/ 22.06.2013
Peter Kainz
Unbegrenzte Möglichkeiten? Probleme und Aporien des Individualismus
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2012 (Politika. Passauer Studien zur Politikwissenschaft 7); 367 S.; 64,- €; ISBN 978-3-8329-6234-0Diss. Passau; Begutachtung: B. Zehnpfennig, H. Hansen, H. Oberreuter. – Angesichts des Falls der Berliner Mauer stellt der Autor (ein wenig verspätet) die Frage, was der Zusammenbruch der kollektivistischen Systeme des Ostblocks für das Selbstverständnis der liberalen Demokratien bedeutet. Dabei geht es ihm um die Definition und Legitimation der Grenzen des Individualismus. Die Prämisse des Autors lautet, dass jede Gesellschaft dem individuellen Handeln irgendwo Grenzen setzen muss, die Frage ist nur, wo und warum. In der Auseinandersetzung mit vier Denkern der frühen Neuzeit (Machiavelli, Hobbes, Locke und Rousseau) wird versucht, deren Lösungsansätze für diese Problemstellung fruchtbar zu machen. Der instruktive Vergleich macht deutlich, dass keines der vier Modelle frei von Widersprüchen ist. Daraufhin wendet sich der Autor der US-amerikanischen Verfassung zu und betrachtet insbesondere die Federalist Papers, um zu untersuchen, ob die Vermittlung von Individuum und Gesellschaft hier in der Praxis funktioniert. Die Federalist Papers, so der Autor in einer eindringlichen Analyse, schwanken in gewisser Weise zwischen einem Hobbes’schen und einem Locke’schen Menschen- und Gesellschaftsbild. Auch sie leiden also unter theoretischen Selbstwidersprüchen – das sehr am Individuum ausgerichtete US-amerikanische politische System funktioniert nicht wegen einer gelungenen institutionellen Austarierung von Individualismus und Gemeinschaftlichkeit so gut. Dessen Stabilität ist vielmehr, wie der Autor im Rückgriff auf de Tocqueville überzeugend nachweist, auf die dortige politische Kultur zurückzuführen. Da es nun schlechterdings kaum möglich erscheint, die Verfolgung von Einzelinteressen institutionell einzuhegen, rückt im letzten Teil der Arbeit der Individualismus selbst in den Blick. Dort wird die Forderung nach einem Wandel vom „meinenden“ zum „suchenden“ Individualismus vertreten. Dies verdeutlicht der Autor anhand des Streitgesprächs zwischen Sokrates und seinen sophistischen Opponenten in Platons „Gorgias“. Diese Schlusspointe ist sicher nicht nur der wissenschaftstheoretischen Ausrichtung der Erstgutachterin geschuldet, sondern vor allem auch analytisch fruchtbar. Insgesamt hinterlässt das Buch aufgrund der luziden Analyse der Vertragstheoretiker einen sehr positiven Eindruck.
Kristian Klinck (KLI)
Dr. rer. pol., Politikwissenschaftler, Lehrbeauftragter, Institut für Sozialwissenschaft, CAU Kiel.
Rubrizierung: 5.3 | 2.64 | 2.23 | 5.42 | 5.33
Empfohlene Zitierweise: Kristian Klinck, Rezension zu: Peter Kainz: Unbegrenzte Möglichkeiten? Baden-Baden: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35277-unbegrenzte-moeglichkeiten_42491, veröffentlicht am 04.10.2012.
Buch-Nr.: 42491
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Dr. rer. pol., Politikwissenschaftler, Lehrbeauftragter, Institut für Sozialwissenschaft, CAU Kiel.
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