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/ 05.06.2013
Alice Schwarzer

Simone de Beauvoir. Rebellin und Wegbereiterin

Köln: Kiepenheuer & Witsch 1999; 136 S.; 16,90 DM; ISBN 3-462-2819-7
Schwarzer hat zwischen 1972 und 1982 fünf Gespräche mit de Beauvoir, der Grande Dame der Frauenbewegung und Autorin von "Das andere Geschlecht" (1949), geführt, die jetzt zusammen in einem dünnen Band erscheinen. Sie gewähren Einblicke in die Entwicklungen von de Beauvoirs Denken und geben darüber hinaus sehr persönliche Ansichten und Gefühle preis. Zur Feministin sei sie eigentlich erst geworden, weil sich die Situation der Frau "in den letzten zwanzig Jahren" (also bis 1970) nicht wirklich geändert habe. "Und als mich die Frauen von der französischen Frauenbewegung fragten, ob ich nicht mit ihnen zusammen an dem Abtreibungsmanifest, in dem wir uns selbst der Abtreibung beschuldigt haben, arbeiten wolle, da habe ich gedacht: Das ist der richtige Weg, um die Aufmerksamkeit auf diesen größten Skandal, den es heute überhaupt gibt, auf das Abtreibungsverbot, zu lenken! So hat das angefangen." (42) Während ihre Hoffnung auf die sozialistischen Bewegungen heute seltsam anachronistisch wirkt, haben andere Äußerungen de Beauvoirs, etwa zur Familienstruktur, ihre Gültigkeit nicht verloren: "Mutterschaft ist heute eine wahre Sklaverei. Väter und Gesellschaft lassen die Frauen mit der Verantwortung für die Kinder ziemlich allein. Die Frauen sind es, die aussetzen, wenn ein Kleinkind da ist. Frauen nehmen Urlaub, wenn das Kind die Masern hat [...] Und wenn Frauen trotz alledem ein Kind wollen, sollten sie es bekommen, ohne zu heiraten. Denn die Ehe, das ist die größte Falle." (91) Entsprechend fordert sie ein Ende dieses "Hausfrauen-Gettos". Die sich in den 80er Jahren vollziehende Aufwertung des "natürlich Weiblichen" lehnte sie vollkommen ab. Denn diese geschehe nur aus der Angst vor dem Feminismus, um das angekratzte Bild der "normalen" Frau wiederzufinden: "relativ, bescheiden und all das", so de Beauvoir. Simone de Beauvoir, das "Symbol der emanzipierten, intellektuellen Frau des 20. Jahrhunderts" (11), gewinnt in diesen Interviews das zurück, was uns ihr Ikonenstatus zu entreißen droht: Lebendigkeit, Lebensnähe und Aktualität.
Claudia Bruns (CB)
Dr., Historikerin.
Rubrizierung: 2.272.1 Empfohlene Zitierweise: Claudia Bruns, Rezension zu: Alice Schwarzer: Simone de Beauvoir. Köln: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8366-simone-de-beauvoir_11040, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 11040 Rezension drucken
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