/ 11.06.2013
Kathrin Braun
Menschenwürde und Biomedizin. Zum philosophischen Diskurs der Bioethik
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2000 (Campus Forschung 802); 309 S.; kart., 68,- DM; ISBN 3-593-36503-0Politikwiss. Habilitationsschrift Hannover; Gutachter: J. Perels. - Braun gibt sowohl eine Überblicksdarstellung zu den Debatten und Standpunkten im Widerstreit von Biomedizin und Menschenwürde als auch eine sehr engagiert vorgetragene Kritik wesentlicher Bestandteile der Disziplin einer Bioethik. Diese wird dabei zunächst unter Zuhilfenahme des Konzepts der Biomacht von Michel Foucault eingeordnet und als gesellschaftlich wirkende Größe identifiziert. Darauf folgt eine Rekonstruktion der kantischen Idee von Menschenwürde und Menschenrechten. Wichtig ist Braun durchgängig die Betonung des Selbstbestimmungsrechts der Frau, das sich ebenso wie die Berufung auf die Menschenwürde nicht mit Formeln wie etwa der des "Schutzes menschlichen Lebens" vertrage. Gerade die feministische Theorie kann nach der Auffassung Brauns für die ethische Debatte um Biomedizin wichtige Beiträge leisten: "Ich möchte einen Weg aufzeigen, der zwischen dem Lebensdiskurs einerseits und dem utilitaristischen und/oder libertären Verfügbarmachungsdiskursen andererseits hindurchführt. Es handelt sich somit um einen theoretisch-konzeptionellen Beitrag in praktisch-politischer Absicht." (11) Auf dieser Grundlage werden dann wichtige Vertreter der Bioethik sowie deren Kritik aus verschiedenen Blickwinkeln dargestellt (u. a. Peter Singer, Robert Veatch, Robert Spaemann, Ronald Dworkin oder Jürgen Habermas). In einem zweiten Schritt untersucht Braun in diesem Kontext die beiden Instrumente eines sich herausbildenden Bioethikregimes. Dabei vertritt sie die These, dass sowohl das Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin als auch die UNESCO-Deklaration zum menschlichen Genom und zu den Menschenrechten keine Bollwerke gegen die biomedizinische Unterspülung des Menschenrechtsanspruchs sind, sondern vielmehr schon durch den bioethischen Diskurs in Kategorien argumentierten, die bereits die Räumung zentraler Verteidigungsbastionen der Menschenwürde bedeuten. Die Gewalt der potenziellen Infragestellung von Menschenrechten und Menschenwürde durch Selektion, Menschenproduktion oder Bildung menschlich-tierischer Hybride (die allesamt gegen das "Instrumentalisierungsverbot" [16] verstoßen) illustriert Braun zu Recht mit einem Vergleich zu der von Hannah Arendt am Beispiel der "Displaced Persons" analysierten Gefahr eines Verlustes des Rechts, Rechte zu haben. Ob das im Klappentext so etikettierte "Grundlagenwerk der 'Anti-Bioethik'" nun im Einzelnen jeweils überzeugt oder nicht - es macht in jedem Fall die politiktheoretischen, aber auch ganz praktischen gesellschaftlichen Implikationen des Fortschreitens biomedizinischer Möglichkeiten deutlich.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 5.42 | 4.42
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Kathrin Braun: Menschenwürde und Biomedizin. Frankfurt a. M./New York: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11945-menschenwuerde-und-biomedizin_14248, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14248
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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