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/ 21.06.2013
Sylvia Terpe

Ungerechtigkeit und Duldung. Die Deutung sozialer Ungleichheit und das Ausbleiben von Protest

Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH 2009; 211 S.; brosch., 29,- €; ISBN 978-3-86764-142-5
Diss. Universität Halle-Wittenberg 2008. – Aktuelle politische Debatten scheinen in einem hohen Maße für Gerechtigkeitsfragen sensibilisiert zu sein. Wenigstens in der Rhetorik spielen Forderungen nach Gerechtigkeit – zwischen den Generationen beispielsweise – oder Kritik an ungerechten Verteilungen von Chancen und Sicherheiten wie in der Bildungs-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik eine große Rolle. Ob und wie jedoch diese verbreitete Gerechtigkeitssemantik auf der Ebene politischen Protestes handlungsrelevant wird, ist eine offene Frage. Vor diesem Hintergrund konzentriert sich die Autorin auf die Analyse der Bedingungen der Wahrnehmung und Reaktion auf Erfahrungen von Ungerechtigkeiten. Während die soziologische Gerechtigkeitsforschung hauptsächlich empirisch gegebene Vorstellungen gerechter sozialer Ordnungen untersucht, konzentriert sich die Autorin auf die affektive und sozial-kognitive Einbettung des Erlebens von Ungerechtigkeit. Erst mit dieser Unterscheidung von Gerechtigkeitsmodellen einerseits und andererseits empfundener Ungerechtigkeit – das ist die leitende Prämisse dieser Arbeit – lassen sich Antworten auf die von Sozialgeschichtlern wie Barrington Moore nachdrücklich gestellte Frage entwerfen, warum sich die Menschen so oft damit abfinden, Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse zu sein. Sorgfältig formulierend verbindet die Autorin interaktionstheoretische und kognitionspsychologische Ansätze mit sozialphilosophischen Konzepten (Sklahr; Honneth). Zwar haben Ungleichheiten in der Moderne – so ein Ergebnis ihrer Studie – ihren selbstverständlichen Charakter verloren, zugleich aber bremsen Mechanismen der Verantwortungsdiffusion und steigende Vielfalt von Zuschreibungsmöglichkeiten oftmals die Motivation, das Erleben von Ungerechtigkeiten in ausdrücklichen Protest zu überführen.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.425.46 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Sylvia Terpe: Ungerechtigkeit und Duldung. Konstanz: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30620-ungerechtigkeit-und-duldung_36363, veröffentlicht am 02.07.2009. Buch-Nr.: 36363 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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