/ 03.09.2015
Helmut Wohnout
Leopold Figl und das Jahr 1945. Von der Todeszelle auf den Ballhausplatz
St. Pölten: Residenz Verlag 2015; 223 S.; 21,90 €; ISBN 978-3-7017-3358-3Vom Isolationshäftling der Nazis zum ersten österreichischen Bundeskanzler und das innerhalb eines Jahres – Helmut Wohnout erinnert die Geschichte Leopold Figls an einen dramatischen Hollywood‑Film mit großem Happy End. Figl hatte nach seiner Inhaftierung als politischer Häftling ständig unter der Bedrohung gelebt, in einem Schnellverfahren des sogenannten Volksgerichtshofes verurteilt und hingerichtet zu werden. Hoffnung kam erst auf, als der deutsche Gefängnisdirektor sich angesichts des Kriegsendes absetzte und die Verantwortung seinem österreichischen Stellvertreter überließ. Dieser erklärte sich zur Freilassung der Häftlinge bereit, deren Details er mit Figl, der als Sprecher der Gefangenen fungierte, aushandelte. Erstmals war Figl bereits im März 1938 verhaftet worden, als Direktor des einflussreichen Bauernbundes. Dem traditionell katholischen Milieu entstammend, war er für die Unabhängigkeit Österreichs von Nazi‑Deutschland eingetreten. Nach der Machtübernahme der Faschisten wurde er dann im Rahmen einer Terrorwelle der Gestapo gegen die Opposition erneut verhaftet. Nach insgesamt sechs Jahren Haft in Gefängnissen und Konzentrationslagern sei er körperlich ausgezehrt gewesen, aber, so der Autor, „in seinem Willen ungebrochen, die Dinge wieder in die Hand zu nehmen“ (13) und den politischen Wiederaufbau des Landes anzupacken. Als die Rote Armee Wien befreite, setzten die Sowjets auf die Fachkenntnisse des ehemaligen Bauernfunktionärs Figl, um die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Über die Spitze des Bauernbundes und die Mitbegründung der Österreichischen Volkspartei führte sein Weg zum „De‑Facto‑Vizekanzler“ (7) der provisorischen Regierung unter Karl Renner – und das nur drei Wochen nach seiner Entlassung aus der NS‑Haft. Als die ÖVP dann 1945 die Wahlen gewann, setzte er sich erfolgreich gegen parteiinterne Konkurrenten als Kanzlerkandidat durch, indem er „Leadership“ (151) zeigte. Seine Regierungserklärung sei dann, schreibt Wohnout, zur begeistert aufgenommenen „Magna Charta des Neubeginns“ (181) geworden.
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Rubrizierung: 2.4 | 2.1 | 2.22 Empfohlene Zitierweise: Wolfgang Denzler, Rezension zu: Helmut Wohnout: Leopold Figl und das Jahr 1945. St. Pölten: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/38820-leopold-figl-und-das-jahr-1945_47183, veröffentlicht am 03.09.2015. Buch-Nr.: 47183 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenCC-BY-NC-SA