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/ 22.06.2013
Alexander Gallus / Werner Müller (Hrsg.)

Sonde 1957. Ein Jahr als symbolische Zäsur für Wandlungsprozesse im geteilten Deutschland

Berlin: Duncker & Humblot 2010 (Schriftenreihe der Gesellschaft für Deutschlandforschung 98); 432 S.; 124,- €; ISBN 978-3-428-13449-6
Die Autoren nutzen Ereignisse im Jahr 1957, um Wandlungsprozesse in den beiden deutschen Staaten von den 50er- zu den 60er-Jahren zu verdeutlichen. Nach Wiederaufbau, Konstituierung und Konsolidierung begann eine Phase der Ausgestaltung – im Westen war dies der Beginn der gesellschaftlichen Demokratisierung, die zur 68er-Bewegung führen sollte, im Osten die Stärkung der diktatorischen Gewalt der SED-Führung durch scharfe Repressalien gegenüber innerparteilicher Kritik und der Aufbau des MfS. Die Herausgeber verweisen darauf, dass die Verdeutlichung der Wandlungsprozesse gerade mit diesem Jahr, das nicht sofort als Zäsur wahrgenommen wird, ganz besonders gut zu leisten ist. Viele Ereignisse können als Scharnier verstanden werden. Die absolute Mehrheit für die Regierung Adenauer war nicht nur eine klare Bestätigung der Politik der Westintegration; auf dem Zenit der Macht begann der Kanzler auch eine Neudefinition des Verhältnisses zur DDR – hauptsächlich motiviert von der Sorge, als Kanzler der deutschen Teilung in die Geschichte einzugehen, und zunächst ohne Geschick und Erfolg, so die These von Eckhart Jesse. Diese Neudefinition sollte erst später durch die SPD gelingen, deren Grundlagen seien aber bereits um 1957 in Herbert Wehners Analyse des Wahldebakels (Beitrag von Christoph Meyer) und Willy Brandts Wahl zum Regierenden Bürgermeister von Berlin (Wolfgang Schmidt) gelegt worden. In der DDR war 1957 dagegen das „Jahr der Abrechnung“ (177, Guntolf Herzberg) mit innerparteilichen Gegnern, die kurze Chance zur Entstalinisierung wurde ersetzt durch den Kampf gegen den Revisionismus und die Neuausrichtung der Staatssicherheit unter Erich Mielke (Roger Engelmann). In weiteren Beiträgen werden neue Weichenstellungen in der Wirtschafts- (Werner Bührer und Marcel Boldorf), der Sozial- (Winfried Schmähl) und der Agrarpolitik (Kyra T. Inachin) thematisiert. Helmut Schelsky (Jens Hacke), die Gruppe 47 (Dominik Geppert) und Ernst Bloch (Manfred Riedel) stehen für intellektuelle Größen und ihre Auseinandersetzungen mit Politik, Gesellschaft und Kultur in ihren jeweiligen Staaten. Abgerundet wird der Band mit persönlichen Erinnerungen von Gustav Just und Erich Loest an das Jahr 1957, beide wurden in der DDR damals selbst Opfer der Säuberungen.
Markus Lang (ML)
Dr., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.312.3132.314 Empfohlene Zitierweise: Markus Lang, Rezension zu: Alexander Gallus / Werner Müller (Hrsg.): Sonde 1957. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33557-sonde-1957_40162, veröffentlicht am 10.05.2011. Buch-Nr.: 40162 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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