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/ 04.06.2013
Avishai Margalit

Politik der Würde. Über Achtung und Verachtung. Aus dem Amerikanischen von Gunnar Schmidt und Anne Vonderstein

Berlin: Alexander Fest Verlag 1997; 332 S.; geb., 58,- DM; ISBN 3-8286-0018-2
Man kann dieses Buch in den Kontext der Debatte zwischen Liberalen und Kommunitaristen einordnen, sofern es nach ethischen Kriterien für eine moderne politische und gesellschaftliche Ordnung fragt. Ausdrücklich nimmt der israelische Philosoph Margalit Bezug auf Rawls' Gerechtigkeitstheorie, die gewissermaßen als Kontrastkonzeption zu seinen eigenen Ausführungen dient, ohne daß Margalit jedoch ein Gegenmodell zu Rawls entwickeln wollte. In dem bemerkenswerten Buch werden Begriffe wie jener der Anerkennung, der Achtung, der Ehre, des Anstands oder der Demütigung im Hinblick auf die Frage geklärt, was eine anständige Gesellschaft ausmache. Die Antwort hierauf stellt Margalit seinen Reflexionen voran: "Eine Gesellschaft ist dann anständig, wenn ihre Institutionen die Menschen nicht demütigen." (15) Was das im einzelnen bedeutet, wird in den einzelnen Kapiteln entfaltet. Das Verdienstvolle an dem Entwurf ist, daß er die Aufmerksamkeit auf Aspekte des menschlichen Zusammenlebens richtet, die in der Diskussion um die gerechte Gesellschaft meist unbeachtet bleiben: Margalit macht beispielsweise für die Tatsache sensibel, daß eine gerechte Gesellschaft unter Umständen dennoch dazu führen kann, daß Menschen gedemütigt werden, und daß dementsprechend Gerechtigkeit allein noch keineswegs hinreichend ist, um eine dem Menschen als Menschen angemessene Ordnung zu verwirklichen. Vielmehr kommt es (auch) darauf an, den anderen in seinem Anderssein und seiner Besonderheit gelten zu lassen. Da solches in unserer Zeit durchaus nicht selbstverständlich ist, kann Margalit seinen Entwurf, der ausdrücklich keine "Theorie der anständigen Gesellschaft" sein soll, als Utopie bezeichnen, "mit deren Hilfe die Realität kritisiert wird" (331). Erfreulich, daß sich Margalit jeglichen Moralisierens und jeglicher Einseitigkeit enthält. Treffend formuliert Fritz Stern diesbezüglich in seinem Vorwort: "Margalits Ton ist nüchtern und undogmatisch, sachlich und streng, auch offen gegenüber der Wahrscheinlichkeit eigener Irrtümer. Und doch spürt man jene Hingabe, die Max Weber von jedem wahren Wissenschaftler verlangte: 'Denn nichts ist für den Menschen als Menschen etwas wert, was er nicht mit Leidenschaft tun kann.' Es ist diese beherrschte Leidenschaft, die dem Buch besonderen Reiz verleiht." (9)
Michael Henkel (MH)
Priv.-Doz. DR., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.435.44 Empfohlene Zitierweise: Michael Henkel, Rezension zu: Avishai Margalit: Politik der Würde. Berlin: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4082-politik-der-wuerde_5781, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 5781 Rezension drucken
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