwurf an die Vertriebenenverbände lautete, dass sie mehr oder weniger nationalsozialistisch gesinnt seien und revisionistisch die Friedensordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs infrage stellen würden. Amos konzentriert sich allerdings nicht allein auf die Stasi-Aktivitäten, sondern erläutert auch Genese, Personal und Politik der Verbände und setzt so das geheimdienstliche Vorgehen in Beziehung zum Objekt. En passant wird damit auch die Geschichte einer erfolgreichen Integration erzählt, nahmen doch die Mitgliederzahlen der Verbände im Laufe der Jahrzehnte signifikant ab. Auffällig an der Darstellung ist allerdings, dass Amos wiederholt ein uneinheitliches und in ihren Augen geradezu unehrliches Verhalten der SPD gegenüber den Vertriebenen herausstellt. Augenscheinlich hat sie wenig Sinn für die sich auf mehreren Ebenen abspielenden und teilweise gegeneinander verschobenen politischen Prozesse, die eine langsame Meinungsbildung mit sich brachten und die Ostpolitik ermöglichten. Es mutet unfair an, dass die CDU – die mit ihrer strikt betriebenen Westintegration den Vertriebenen über Lippenbekenntnisse hinaus ebenfalls keinen politischen Spielraum ließ – dagegen nicht kritisiert wird. Diese Gewichtungen wären nicht nötig gewesen. Dagegen fehlt eher ein Blick darauf, ob und inwieweit die Propaganda der SED gegen die Vertriebenenverbände sich in der westdeutschen Öffentlichkeit überhaupt verfing – oder doch so unbedeutend war, wie es das Schicksal einer Spionin vermuten lässt: Die Frau hatte aus dem Vorzimmer der Bonner BdV-Zentrale alle Informationen an das MfS weitergeben; nach der Deutschen Einheit wurde ein Ermittlungsverfahren gegen sie, so die Recherchen von Amos, eingestellt – es mangelte am öffentlichen Interesse.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 | 2.313 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Heike Amos: Vertriebenenverbände im Fadenkreuz. München: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34401-vertriebenenverbaende-im-fadenkreuz_41312, veröffentlicht am 08.12.2011.
Buch-Nr.: 41312
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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