/ 22.06.2013
Heinz-Jürgen Dahme / Norbert Wohlfahrt
Ungleich gerecht? Kritik moderner Gerechtigkeitsdiskurse und ihrer theoretischen Grundlagen
Hamburg: VSA 2012; 199 S.; 18,80 €; ISBN 978-3-89965-491-2Wie viele andere Schlüsselkonzepte der politischen Philosophie wird die Gerechtigkeit politisch kontrovers diskutiert. Aber nicht nur Politiker ringen darum, die konkrete Bedeutung des vagen Begriffs möglichst im Sinne des eigenen Parteiprogramms zu fixieren, auch Sozial- und Geisteswissenschaftler streiten darüber, wie eine gerechte Ordnung aussehen müsste und wie bzw. ob diese überhaupt philosophisch begründet werden kann. Dahme und Wohlfahrt zeigen sich diesbezüglich äußerst skeptisch. Ihr Durchgang durch ausgewählte Gerechtigkeitstheorien, darunter jene Ronald Dworkins, Amartya Sens, John Rawls‘, Wolfgang Kerstings und Axel Honneths, liest sich über weite Strecken als polemische Abrechnung. Mit einem marxistisch informierten, ideologiekritischen Ansatz konstatieren Dahme und Wohlfahrt eine Affinität zwischen den theoretisch begründeten Gerechtigkeitsnormen und den realen kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen des Status quo. Aus Sicht der beiden Autoren besteht die Funktion moderner Gerechtigkeitstheorien, ähnlich religiöser Diskurse in vergangenen Jahrhunderten, im Wesentlichen in der ideologischen Legitimierung zunehmender ökonomischer Ungleichheiten. So werfen sie nicht nur Axel Honneth im Rahmen seiner Anerkennungstheorie vor, dem Arbeitsmarkt und dem (Rechts-)Staat Funktionen und Zwecke zuzuschreiben, die er eigentlich gar nicht besitzt – zumindest nicht nach dem von Dahme und Wohlfahrt zugrundegelegten orthodox-marxistischen Weltbild. Überzeugend ist das Buch dort, wo die beiden zeigen, wie gerechtigkeitstheoretische Konzepte in politischen Debatten um Steuer-, Bildungs- und Lohngerechtigkeit aktualisiert werden und dort egalitären Forderungen den Wind aus den Segeln nehmen. Den gängigen Gerechtigkeitstheorien vorzuwerfen, das demokratische Ideal der Gleichheit zu konterkarieren, ist jedoch eine Sache. Eine andere ist, dass die konsequent materialistische Perspektive Dahmes und Wohlfahrts darauf hinausläuft, einer idealistisch-normativ fundierten Kritik von Staat und Gesellschaft per se die Legitimität abzusprechen.
Marius Hildebrand (HIL)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42
Empfohlene Zitierweise: Marius Hildebrand, Rezension zu: Heinz-Jürgen Dahme / Norbert Wohlfahrt: Ungleich gerecht? Hamburg: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34970-ungleich-gerecht_42064, veröffentlicht am 14.06.2012.
Buch-Nr.: 42064
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M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
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