/ 11.06.2013
André Kieserling
Kommunikation unter Anwesenden. Studien über Interaktionssysteme
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1999; 520 S.; geb., 68,- DM; ISBN 3-518-58281-XDie Studie ist die stark überarbeitete Fassung einer 1997 ander Universität Bielefeld eingereichten Dissertation; die Wahl des Themas erfolgte auf Anregung von Niklas Luhmann, dessen Werk - neben dem von Erving Goffman - in der Sicht des Autors paradigmatischer Status für die begriffliche Erschließung von Interaktion zukommt (484). Schon die Verknüpfung dieser Namen signalisiert den programmatischen Anspruch der Arbeit: In der Forschungspraxis ebenso wie in verbreiteten Soziologie-Einführungen wird die Analyse von Interaktionsverhältnissen - also von Kommunikationen unter Anwesenden - methodologisch und konzeptionell als eine Art Kontrastprogramm von gesellschaftstheoretischen Ansätzen abgehoben. Dahinter steht - und nicht nur bei Anhängern der Ethnomethodologie - die Vorstellung, Interaktion unter konkreten Personen sei ein Gegenmodell zu einer letztlich desozialisierten Gesellschaft, die in ihrer Funktionslogik von Individuen abstrahiere (21). Kieserling will eben dieser - falschen - Gegenüberstellung von Gesellschaft und Interaktion durch den Nachweis den Boden entziehen, dass beide "unterschiedliche Typen der Bildung und Ausdifferenzierung sozialer Systeme" (254) darstellen. Diese Absicht kann, wenn überhaupt, allein im Rahmen einer "Supertheorie mit universalistischem Anspruch" (23) realisiert werden und damit steht natürlich die Systemtheorie in der von Luhmann ausgearbeiteten Fassung als Referenztheorie fest: "Alles, was soziologisch behandelt werden kann, kann danach auch systemtheoretisch behandelt werden." (23). Ernst genommen enthält dieser Satz den weitergehenden Anspruch, die Systemtheorie transzendiere die Unterscheidung von Mikro- und Makrotheorie (213 ff.). So versteht Kieserling seine Bemühungen nicht als eine Ergänzung der bisherigen, unstrittig anerkannten gesellschaftstheoretischen Leistungen der Systemtheorie um eine Mikrotheorie, sie gelten vielmehr einer Aktivierung des "mikrotheoretische[n] Potential[s] der Systemtheorie selbst" (31). Im ersten Teil geht es zunächst um eine Darstellung der Eigenlogik von Interaktionssystemen, während der zweite Teil Unterschiede gegenüber anderen Sozialsystemen herausarbeitet; der dritte Teil schließlich zeichnet in wissenssoziologischer Perspektive die semantische Tradition der Begriffe von Gesellschaft, Sozialität und Interaktion nach. Insgesamt ist die Studie eine ebenso spannend wie anregend formulierte Anwendung systemtheoretischer Unterscheidungen auf eine spezifische - von Interaktionsbegriffen gebildete - Empirie; dabei nimmt Kieserling gegenüber alternativen Positionen prägnant Stellung, weitgehend ohne jene polemische Ironie, zu der Luhmann in solchen Fällen gegriffen hätte.
Inhalt: 1. Interaktion als soziales System: 1. Zur Einführung: Interaktionsbegriff und Systemtheorie; 2. Differenzierte und undifferenzierte Sozialsysteme; 3. Bestimmung der Systemgrenzen; 4. Doppelte Kontingenz; 5. Reflexive Wahrnehmung; 6. Direkte und indirekte Kommunikation; 7. Zur Funktion von Themen. II. Interaktionen und andere Sozialsysteme: 8. Interaktion und Gesellschaft; 9. Konflikte in Gesellschaft und Interaktion; 10. Klatsch in der Interaktion; 11. Interaktion in Organisationen. III. Wissenssoziologische Perspektiven: 12. Zur historischen Semantik von Sozialität und Interaktion.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: André Kieserling: Kommunikation unter Anwesenden. Frankfurt a. M.: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10115-kommunikation-unter-anwesenden_11961, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 11961
Rezension drucken
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
CC-BY-NC-SA