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/ 04.06.2013
Katrin Reemtsma

Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart

München: C. H. Beck 1996; 199 S.; pb., 19,80 DM; ISBN 3-406-39255-5
Die Autorin - Ethnologin und für mehrere Jahre Mitarbeiterin der Gesellschaft für bedrohte Völker - behandelt zunächst die Herkunft der Roma aus Indien und die im 3. Jahrhundert beginnenden Wanderungsbewegungen. Die Beschreibung von Kultur und Sprache geschieht insbesondere mit Augenmerk auf die ambivalente Beziehung zwischen Sinti und Roma und den Tsiganologen. Bis in die Jetztzeit finden sich in der Tsiganologie Fortschreibungen des Mythos vom "unruhigen Nomaden", der im Widerstand zur Kultur der Seßhaften lebe. Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Situation von Roma und Sinti im Deutschland des 20. Jahrhunderts: von der Kaiserzeit und Weimarer Republik über die Verfolgung und Vernichtung im Dritten Reich bis zur aktuellen Asylpolitik seit der deutschen Wiedervereinigung. Die "Bekämpfung der Zigeunerplage" spitzt sich zu bis zum Völkermord durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Verbündeten während des Zweiten Weltkriegs. Deutlich herausgearbeitet wird die anschließende Verweigerung von Anerkennung und Entschädigung der überlebenden Verfolgten des Holocausts, sowie die beklemmende Kontinuität der Drangsalierung und Kriminalisierung der "Landfahrer" und "Asozialen" im Nachkriegsdeutschland. Seit den 70er Jahren entwickelt sich in mehreren europäischen Ländern eine eigenständige Bürgerrechtsbewegung der Roma und Sinti. Angesprochen werden sowohl die entstandenen Organisationen als auch die teilweise divergierenden Interessen von in Deutschland verwurzelten Sinti und asylsuchenden Roma aus Osteuropa. Die Autorin verdeutlicht, daß die nach der Öffnung der osteuropäischen Grenzen in Deutschland asylsuchenden Roma keine Wirtschaftsflüchtlinge oder gar "wanderlustig" sind, sondern vielmehr in einem historischen Teufelskreis der Zwangsnomadisierung gefangen, der von Verfolgung, Pogromen und der Verweigerung von Minderheitenrechten in etlichen europäischen Ländern perpetuiert wird. Die Analyse zeigt, daß diese Fluchtwanderungen solange anhalten müssen, wie den ca. 15 Millionen Roma die Anerkennung als europäisches Volk verweigert wird. Inhaltsübersicht: I. Von den ersten Wanderungen der Roma bis zur Gründung des Deutschen Reiches 1870/71; II. Grundzüge der Kultur und Sprache von Sinti und Roma; III. Von der Reichsgründung bis zum Ende der deutschen Teilung; IV. Die Lage der Sinti und Roma nach den politischen Wenden von 1989/90.
Stefan Lembke (SL)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.352.3122.3114.42 Empfohlene Zitierweise: Stefan Lembke, Rezension zu: Katrin Reemtsma: Sinti und Roma. München: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4063-sinti-und-roma_5759, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 5759 Rezension drucken
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