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/ 22.06.2013
Katrin Toens / Ulrich Willems (Hrsg.)

Politik und Kontingenz

Wiesbaden: Springer VS 2012; 306 S.; brosch., 39,95 €; ISBN 978-3-531-18363-3
Eine Kontingenzverleugnung in der Politik – also die Verneinung, dass es auch anders sein könnte, dass Alternativen vorhanden sind – erfreut sich, wie die vielen Hinweise auf angebliche Sachzwänge zeigen, großer Beliebtheit unter politischen Akteuren. Dem 2012 verstorbenen Michael Thomas Greven, der auf diesen Zustand immer wieder kritisch hingewiesen hatte, ist der Band in Erinnerung gewidmet. Zugleich resultiert er aus einer im März 2007 in Hamburg abgehaltenen Konferenz, sie fand aus Anlass des 60. Geburtstags von Greven statt. Neben ihm gibt es nach Meinung der Herausgeber nur wenige Politikwissenschaftler, die sich dem Thema ausführlich gewidmet haben. Die Kontingenzverleugnung in der Politik wird also von einer Kontingenzvergessenheit in der Politikwissenschaft ergänzt. Diesem Mangel soll mit der Publikation abgeholfen werden, indem bestehende kontingenzsensible sozialwissenschaftliche und insbesondere politikwissenschaftliche Ansätze kritisch gewürdigt werden. Mithilfe soziologischer und geschichtswissenschaftlicher Beiträge wird das theoretische Fundament zur Thematik erschlossen und ihre Bandbreite sowie Relevanz aufgezeigt. Drei politikwissenschaftliche Felder folgen: Zunächst geht es in drei Beiträgen um die Kontingenzproblematik in Entscheidungsprozessen der Demokratie. Kari Palonen weist beispielsweise auf die Bedeutung der politischen Opposition hin, weil sie in der parlamentarischen Politik mit ihrer Gegenrede Alternativen zum Regierungshandeln vorschlägt und damit ein Kontingenzbewusstsein mit entsprechenden Handlungsspielräumen hervorruft. Im zweiten Feld wird das Thema in Zusammenhang mit den Prozessen der Europäisierung und Globalisierung entfaltet. Edgar Grande vertritt die Ansicht, dass sich die Politik aufgrund der gestiegenen Interdependenz nationaler Regierungen neu erfinden muss. Um ihre Handlungsspielräume zu erhalten, seien neue Steuerungsformen, etwa mit nichtstaatlichen Akteuren oder auf internationaler Ebene, nötig. Im abschließenden dritten Feld wird mit dem Schwerpunkt auf empirischen und normativen politischen Theorien die Komplexität in der Erörterung des Themas nochmals erhöht. Ulrich Willems verbindet die Problematik „Politik und Kontingenz“ mit der Herausforderung einer Pluralität von normativen Vorstellungen und Interessen. Unter den Bedingungen der Kontingenz und Pluralität müssen Willems zufolge die normativen Ansprüche der politischen Theorie heruntergeschraubt werden, weshalb eine „friedliche Koexistenz“ und ein „Modus Vivendi“ (280), wie sie von John Gray vertreten werden, für gegenwärtige westliche Gesellschaften vorzugswürdig seien. Es handelt sich insgesamt um durchgehend lesenswerte Beiträge, die der Komplexität der Thematik vollständig gerecht werden – und die hoffentlich der Kontingenzverleugnung wie der Kontingenzvergessenheit ein Ende bereiten.
Jan Achim Richter (JAR)
Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 1.35.25.415.422.23.1 Empfohlene Zitierweise: Jan Achim Richter, Rezension zu: Katrin Toens / Ulrich Willems (Hrsg.): Politik und Kontingenz Wiesbaden: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34596-politik-und-kontingenz_41565, veröffentlicht am 07.02.2013. Buch-Nr.: 41565 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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