/ 05.06.2013
Christoph Quarch
Sein und Seele. Platons Ideenphilosophie als Metaphysik der Lebendigkeit. Interpretationen zu PHAIDON und POLITEIA
Münster: Lit 1998 (Philosophie 33); VI, 306 S.; brosch., 49,80 DM; ISBN 3-8258-3996-6Diss. Tübingen; Gutachter: G. Figal, R. Bubner. - Der philosophische Ansatz, den Quarch mit seiner Studie verfolgt, ist mutig; allem Gerede vom "Ende der Metaphysik" zum Trotz ist es ihm um ein "Zurückgewinnen" metaphysischen Denkens zu tun, und zwar eines bestimmten metaphysischen Denkens: "Platons Metaphysik der Lebendigkeit". Daß die Neuzeit der vom Platonismus bestimmten abendländischen Metaphysik mühelos den Todesstoß versetzen konnte, hängt nach Ansicht des Autors mit einer anfänglichen Fehlentwicklung zusammen. Die platonische Philosophie wurde nur in ihrer aristotelisch verzerrten Form geschichtlich wirksam; was bei Platon Denkvollzug, Dynamik, Lebendigkeit war, gerann bei Aristoteles zur Substanz. Gegen eine solche Verdinglichung der platonischen Idee, gegen das "platonistische" Vorurteil will Quarch den ursprünglichen Platon wieder zur Geltung bringen und empfiehlt daher, die "in Platons Dialogen kondensierte Bewegung des Fragens und Denkens" (2) auch an den Dialogen selbst nachzuvollziehen.
Zur Umsetzung seines Vorhabens unternimmt der Autor drei Schritte. Im ersten Kapitel gewinnt er anhand der Interpretation von Linien- und Höhlengleichnis aus der "Politeia" die Programmatik der platonischen Philosophie. Danach bezeichnen die platonischen Frühdialoge den Bruch mit dem naiven Weltverhältnis, das ganz im Bann der Sinnlichkeit bleibt. In den mittleren Dialogen werden die Ideen als dasjenige eingeführt, was die sinnliche Welt erst verstehbar macht. Im Spätwerk schließlich eröffnete Platon den Bereich der Dialektik, der die bisher noch als different voneinander gedachten Wirklichkeitsebenen Phänomen-Idee in der Idee des Guten zusammenführt. Den Aufweis, aber auch das Verharren in der Differenz versteht Quarch als sokratisch, die Dialektik des Spätwerks als platonisch. Kapitel zwei widmet sich der Funktionsweise der Ideen im vor-dialektischen Stadium. Hier wird der Bezug von Phänomen und Idee mittels Methexis (Teilhabe), Anamnesis (Wiedererinnerung) und Mimesis (Nachahmung) gekennzeichnet. Begleitend zur Untersuchung des Funktionszusammenhangs zwischen Idee und Phänomen analysiert Quarch die wesentlichen Stationen der Deutungsgeschichte, in deren Tradition und Fortführung er sich sieht; Natorp, Heidegger, Gadamer und Wieland bezeichnen Wegmarken auf dem langen Weg von der Überwindung des verdinglichten Ideen-Verständnisses bis zur Deutung der Idee als Vollzugswissen. In Teil drei seiner Arbeit kommt der Autor schließlich auf das zu sprechen, was seiner Studie den Titel gab: die Rolle der Psyche, von Quarch als "Lebendigkeit" verstanden. Mit dem Verweis auf den "Sinn von Lebendigkeit", der "gleichbedeutend ist mit der Idee des Guten" (229) bereitet die "Politeia" die Dialektik des Spätwerks vor, in der geklärt werden wird, wie sich die Ideen aufeinander beziehen und wieso die Seele das eigentliche Wesen der Ideen ausmacht. Den Nachweis seiner Theorie im Hinblick auf das Spätwerk will Quarch in zwei Folgebänden erbringen.
So überzeugend sich Quarchs Kritik an der konventionellen Platon-Deutung auch präsentiert, es bleiben Fragen. Wie will der Autor die immer wieder behauptete Einheit von theoretischem und praktischem Wissen bei Platon plausibel machen, solange er zwischen sokratischer und platonischer Philosophie jene Kluft beläßt, die Sokrates zum Propheten eines ihm selbst unzugänglichen Wissens macht, während Platon zum Vertreter einer abstrakten Ideenspekulation wird, deren Lebensbezug schwer vermittelbar erscheint? Wen hatte Platon als Vorbild für das von ihm beschriebene philosophische Leben vor Augen, wenn nicht Sokrates, und wie konnte dieser richtig leben, ohne über die alles entscheidende Erkenntnis zu verfügen? Beziehungsweise wozu bedürfte es jener Ideen-Dialektik, wenn sich auch ohne sie auf sokratische Weise leben läßt? Vielleicht behandelt Quarch den sokratischen Frühdialog doch unter Wert, wenn er das Eigentliche im platonischen Spätwerk vermutet; vielleicht käme der Autor seinem eigenen Anliegen näher, wenn er den Dialogen nicht mit den eigenen Fragen, sondern mit denen des Sokrates begegnete.
Barbara Zehnpfennnig (BZ)
Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 5.31
Empfohlene Zitierweise: Barbara Zehnpfennnig, Rezension zu: Christoph Quarch: Sein und Seele. Münster: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7861-sein-und-seele_10431, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10431
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Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
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