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/ 31.10.2013
Lutz Unterseher

Tiefschläge: Dem Feind in den weichen Unterleib. Zur Kritik militärischer Bedrohung gegnerischen Hinterlandes

Berlin: Lit 2013 (Human Security 2); 140 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-643-12113-4
In bewusster Distanzierung von der „deutschen Stammtischweisheit“ (10), Angriff sei die beste Verteidigung, geht es Lutz Unterseher darum, die „[p]rekäre militärische Intervention“ (9) differenziert zu untersuchen. Anhand von zehn unterschiedlichen Fallbeispielen – „intuitiv [...] nach dem Belieben des Autors“ (119) von der Dardanellenoffensive bis hin zum Libanonkrieg ausgewählt – entwirft Unterseher eine fein gegliederte Heuristik und Analyse militärischen Offensivdenkens. Unnütz bis schädlich für den Angreifer wird ein solches, zur Selbstzweckhaftigkeit neigendes Offensivdenken etwa dann, wenn reine Vergeltungsabsicht das Handeln anleitet oder aber wenn es darum geht, überfallartig und hastig Entscheidungen in einer Kampfsituation herbeizuführen. Die Analyse, die zumeist auf historischen Rekonstruktionen und Beurteilungen der Fallbeispiele basiert, mündet insofern in eine spannende, differenzierte Bewertung gegenwärtiger militärischer Praxis, als sie auf aktuelle politische wie gesellschaftliche Grundproblematiken verweist. Zum einen ist dies die Frage der Mobilisierbarkeit großer, für Offensivaktionen geeigneter Truppenkontingente. Solche sind, so Untersehers Einschätzung, in westlichen Demokratien gegenüber dem Souverän zunehmend schwerer zu legitimieren. Zum anderen ist der Hinweis spannend, dass in der Rekrutierung starker Truppenkontingente und Teilstreitkräfte – etwa das United States Marine Corps – auf eine breite mediale Vermittlung eines Selbstbildes aufgebaut wird, das an Männlichkeit, Stärke, Dominanz und Kompetenz gekoppelt ist. Damit wäre die Wirkung promilitärischer Propaganda – etwa in einschlägigen Fernsehserien – ein Instrument, das zwar nicht das Legitimitäts‑, wohl aber das Rekrutierungsproblem der Streitkräfte zu lindern scheint. Trotz der mitunter etwas hölzernen und bemühten Sprache hat Unterseher eine interessante und hinsichtlich der gesellschaftlichen Implikationen des Militärs und seiner Verwendung anschlussfähige Studie vorgelegt.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 4.14.41 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Lutz Unterseher: Tiefschläge: Dem Feind in den weichen Unterleib. Berlin: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36344-tiefschlaege-dem-feind-in-den-weichen-unterleib_44140, veröffentlicht am 31.10.2013. Buch-Nr.: 44140 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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